VERMISSTENFALL

Amnesie: Vermisster Mann (55) hat sein Gedächtnis verloren

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Auch am Dortmunder Hauptbahnhof soll Jürgen N. aus Mönchengladbach gesehen worden sein. Von hier aus könnte er nach Hamburg weitergereist sein.

Auch am Dortmunder Hauptbahnhof soll Jürgen N. aus Mönchengladbach gesehen worden sein. Von hier aus könnte er nach Hamburg weitergereist sein.

Foto: Jakob Studnar

Mönchengladbach/Dortmund.   Vermisster Gladbacher ist zurück, soll aber sein Vorleben verloren haben. Dass er verwirrt einkaufte, hält ein Neurologe für unwahrscheinlich.

Drei Wochen nach seinem mysteriösen Verschwinden erinnert sich Jürgen N. aus Mönchengladbach noch immer nicht. Nicht an die fünf Tage im Januar, als seine Familie ihn verzweifelt suchte, nicht an den Montag, als er verwirrt in Hamburg gefunden wurde. Aber auch an nichts davor: In seinem Kopf scheinen 55 Jahre Leben ausgelöscht zu sein. Für Neurologen ist ein solcher Gedächtnisverlust nur schwer erklärbar.

Am 24. Januar um 6 Uhr früh war Jürgen N. zur Arbeit aufgebrochen, wo er aber nie ankam (wir berichteten). Am selben Tag noch fanden Suchtrupps sein Auto, unverschlossen, am Rande einer Bundesstraße bei Korschenbroich. Der Autoschlüssel lag im Fußraum, daneben Mobiltelefon und Arbeitstasche. Von dem Familienvater: keine Spur. Fünf Tage später entdeckte eine Frau den 55-Jährigen im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Weil er verwirrt schien, rief sie die Polizei. Erst im Krankenhaus konnte der orientierungslose Mann identifiziert werden.

Dass seine Familie zu ihm gehört, weiß er nur von Fotos

Inzwischen liegt N. in einem Krankenhaus in NRW, medizinisch sei er gesund, weiß Sohn Patrick von den Ärzten. „Aber er kann sich an nichts erinnern.“ An gar nichts. Dass die Menschen an seinem Bett zu ihm gehören, sagt der Sohn, wisse er zwar, aber nur von Fotos, auf denen er sie und sich selbst erkannt habe. Die Familie ist verzweifelt. Froh, dass der Vater wieder da ist, aber bestürzt über seinen Zustand. „Wo hat er übernachtet, wo hat er was gegessen, es gibt keine Anhaltspunkte.“

Nur diesen einen: In seiner Jackentasche fanden die Ermittler einen Kassenbon aus einem Supermarkt im Westen der Dortmunder Innenstadt. Zwei Brötchen hat N. sich offenbar gekauft, dazu einen Eistee; es war der Tag seines Verschwindens, Donnerstagnachmittag um kurz vor vier. Die Quittung beläuft sich auf nicht einmal zwei Euro. Auch einen Kaffee soll der 55-Jährige in der Nähe noch getrunken haben, das erfuhr die Familie bei eigenen Nachforschungen in Dortmund. Mitarbeiter einer Bäckerei, eines Blumenladens, auch einer Obdachloseneinrichtung erklärten dort, den 1,80 Meter großen Mann mit Brille gesehen zu haben. Auch eine Bahn-Angestellte am Hauptbahnhof erinnerte sich offenbar an ihn.

Neurologe: „Einkaufen ist eine komplexe Tätigkeit“

Es ist nicht genug, um die Reise zu rekonstruieren. Es passt aber auch nicht zum kompletten Gedächtnisverlust, sagt der Neurologe Prof. Richard Dodel. „Einkaufen ist eine komplexe Tätigkeit“, sagt der Chefarzt des Essener Geriatrie-Zentrums Haus Berge, auch eine Reise nach Hamburg zu unternehmen, erfordere „hohe kognitive Leistungen“. Dass das jemand geschafft haben soll, der nicht mehr weiß, wer und wo er ist, hält Dodel für „sehr unwahrscheinlich“.

Was also könnte passiert sein? Laut Prof. Dodel sind mehrere Auslöser für eine „globale“, also vollständige Amnesie denkbar: Durchblutungsstörungen im Gehirn, ein epileptischer Anfall, massiver Einfluss von Alkohol oder Drogen, die der Patient gar nicht selbst und bewusst eingenommen haben muss, und andere, seltenere Phänomene. Der Essener Neurologe kennt Fälle, in denen Menschen mehrere Stunden in ihrem Bewusstsein getrübt waren, bis sie wieder klar wurden, bis zu zwei, drei Tagen könne das – selten – vorkommen. „Aber fünf Tage scheinen mir arg lang.“

Der Sohn glaubt an ein „schlimmes Verbrechen“

Auch seien die Gründe für solche Ausfallerscheinungen durch neurologische Untersuchungen nachweisbar. Es müsse „strukturelle Veränderungen“ geben: Liegt eine Entzündung vor, wird das Gehirn ausreichend versorgt? Auch ein schwerer Schlag, so Dodel, könne das Gedächtnis ausschalten, dann aber müsste der Patient entsprechende Verletzungen haben. Bis auf eine lange bekannte Herzkrankheit aber, so N.’s Sohn gegenüber dieser Redaktion, hätten die Ärzte nichts feststellen können. Trotzdem geht die Familie „von einem schlimmen Verbrechen aus“, erstattete Anzeige wegen Freiheitsberaubung und schwerer Körperverletzung. Die Polizei Mönchengladbach ermittelt, hat aber „keine Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen“.

Die Familie setzt deshalb weiterhin auf Hinweise aus der Bevölkerung: Wer hat Jürgen N. gesehen, wer kann ihm vielleicht helfen, sich zu erinnern? „Jeder Tipp“, schrieb der Sohn auf Facebook, „kann für uns wichtig sein, nur so können wir den mysteriösen Fall klären.“ Er bittet Zeugen deshalb, sich bei der Polizei zu melden (Telefon: 02161 - 290). Wir warten und hoffen“, sagt Patrick N. „Wir hätten gern die Lösung.“

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