Mytilini. Geflüchtete auf der griechischen Insel Lesbos erleben Rassismus und Zurückweisung – auch durch die Regierung. Am Sonntag kommt der Papst.

Lesbos putzt sich, denn man erwartet den praktisch allerhöchsten Besuch: Papst Franziskus wird am Sonntag auf der Insel landen und mit Flüchtlingen reden. „Ich werde Gelegenheit haben, mich einer verwundeten Gesellschaft zu nähern in Gestalt der vielen Flüchtlinge, die Hoffnung suchen“, sagt er vorab dazu. Franziskus besucht Zypern und Griechenland für insgesamt fünf Tage.

Das Flüchtlingsthema ist Franziskus (84) wichtig. Seit Jahren mahnt er die europäische Politik, „Lösungen der Migration aufzuzeigen“. Wie bei seinem Besuch auf der Insel 2016 wird erwartet, dass er auch in diesem Jahr einige Flüchtlinge auf der Rückreise mitnehmen wird – so wie 2016 die Bootsflüchtlinge Nour und Hassan Essa und ihren kleinen Sohn. Nour Essa (36) arbeitet heute als Biologin im päpstlichen Kinderkrankenhaus „Bambino Gesù“ in Rom und sagt: „Ich danke Papst Franziskus, dass er unser Schicksal verändert hat.“

Papst Franziskus war schon einmal auf Lesbos: Hier segnet er 2016 Flüchtlingsfamilien im Lager Moria.
Papst Franziskus war schon einmal auf Lesbos: Hier segnet er 2016 Flüchtlingsfamilien im Lager Moria. © dpa | FILIPPO MONTEFORTEPool

Ausweis oder Impfung: Immer gibt es zwei Warteschlangen

Ob die Neuankömmlinge im Vatikan bleiben, in Italien oder sonstwo in der EU, ist unklar. Es gibt in der Union einen Verteilmechanismus für anerkannte Flüchtlinge aus Griechenland, um Druck von dem Land zu nehmen. Die Quote wird aber nicht umgesetzt, manche Länder verweigern sich komplett, jemanden aufzunehmen. Die Asylverfahren in Griechenland dauern wegen der Pandemie und der hohen Zahl der Antragsteller sehr lang. Zudem sind sie sehr kompliziert: Die Hilfsorganisation Lesvos Solidarity bietet ihren Schützlingen inzwischen eigene Kurse an, in denen sie besonders alleinstehenden Frauen beibringen, sich und ihre Kinder im bürokratischen Dschungel zu behaupten.

Hinzu kommt, dass manche Griechen die Flüchtlinge am liebsten gleich wieder loswerden würden. Lesol berichtet von einem „demütigenden Alltagsrassismus“: Wer einen Ausweis beantragen will, müsse beim Polizeibüro draußen warten, für alles, auch für die Corona-Schutzimpfung, gebe es immer zwei Schlangen – eine für Einheimische, eine für Flüchtlinge. Klar, welche Reihe länger ist. „So“, sagt die Sozialarbeiterin Xenia Chatzidaki, „stelle ich mir Apartheid vor.“

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Lesol-Mitarbeiter berichten von verbotenen „Pushbacks“

Ihre Kollegen berichten auch davon, dass die Regierung die Zurückweisung von Menschen selbst in die Hand nehme. Jeden Abend, das bestätigt auch Jürgen Schübelin, für die Kindernothilfe im November vor Ort, laufe aus dem Hafen von Mytilini die Küstenwache mit mehreren militärisch aufgerüsteten Schiffen aus. Mitarbeiter von Lesol berichten, sie suchten Handy-Signale von Flüchtlingsbooten, drängten diese mit Stöcken und Schüssen ins Wasser wieder zurück in türkische Hoheitsgewässer – oder setzten Menschen sogar vom Strand aus wieder in die Schlauchboote zurück Richtung Osten. Erlaubt sind solche „Pushbacks“ nicht.

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Mancher, der es doch schafft, anerkannt zu werden, reist danach auf eigene Faust weiter (was man befristet darf) und stellt einen zweiten Asylantrag in einem anderen EU-Land (was nicht vorgesehen ist). In Deutschland haben etwa 35.200 Menschen Asylanträge gestellt, bei denen es „Hinweise gibt, dass sie bereits in Griechenland als schutzberechtigt anerkannt wurden“, so ein Sprecher des „Bundesamtes für Migration“. Die deutschen Verfahren würden entsprechend „rückpriorisiert“, die Menschen zunächst auf die Bundesländer verteilt.

>>INFO: HIER KÖNNEN SIE DEN KINDERN HELFEN

Die Kindernothilfe arbeitet vor Ort mit der Hilfsorganisation Lesvos Solidarity, kurz Lesol, zusammen. Lesol kümmert sich um die besonders Schutzbedürftigen unter den Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos: junge Mütter, Kranke, unbegleitete Kinder, Opfer von Misshandlungen, Schiffbrüchige, die Angehörige verloren haben. Sie werden betreut und möglichst in eigene Unterkünfte außerhalb der Lager vermittelt.

Hier können Sie Kindern helfen, das Spendenkonto der WAZ-Weihnachtsspendenaktion hat dieselbe Nummer wie in den vergangenen Jahren.
Empfänger: Kindernothilfe
Stichwort: Lesbos
IBAN: DE4335 0601 9000 0031 0310
BIC: GENODED1DKD (Bank für Kirche und Diakonie)

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