Sicherheit

So testet Straßen.NRW Autobahn-Brücken auf ihre Sicherheit

Infrastruktur in NRW: Wie sicher sind unsere Brücken?

Im August 2018 stürzte in Italien eine Autobahnbrücke ein. Zahlreiche Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Auch in NRW stehen „marode Brücken“ immer wieder im Fokus: Wie sicher sind unsere Brücken?

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Schwerte.   Alle sechs Jahre steht für jede der 10.184 Brücken, die Straßen.NRW betreut, die Hauptprüfung an. Wir waren an der Schwerter Ruhrtalbrücke dabei.

Sie klopfen gegen diese arme Brücke wie die Spechte: Thorsten Ziolek malträtiert mit Decke und Wände des „Hohlkastens“ in ihrem Inneren mit einem Hammer, Peter Beuers bearbeitet vom Hubsteiger aus Quadratmeter für Quadratmeter des seitlichen „Kragarms“, Klaus Marx widmet sich auf der „Unterflurbühne“ dem Teil der Brücke, der über Wasser liegt. Hauptprüfung nach DIN 1076 nennt Ahmed Karroum das, oberster Brückenprüfer des Landesbetriebs Straßen.NRW.

Alle Bauteile werden inspiziert

Alle sechs Jahre steht für jede Brücke im Land eine solche Prüfung an, ein umfassender Check auf Schäden und Fitness. An diesem eisigen Morgen ist die A 45-Ruhrtalbrücke bei Schwerte-Ergste an der Reihe. „Handnah“ werden zwei Prüfteams, Ingenieure und Techniker, das Bauwerk untersuchen – das heißt, sie werden es wenigstens zwei Tage lang auf Herz und Nieren prüfen; sie werden der Brücke dazu nicht nur vor den Kopf, sondern auch in den Bauch gucken; alle, einfach alle Bauwerksteile gründlich inspizieren. „Damit wir ruhig schlafen können“, sagt Ahmed Karroum (47).

Dass sich ein Unglück wie das von Genua, wo im August eine einstürzende Brücke 43 Menschen in den Tod riss, in Deutschland wiederholen könnte, fürchtet er nicht. An den letzten Einsturz einer Brücke in Deutschland könne er sich kaum erinnern. Aber „Vorsicht sei die Mutter der Porzellankiste.“ Und viele der 10.184 Brücken, die Straßen.NRW betreut, kämen langsam in die Jahre. „Sie bröckeln nicht“, sagt Sprecher Bernd Löchter, „aber sie altern.“

Der Verkehr explodiert

Der rostige Kringel, den Peter Beuers gerade vom Hubsteiger aus checkt, ist aber kaum mehr als ein Schönheitsfehler. Genau wie der Fleck daneben, der einem eitrigen Geschwür ähnelt. „Sieht harmlos aus“, sagt der 50-jährige Bauingenieur, „ist es auch.“ Nur „Kalkablagerung und Aussinterung“, nichts Ernstes. Das Löchlein zwei Meter weiter dagegen bedarf näherer Begutachtung, heftigerem Klopfen. „Klingt hohl“, erklärt der Experte, „da ist Feuchtigkeit eingedrungen.“ Mit gelber Kreide markiert er die Hohlstelle für die Sanierung.

Die meisten Brücken im Land sind für eine Lebensdauer von 100 Jahren geplant und entstanden in den 60er/70er-Jahren. Außerdem waren sie ursprünglich für eine deutlich geringere Verkehrsbelastung ausgelegt, als sie heute zu tragen haben. Die Schwerter Brücke etwa, 1967 eröffnet, war für rund 30.000 Fahrzeuge ausgelegt. Heute rollen täglich rund 90.000 Fahrzeuge über sie. „Der Verkehr explodiert“, sagt Ahmed Karroum. Vor allem der Schwerlastverkehr. Und ein Lkw beansprucht eine Brücke in etwa so stark wie 60.000 Pkw.

Bei rund 550 älteren Brücken, deren „Tragfähigkeitsreserven“ erschöpft sein könnten, wurde die Statik schon „nachgerechnet“. Rund zwei Drittel müssen durch Neubauten ersetzt werden. Bei anderen reicht es, sie zu „ertüchtigen“. Auffällige Stahlstreben unter der Schwerter Brücke zeugen davon, dass sie zu letzteren zählt.

Thorsten Ziolek (48) ist seit 15 Jahren Brückenprüfer. Das „Bauwerksbuch“, in dem alles Wissenswerte über die Schwerter Brücke vermerkt ist, die er selbst schon zweimal genau inspiziert hat, nennt er seine „Patientenakte“. „Bisher“, stellt er im Hohlkasten gerade zufrieden fest, „sieht alles gut aus“. Keine Risse, das sei wichtig; die seien erste Hinweise auf Schäden. Ab 0,1 Millimeter Stärke kartiert er sie, empfiehlt gegebenenfalls noch genauere Untersuchungen. Und wie immer wird sich der 1,85 Meter-Mann am Nachmittag wünschen, „doch etwas kleiner zu sein.“ Der Hohlkasten ist nicht einmal 1,70 Meter hoch.

Das Brückenuntersichtgerät

Klaus Marx hat nicht mit mangelnder Stehhöhe zu kämpfen. Aber mit der Kälte: Er arbeitet auf dem „Brückenuntersichtgerät“: einem Spezial-Fahrzeug, das auf der Brücke parkt und eine Hebebühne unter sie bugsiert. Was hilft, wenn unter der Brücke ein Fluss fließt. Von der Bühne aus: klopft auch er die Brücke ab. Fünf Schläge pro Quadratmeter. Bibbernd.

Dass 20 Meter hinter dem „Brückenuntersichtgerät“ auf der A 45 ein massives Streufahrzeug steht, hat allerdings nichts mit der Kälte zu. Es soll verhindern, dass Autos oder Lkw in die Baustelle rasen. „Unsere Lebensversicherung“ sagen die Männer, die hier eine Brücke prüfen. Zur Sicherheit aller Auto- und Lkw-Fahrer.

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