Ruhrgebiet. Wie angekündigt, haben die Gewerkschaften Verdi und EVG den Nah- und Zugverkehr in NRW stillgelegt. Doch Chaos bleibt aus, die Straßen sind frei.

Wenn kein Zug fährt, ist der Taxistand am Hauptbahnhof ja der denkbar unglücklichste Ort. Ganz vorn in der Schlange steht Özkan Arslan, unterhält sich mit Kollegen, die Zeit dazu ist da. Arslans Auto ist das erste von 27 Taxis in Dreierreihen, doch es nützt ihm ja nichts: „Fehlschlag, es sind keine Kunden da“, sagt der Dortmunder: „Aber der Tag ist noch lang.“

Der Grund des Fehlschlags präsentiert sich auf der anderen Straßenseite: 200 bis 300 Orangewesten, die mit Tröten und Rasseln jede Menge Lärm machen. Sebastian Bitterwolf von der Eisenbahner-Gewerkschaft begrüßt von der Bühne aus, mit dem Mikro und rhetorisch ausgereift unter anderem „das Weichenwerk Witten . . . DB Fernverkehr Münster . . . Westfalenbus aus Schwerte: Schön, dass ihr es geschafft habt, herzukommen!“ Schön für ihre Demonstration. Sie rasseln und tröten und winken mit ihren Schildern: „Wir sind mehr wert.“

Über 37.000 Menschen sollten allein ab Düsseldorf fliegen

Das befürchtete Chaos auf den Straßen bleibt aus: hier das Bochumer Westkreuz, wo der Verkehr sonst fast jeden Morgen steht.
Das befürchtete Chaos auf den Straßen bleibt aus: hier das Bochumer Westkreuz, wo der Verkehr sonst fast jeden Morgen steht. © FUNKE Foto Services | Svenja Hanusch

Nicht so schön aus ihrer Sicht: Der Tag macht zunächst nicht den verheerenden Eindruck, den er machen sollte. Denn de meisten anderen Menschen finden an diesem Montag auch ans Ziel. Von einem „lahmgelegten Nordrhein-Westfalen“ kann keine Rede sein, von „Megastau“ keine Spur. Um neun Uhr ist die Gesamtlänge der Staus auf den Autobahnen von NRW: 24 Kilometer. Montags. Wenn die A40 schlecht gelaunt ist, schafft sie das sonst allein. Diesmal sagt Bochums Polizeisprecherin Gianna Kruck: „Alles entspannt.“

Aber natürlich spielen sich vieles im Verborgenen ab: Dieser Montag ist kein Alltag. Wie viele Termine abgesagt und verschoben wurden wegen des Streiktags, man weiß es nicht. Wie viele Leute sich zu Heimarbeit entschieden, das weiß man auch nicht. Die, die sich ärgern und schimpfen, sind einfach nicht da. Sie sind ja nicht blöd, sie haben sich irgendwie umorganisiert. Über 37.000 Menschen sollten Montag allein ab Düsseldorf fliegen, die haben bestimmt nicht geschunkelt, als das nicht ging.

„Ich kann nach der Schule drei Kinder mitnehmen. Hat jemand Interesse?“

Was man sieht, sind mehr Autos zu früherer Stunde. Frühstarter. Später auch mehr Fußgänger, mehr Radfahrer, mehr Fahrgemeinschaften. Auch zu den weiterführenden Schulen. Elterntaxis positiv. Steht so oder ähnlich am Sonntag in ganz vielen Chats: „Hallo zusammen, ich kann morgen nach der Schule drei Kinder mitnehmen. Hat jemand Interesse?“

Ihr Auto wird voll. Man darf glatt unterstellen: Lieber teilen sich Mütter und Väter die Fahrerei, als dass die Kinder zuhause am Bildschirm Schule haben. Der Horror von 20/21 sitzt tief. Und wenn die Straßen dann auch noch so frei sind . . .

Vereinzelt tauchen auch Anhalter auf. Ein Mann in Bochum, der den Tramper-Daumen raushält, lässt ahnen, das etwas anders ist. In Essen hat sich die 66-jährige Ute Mäuser ein Schild gemalt und umgehängt: „Richtung Hbf.“ Als Rentnerin hilft sie dort gelegentlich in einer Arztpraxis aus. Lange hält niemand an für Frau Mäuser, dann doch noch, als sie schon entschlossen losmarschiert ist. Wie kommt sie wohl zurück?

Kein Bus fährt nach Dorstfeld - aber nach Zagreb schon

Die Bahnhöfe im Ruhrgebiet sind nahezu menschnleer. Ein Mitarbeiter leert Mülleimer, auch die „DB Sicherheit“ ist präsent.
Die Bahnhöfe im Ruhrgebiet sind nahezu menschnleer. Ein Mitarbeiter leert Mülleimer, auch die „DB Sicherheit“ ist präsent. © FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

Versprengte und Gestrandete gibt es nur in Einzelfällen. Reisende aus dem Ausland, die kein Deutsch können, die nichts ahnten, die ratlose Gesichter machen. Eine Ärztin im Hauptbahnhof Duisburg, die nach Oberhausen will und auf gut Glück gekommen ist: „Ich probiere es einfach mal.“ Sie hat kein Glück. Ebenso wenig eine Auszubildende aus Witten: „Ich bin eigentlich auf den Zug angewiesen, um zur Arbeit zu kommen, aber leider lässt die Gewerkschaft einen im Stich.“ Auch ärgert sie sich über Apps, die Züge anzeigen, die dann doch nicht kommen.

Ansonsten sind die Hauptbahnhöfe geradezu gespenstisch leer. In Essen Stille, man hört nur das Flügelschlagen der Tauben. Manche Rolltreppen fahren für Nichts, oben dann kann man sehen, dass auf all den Bahnsteigen kein einziger Mensch steht. Die Situation von nachts um 3, nur in hell. In Dortmund vor dem Bahnhof wüsste man nicht, wie mit U-Bahn oder Bus nach Brackel oder Lütgendortmund kommen; aber hinter dem Bahnhof fahren die Fernbusse. Kopenhagen, Zagreb - du kommst jetzt leichter nach Varna als nach Dorstfeld.