Taubensport

Wie die Brieftaubenzüchter nun in die Image-Offensive gehen

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: 42 Tauben mit vorzeigbarem Stammbaum wurden versteigert für einen guten Zweck.

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: 42 Tauben mit vorzeigbarem Stammbaum wurden versteigert für einen guten Zweck.

Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   15.000 Züchter besuchen die Deutsche Brieftauben-Ausstellung in Dortmund. Nach dem verpassten Kulturerbe-Titel planen sie nun eine Imagekampagne

Lieber Himmel, jetzt sind auch schon beim Taubensport die Namensschilder deutsch und chinesisch! Cornelia Appuhn trägt eines, weiß sie doch: 21 Entsandte aus China sind auf der Deutschen Brieftaubenausstellung (DBA) hier in den Westfalenhallen, darunter einige Bekannte.

Die Bochumerin war nämlich gerade selbst auf der Messe in Nanjing: Jemand hat dort, erinnert sie sich, für 2,75 Millionen Euro eine Taube gekauft. „Aber sie hat auch zehn Millionen Euro Preisgelder eingeflogen.“ Chinesen wetten gern auf Tauben, und damit geht es aufwärts mit dem Taubensport; und in Deutschland, sagen wir, eher nicht.

Fünf Tauben für 11.000 Euro

Hier herrschen zunächst andere Zahlen. Auf der Auktion in Halle 1, vorne die Bühne, im Saal lange und dicht besetzte Tischreihen. „100 Euro, 120 Euro, 140 dort hinten am Bierstand“, ruft der Auktionator, „. . . 220 zum Ersten, 220 zum Zweiten, und 220 . . . 240 Euro da vorne.“

Hier erregt schon jemand Aufsehen wie der Züchter Rudolf Flügel, der entschlossen Tauben von erlesener Herkunft ersteigert. Vier hat er bereits beisammen: ist vier Mal auf die Bühne hochgegangen, hat vier Mal bezahlt, vier Schnäpse bekommen. (Vor)Mittags, versteht sich. „Eine noch“, sagt er beim Runterklettern. Flügel lässt heute 11.000 Euro hier.

Niemand weiß mehr, seit wann es die Ausstellung gibt

Es ist die weltgrößte aller Taubenschauen, und so alt ist sie, dass niemand mehr weiß, wie alt: diese DBA, jährlich Anfang Januar in Dortmund. 2000 Tauben, 15.000 Besucher, 200 Industrieaussteller – dementsprechend gedrängt und laut geht es zu in Halle 3b. Futterrinnen und Schlagsauger kaufen sie hier, Ringe und Plaketten, Pickkuchen und Badesalz; Vitamine, „Kräutervital“, „Immun-o-flash“, „Magnesi-a-gold“.

Damit stopfen die Besucher, ganz überwiegend ältere Herrschaften, ihre Einkaufstaschen voll oder die Gepäcktaschen am Rollator. „Walter, brauchst gar nicht mehr rein, alles schon verkauft“, flachst ein Taubenfreund draußen einen Bekannten an.

Mahnwache der Tierschützer vor den Westfalenhallen

Richtig ist -- für viele Einkäufer gilt die Reklame des Dortmunder Flughafens ebenso, die im Zugang hängt: „Beine schwer. Taschen voll. Ab nach Hause.“

Da müssen sie dann vorbei an einer Mahnwache. Vor der Westfalenhalle stehen vielleicht 30 Tierschützer, fast alles Frauen; sie haben Kerzen angesteckt und Plakate umhängen: „Taubensport = 1000facher Mord“ steht darauf oder „Wer seine Tiere aussetzt, liebt sie nicht“. „Für uns ist das Tierquälerei“, sagt Katrin Müller vom „Stadttaubenprojekt Dortmund Körne-West“.

„Die sollen malochen gehen“

Doch die gleiche Sprachlosigkeit, die national zwischen Tierschutzverbänden und Taubenzüchterverband besteht, besteht auch hier am Rheinlanddamm: Man schimpft, statt zu reden. „Tierquälerei als Zeitvertreib“ sagt eine Tierschützerin – und ein Taubenvater im Vorbeigehen: „Die sollen malochen gehen.“

An dem Konflikt ist ja auch gescheitert, dass der Taubensport Kulturerbe wird. „Wenn ich sehe, dass wir abgelehnt worden sind, und in der Zeitung lese, dass der Wolf frei herumläuft, dann verstehe ich das nicht“, sagt der 79-jährige Züchter Johann Peters aus Straelen.

Mitte April wiederholen sie den „Tag der Brieftaube“

„Das hat uns alle bewegt, da reden sehr viele von“, meint Georg Hochholzer (58) aus Herne: „Aber wir machen uns gegenseitig Mut.“ 2020, so sind die Regeln, können sie einen neuen Anlauf nehmen in Richtung Kulturerbe.

Aufstehen und weitermachen ist dann auch ein bisschen die Stimmung hier am Wochenende. Jedenfalls soll es Mitte April wieder einen „Tag der Brieftaube“ geben: Züchter öffnen ihre Schläge für Neugierige. Und erstmals überhaupt sieht man Plakate einer Imagekampagne für den Taubensport.

Sie zitieren etwa den Essener Fußballer Helmut Rahn („Brieftauben hielten mich auf dem Boden“) oder den Bochumer Sänger Herbert Grönemeyer: „Dann lassen sie die Tauben in den Himmel fliegen . . . Das war ihre Art der Meditation.“ Die Plakate kommen demnächst wohl in die Öffentlichkeit. Totgesagte kämpfen länger.

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