Erkelenz/Ruhrgebiet. In Erkelenz hat ein Hotel eröffnet, das aus umgebauten Frachtcontainern besteht. Die Kette kommt auch ins Ruhrgebiet. Wie man im Container wohnt.

Dieses Hotelzimmer hat 15 Jahre die Welt erkundet. Damals hieß es freilich noch nicht „102“, sondern „CX20-41-xxx“; es war auch gar nicht im Besitz eines Hotels, sondern der „Jiashan Xinhuachang Co. Ltd“; und statt auf dem mutmaßlich festen Grund eines Erkelenzer Gewerbegebietes stand es in den Laderäumen oder an Deck schwankender Schiffe. Dieses Hotelzimmer war ein Seefracht-Container.

Jetzt ist er sesshaft geworden. Mit 14 weiteren, gebrauchten Containern bildet es seit dem letzten Wochenende das erste „Tin Inn“-Hotel in Nordrhein-Westfalen und damit, glaubt man den Betreibern, „das erste reine Container-Hotel im deutschsprachigen Raum“. Seien Sie aber nicht enttäuscht: Seinem selbstironischen Namen (übersetzt „Gasthaus Dose“ oder „Büchse“) wird es nicht wirklich gerecht.

Container halt: Die Hotelzimmer sind länger und schmaler

Mit-Geschäftsführer Nico Sauerland steht im Eingang des Gebäudes.
Mit-Geschäftsführer Nico Sauerland steht im Eingang des Gebäudes. © FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

„Das war so ein Brainstorming-Ding und klang gut“, sagt der BWLer Nico Sauerland, einer der Geschäftsführer. Fenster sind durchaus vorhanden, und innen drin sind die Räume ganz normale, wertige Hotelzimmer; verglichen mit Standard-Zimmern der großen Ketten allerdings deutlich länger und schmaler. An dieser Stelle lassen die Container dann doch erkennbar grüßen.

Das neue Hotel in Erkelenz hat für diese Woche die ersten Buchungen, das Einzelzimmer kostet 65 Euro. Weitere „Tin Inns“ sollen alsbald folgen: in Heinsberg, Hückelhoven, Montabaur, demnächst auch in Bergkamen im Ruhrgebiet. „Für die großen Ketten sind kleine Städte uninteressant, und die kleinen Hotels dort werden eher weniger“, sagt Sauerland: „In diese Lücke passen wir gut rein.“ Man merkt es an dem Satz: Der Mann kommt selbst aus der Containerbranche.

Die Firma isoliert und veredelt Container seriell und industriell

Denn mit zwei Kollegen führt Sauerland die „Containerwerk eins GmbH“ im rheinischen Wassenberg. Sie isoliert solche Container seit 2017 seriell und industriell, veredelt sie anschließend zu Büros, Ferienwohnungen, zu Kita- oder Krankenhaus-Räumen und ist zuletzt wohl ganz gut ins Geschäft gekommen: 600 Container hat sie umgebaut, davon 300 im letzten Jahr.

Jetzt machen die drei Männer mit ihren Containern einen Ausfallschritt in die Hotellerie: Die Zimmer produzieren sie selbst und stapeln sie am Standort aufeinander, es folgen Innenausbau und Leitungen und ein Betonvorbau für Treppen und Wirtschaftsräume. Mehr Raum braucht es nicht, Empfang und Restaurant gibt es nicht, von Buchung über Betreten bis Bezahlung läuft alles digital.

Die Erkelenzer Lage des Hotels ist am Stadtrand, die Umgebung ein Gewerbegebiet, die Autobahn ist nah, der optische Reiz erschließt sich also nicht jedem. Doch diese Lage ist Programm für alle weiteren Tin Inns: Sie sind gedacht eher für Handlungsreisende als für Familien. „Wir haben versucht, das Hotel zu entwickeln, das wir selbst gesucht haben“, sagt Sauerland. Das Ergebnis kann man als 3B-Theorie bezeichnen: „Bett, Bad, Bildschirm.“ Später kommt noch ein „M“ hinzu, M wie Minibar.

Aus China landen viel mehr Container in Europa als umgekehrt

Länger und schmaler als ein übliches Zimmer: Dies war mal ein Frachtcontainer.
Länger und schmaler als ein übliches Zimmer: Dies war mal ein Frachtcontainer. © FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

Aber wieso sollten stählerne Seefracht-Container Hotelzimmer abgeben? Sind sie nicht unkaputtbar, solange sie nicht im Hafen vom Haken fallen? Doch, das sind sie. Das Problem ist ein anderes: Da China viel mehr nach Europa exportiert als Europa nach China, landen in Europa immer viel mehr dieser Container an, als zurückgehen. Und sie sind nicht mit acht Cent bepfandet.

„Sie sind wie Leergut“, sagt Sauerland tatsächlich. Nutzlos, wenn sie nicht kursieren. Man kann sie einschmelzen. Manche gehen auch mit Schrott oder Textilien nach Afrika und bleiben dort. Wieder andere verschwinden. Oder man kann seit neuestem ganz beruhigt drin wohnen. Denn laut Container-Identifikationsnummer an der Wand von „102“ kann das Zimmer etliche Gäste aufnehmen - bis zu einem Gesamtgewicht von 32.500 Kilo.