Archäologie

Ausgrabung in Dortmund: Was ein Stück alter Hellweg verrät

Archäologe Timo Perschewski zeigt Mauerreste, die bei der Grabung gefunden wurden, Reste eines Stadttores.

Archäologe Timo Perschewski zeigt Mauerreste, die bei der Grabung gefunden wurden, Reste eines Stadttores.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Arbeiter sind in einer Baugrube in Dortmund auf ein Stück des legendären Hellwegs gestoßen. Man findet ihn nur bruchstückhaft – oder gar nicht.

Auf einem Brett auf dem Bürgersteig liegen ein Stein, zwei Scherben und ein Irgendwas. Mit Hingabe drapiert, mit Folie geschützt. „Eine Tülle?“, rätselt Dorothea Csitneki: „Löffel? Gürtelbeschlag? Anhänger? Teil eines Pferdegeschirrs?“ Man sieht es schon: Die Archäologin steht noch ganz am Anfang ihrer Arbeit mit dem Ding aus einer anderen Zeit. Nur welcher?

Doch wenn sie das Irgendwas enträtselt hat, dann kann sie es auch datieren. Und dann wissen sie, wie alt das ausgegrabene, primitive Pflaster ist, auf dem das Fundstück lag: vielleicht zwei Meter unter der Erdoberfläche des Jahres 2020, mitten in der Dortmunder Innenstadt, ausgangs der Fußgängerzone.

Rohre verlegt, Stadttor gefunden, das vor 210 Jahren abgerissen wurde

Die Arbeiter wollten hier doch nur Fernwärme-Rohre verlegen – und fanden die Reste einer Grundmauer des Ostentores, eines Stadttores, gebaut im 13. Jahrhundert, abgerissen 1810. Dass es hier irgendwo gewesen sein musste, das wenigstens wusste man vorher.

„Total spannend“, sagt der Dortmunder Stadtarchäologe Ingmar Luther. Denn das kleine Stück Pflaster unten in der Baugrube ist der Hellweg, die legendäre Handelsstraße zwischen den großen Ruhrgebietsstädten und weiter hinein ins Westfälische: „Den findet man immer nur bruchstückweise“, sagt der 39-Jährige.

„Wir mussten erstmal einen halben Meter Wasser abpumpen“

Und dann noch gepflastert! Den Luxus gab es nur innerhalb von Städten; außerorts, weiß Luther, war der Hellweg oft nur ein Knüppeldamm. Deshalb findet man ihn ja auch so schlecht.

Wie man sieht, sieht man als Laie fast nichts, der Regen hat alles Profil eingeebnet, „wir mussten erstmal einen halben Meter Wasser abpumpen“, sagt Luther. Dann aber doch: Zwischen Matsch und Dreck liegt eine künstliche Schicht aus Flussgeröll, Steine in besserer Kieselgröße, die die Menschen vor Jahrhunderten in den Boden setzten. Um zu verhindern, dass sie selbst samt ihrer Tiere und Lastkarren im Lehm einsanken.

Jeder Interessent soll sich eine virtuelle „Stadtentwicklung rückwärts“ ansehen können

Der geschärfte Blick des Fachmanns entdeckt an dem Pflaster sogar noch Spurrillen. „Aus archäologischer Sicht ein echter Hit!“ Überhaupt, die vielen Funde der letzten Jahre: Offenbar hat man beim Abriss des alten Dortmund kurz unter der Erdoberfläche Schluss gemacht. Fachleute sagen: Wenn man die Straßenschicht aufhebt und sich durch den Weltkriegsschutt gräbt, beginnt darunter schon das Mittelalter. Viel los in Dortmund, unter der Erde.

Sie werden die Fundstelle fotografieren, scannen und beschreiben; dann kommen die Rohre rein und alles wird wieder zugeschüttet. Das Eins-zu-eins-Abbild, die Aufnahmen und Vermessungen reichen dann, um den Funden weitere Fragen zu stellen. Luther jedenfalls, der Stadtarchäologe, will alle Funde digital aufarbeiten und öffentlich machen zu einem virtuellen Rundgang durch die Ausgrabungen. Dann könne sich jeder Dortmunder und jeder Interessent überhaupt „Stadtentwicklung rückwärts“ anschauen. Hier gräbt er. Er kann nicht anders.

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