Auslandseinsatz statt Arbeitsalltag

Bonn.   Sie hatten nur einen falschen Knopf gedrückt, und nichts funktionierte mehr: Die vier jemenitischen Schwestern wollten sich mit einem Frauen-Fotostudio in der Hauptstadt Sanaa eine Existenz aufbauen. Doch mit der modernen Technik waren sie völlig überfordert. Verzweifelt wandten sie sich schließlich an den Senioren Experten Service (SES).

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Sie hatten nur einen falschen Knopf gedrückt, und nichts funktionierte mehr: Die vier jemenitischen Schwestern wollten sich mit einem Frauen-Fotostudio in der Hauptstadt Sanaa eine Existenz aufbauen. Doch mit der modernen Technik waren sie völlig überfordert. Verzweifelt wandten sie sich schließlich an den Senioren Experten Service (SES).

Die Organisation mit Sitz in Bonn entsendet pensionierte Fachleute zu ehrenamtlichen Hilfseinsätzen in Schwellen- und Entwicklungsländer. Doch in diesem Fall war kein Ruheständler zu finden, der sich mit der modernen Fototechnik auskannte.

Stattdessen sprang die Fotografin Ute Grabowsky ein.Die Mitinhaberin einer Bildagentur hatte durch Zufall von der Expertensuche des SES erfahren und spontan beschlossen: „Das mache ich.“ Sie nahm sich vier Wochen frei und machte mit den vier Frauen im Jemen einen Crash-Kurs in Fotografie. Berufstätige wie Ute Grabowsky waren bislang bei staatlich geförderten Freiwilligeneinsätzen in Schwellen- oder Entwicklungsländern eine Ausnahme.

Für junge Erwachsene bis 28 Jahre gibt es den Freiwilligendienst „Weltwärts“. Und der SES vermittelt rüstige Ruheständler mit Fachwissen an hilfesuchende Betriebe in ärmeren Ländern. Mit dem neuen Programm „Weltdienst 30+“ will das Bundesentwicklungsministerium nun erstmals Berufstätige für Hilfseinsätze im Ausland gewinnen. Diese sollen im Urlaub oder in einem Sabbatjahr ihr Fachwissen vermitteln. Dass es auch bei Menschen mittleren Alters ein Interesse an Hilfseinsätzen gibt, erfährt der SES bereits seit Jahren. Denn obwohl sich ihr Angebot bislang nur an Senioren richtete, sind neben Ute Grabowsky noch rund 200 weitere berufstätige Fachleute bei der Organisation registriert.

„Es gibt immer mehr Menschen, die berufliche Auszeiten nehmen“, erklärt Heike Nasdala vom SES, der sich als Entsendeorganisation an dem neuen „Weltdienst 30+“ beteiligt. Oder es seien Selbstständige wie Ute Grabowsky, die selbst über ihre Zeit verfügen können. Für die 54-Jährige war es der Wunsch, „in die Welt hinauszugehen“, der sie zu ihrem Einsatz motivierte. „Außerdem war es auch die Freude, Wissen weiterzugeben.“

Ebenso wie im „Weltdienst 30+“ vorgesehen, war der Einsatz auch für Ute Grabowsky kostenfrei. Das sei nicht selbstverständlich, sagt SES-Mitarbeiterin Nasdala. Denn es gebe bereits eine Reihe Anbieter für Hilfseinsätze im Ausland, bei denen Berufstätige teilweise mehrere Tausend Euro für ihren Aufenthalt zahlen müssten. Der „Weltdienst 30+“, der mindestens vier Wochen und maximal sechs Monate dauert, wird hingegen mit Mitteln des Bundesentwicklungsministeriums gefördert. Für die Unterbringung der Experten sind wie auch bei den Senioren-Programmen in der Regel die Betriebe vor Ort zuständig.

Frauen konnten ihr Fotostudio vergrößern

Ute Grabowsky wohnte bei der Familie der vier jemenitischen Schwestern. Die Fotografin sah das als Vorteil: „Nie lernt man die Welt so gut kennen, als wenn man sozial eingebunden ist.“ Menschen, die sich auf einen solchen Dienst einließen, müssten jedoch sehr offen und tolerant sein, sagt Grabowsky. Denn gerade Einsätze wie im Jemen bedeuteten, sich auf eine völlig fremde Welt einzulassen.

Für Grabowsky hieß das, dass sie sich nicht frei bewegen konnte - zum einen, weil sie eine Frau ist, aber auch wegen der angespannten Sicherheitslage. „Ich fühlte mich in diesen vier Wochen teilweise auch kaserniert in meiner kleinen Frauenwelt.“ Aufgewogen worden sei das aber durch die intensive Zusammenarbeit mit den vier Frauen, die unglaublich wissbegierig gewesen seien. Außerdem habe sie in dem Bewusstsein gearbeitet: „Wenn ich das hier jetzt nicht tue, gibt es für die Frauen keine andere Möglichkeit“, sagt Grabowsky.

Nach ihrem ersten Aufenthalt 2010 reiste die Fotografin ein Jahr später erneut in den Jemen. Die vier Frauen hatten ihr Fotostudio dank der Hilfe bereits vergrößern können. Grabowsky möchte die Erfahrung nicht mehr missen: „Etwas Sinnvolles für andere Menschen zu tun und etwas bewegen zu können, war für mich bereichernd.“ Sie findet es sinnvoll, Freiwilligendienste auch für Berufstätige zu öffnen. Denn es gebe Branchen, in denen sich das Fachwissen so schnell ändere, dass Ruheständler manchmal nicht mehr auf der Höhe der Zeit seien.

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