Prozess

Anklage sieht BVB-Anschlag als eine Wette auf den Tod

Druckwelle und Metallbolzenbeschädigten den Bus, ein Nagel drang in eine der Kopfstützen ein.

Foto: Ralf Rottmann

Druckwelle und Metallbolzenbeschädigten den Bus, ein Nagel drang in eine der Kopfstützen ein. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   28-fachen Mordversuch wirft die Anklage Sergej W. vor, der Sprengsätze auf den BVB-Bus gefeuert haben soll. Am Donnerstag beginnt der Prozess.

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Wer sich als Fan von Borussia Dortmund im Prozess um den Anschlag auf den BVB Nähe zu seinen Stars erhofft, wird enttäuscht. Denn nach Angaben ihres Anwaltes Alfons Becker sind die Fußballprofis zwar Nebenkläger, das Landgericht Dortmund wollen sie aber nur als Zeugen betreten. Dann können sie Sergej W. direkt ins Gesicht blicken. Dem 28-Jährigen, der laut Anklage aus Geldgier ihren Tod billigend in Kauf nehmen wollte.

Ab Donnerstag macht die Justiz dem Elektriker aus dem 22 000 Einwohner großen Freudenstadt im Schwarzwald den Prozess. Auf Mordversuch lautet die Anklage. Den Tod von 28 Menschen soll er in Kauf genommen und drei Mordmerkmale verwirklicht haben: Habgier, Heimtücke und Verwendung gemeingefährlicher Mittel.

Sprengsatz mit sieben Zentimeter langen Nägeln

Laut Anklage hatte er in einer Hecke vor dem Mannschaftshotel „L’Arrivee“ im Dortmunder Süden drei selbst gefertigte Sprengsätze verborgen, bestückt mit sieben Zentimeter langen Nägeln. Vom Hotel aus habe er sie am 11. April 2017 um 19.16 Uhr gezündet, als der Mannschaftsbus mit 18 Spielern sowie acht Mitgliedern des Trainer- und Betreuerstabs zum Stadion fuhr, auf dem Weg zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco. Durch die Explosion erlitt ein Polizist ein Knalltrauma. Spieler Marc Bartra (26), er kam zu Beginn der Saison von Barcelona zum BVB, brach die Druckwelle den Unterarm. Die herausgeschleuderten Metallstifte beschädigten den Bus, mehrere Autos und ein Gebäude. 250 Meter weit flog der weiteste Nagel.

Die Freudenstädter zeigten sich geschockt, als Beamte des Bundeskriminalamtes Sergej W. an seiner Arbeitsstelle in Tübingen festnahmen. „Ich hätte das nie von ihm gedacht“, sagte einer dem „Schwarzwälder Boten“. Sergej W. habe nett und ordentlich gewirkt: „Einer, der sein Geld ehrlich verdiente.“

Kontaktschwierigkeiten und Depressionen

Doch dieses Geld soll ihm nicht gereicht haben. Als er 14 Jahre alt war, zog seine russlanddeutsche Familie von Tscheljabinsk am südlichen Ural nach Freudenstadt. Sergej W. passte sich an, erzielte gute Noten und bekam einen Job in einem Tübinger Heizwerk. Im Prozess wird es auch um sein Leben gehen. Dass er Kontaktschwierigkeiten hatte, manchmal depressiv wirkte. In psychiatrischer Behandlung soll er gewesen sein – und immer auf der Suche nach einer Frau.

Und dann dieser Anschlag, der ihm, falls er der Täter ist, den Weg in die Welt der Reichen und Schönen öffnen sollte. Wie die Ermittler herausfanden, finanzierte er über einen Kredit in Höhe von 50 000 Euro riskante Finanzgeschäfte.

Mit den 96 000 Put-Optionen, 36 600 CFD-Kontrakten und 1000 Knock-Out-Optionsscheinen soll er auf den fallenden Kurs der BVB-Aktie gesetzt haben, sagt die Anklage. Eine Wette auf den Tod. Denn Voraussetzung für den gewinnbringenden Börsencrash wären Verletzung oder Tod der Lizenzspieler.

Nach dem Anschlag ein Steak im Restaurant

Es wirkt wie das Werk der eiskalten Gegenspieler von James Bond. Bis hin zum genüsslich verzehrten Steak nach der Tat im Hotelrestaurant und der Massage im Wellnessbereich des „L’Arrivee“. Aber trotz der akribischen Planung sollen ihm dilettantische Fehler unterlaufen sein. Die Fahnder fanden deutliche Spuren auf seinem Computer und im WLAN des Hotels. Aus seinem Gewinn ist wohl auch nichts geworden. Mit dem Verkauf der Scheine erzielte er laut Anklage 5872,05 Euro Profit. Rein rechnerisch hätten es 500 000 Euro werden können. Hinweise fand die Polizei auch, dass Sergej W. nach der Tat im Internet nach Seilbahn-Gesellschaften in den Alpen suchte. Ein neues Anschlagsziel?

Ein Geständnis von Sergej W. gibt es nicht. Bei der Psychiaterin soll er gesagt haben, er sei unschuldig. In Dortmund habe er Urlaub machen wollen. Seine Anwälte Christos Psaltiras und Carl W. Heydenreich erwecken in einer Pressemitteilung zudem den Eindruck, der Täter habe die Sprengsätze „bewusst“ so aufgestellt, dass der Bus und seine Insassen gar nicht getroffen werden. Das passt weder zu einem Urlaub noch zu einer Wette auf fallende Aktienkurse.

Opfer haben die Tat unterschiedlich verarbeitet

Was ein solcher Anschlag, ein schrecklich lauter Knall aus dem Nichts mit Verletzungen und Blut bei den Businsassen bewirkt, auch das wird Thema des Prozesses sein. Die Betroffenen hätten das unterschiedlich verarbeitet, sagt Nebenklageanwalt Alfons Becker: „Aber das werden Spieler und Betreuer vor Gericht schildern.“ Rechtsanwalt Boris Strube, der den Polizisten vertritt: „Er war lange krank geschrieben, leidet heute noch.“

100 Plätze gibt es für die Zuhörer im Saal 130, etwas weniger als die Hälfte ist für die Presse reserviert. Das Dortmunder Schwurgericht wird unter Vorsitz von Peter Windgätter verhandeln.

Der erste Prozesstag beginnt erst um zwölf Uhr

Der erste Sitzungstag am Donnerstag beginnt um zwölf Uhr. Viel mehr als die Anklage wird aus Zeitgründen wohl nicht zu hören sein, erst am 8. Januar geht es weiter.

18 Tage sind geplant, um die Beweislage zu prüfen. Ob sie Sergej W. überführen wird? Opferanwalt Becker, dessen Kanzlei in vielen Bereichen den BVB vertritt: „Ich bin ja nicht der Verteidiger, aber ich würde mir an deren Stelle nicht zu viel Hoffnungen machen.“

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