Tödlicher Unfall

91-Jähriger fährt Frau tot – dabei war Sehschwäche bekannt

Mit hängendem Kopf vor Gericht: Der 91-jährige Düsseldorfer, der im September 2018 eine Frau überfuhr, wurde von Amtsrichterin Catherine Dornscheidt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Mit hängendem Kopf vor Gericht: Der 91-jährige Düsseldorfer, der im September 2018 eine Frau überfuhr, wurde von Amtsrichterin Catherine Dornscheidt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.  Seine Augen sind schlecht geworden, er setzte sich trotzdem ans Steuer: In Düsseldorf wurde ein 91-Jähriger verurteilt, der eine Frau totfuhr.

Der Autofahrer hat sein Opfer nicht gesehen, weil er nicht einmal hinschaute. Aber vielleicht hätte er die Frau auch gar nicht klar sehen können: So lange schon waren seine Augen schlecht, dass die Freunde aus dem Golfclub erzählen, er sah seine eigenen Bälle nicht mehr. Am Mittwoch wurde der 91-Jährige in Düsseldorf verurteilt: weil er eine 69-Jährige auf dem Zebrastreifen totfuhr.

Zum ersten Prozesstermin im Mai meldete sich der Angeklagte kurzfristig krank, nun betritt er mühsam das Amtsgericht: am Arm seines Verteidigers, gebeugt und unsicher. Der alte Mann hört schlecht, dass er schlecht sieht, versucht er nicht einmal zu bestreiten. „Zeitweise bemerkt“ habe er die Schwäche seiner Augen, „die Sehkraft ist nicht mehr wie in der Jugend“, sagt sein Anwalt. Aber sein Führerschein, sagt der frühere Handelsvertreter, sei von 1946: „Wenn Sie so lange Auto fahren wie ich, dann haben Sie sehr große Routine!“

Zebrastreifen liegt direkt an einer Grundschule

In der Anklage steht etwas anderes. Die sagt, dass der damals 90-Jährige im September auf jener Straße unterwegs war, die in Düsseldorf bald jeder kennt, weil drei Schulen an ihrem Rand stehen und sie „vollgepflastert“ ist mit Warnschildern. Zebrastreifen, Vorsicht Kinder!, 30-Zone, sie haben die Schulkinder sogar auf den Asphalt gemalt. Der alte Herr war auf dem Weg nach Hause, er fuhr jeden Tag hier entlang, zweimal, so oft besuchte er seine Frau im Krankenhaus. Er weiß auch, dass direkt vor der Grundschule der Zebrastreifen ist, aber er sah nicht hin. „Ich habe aufs Radio geguckt und dann kam der Aufprall.“

Die 69-Jährige, die gerade mit ihrem Hund die Straße überqueren wollte, hatte nicht einmal die Hälfte der Fahrbahn geschafft, da wurde sie vom Kotflügel der schweren Luxuskarosse voll erwischt. Von einem „Riesenknall“ erzählt eine Zeugin. Die Frau flog siebeneinhalb Meter durch die Luft, wie der Gutachter errechnet hat, tatsächlich ist „Wurfweite“ offenbar der Fachbegriff. Sie schlug so schwer auf, dass die Sanitäter vergeblich versuchten, sie zu retten: Die 69-Jährige, Mutter von zwei Kindern, Oma von zwei Enkelkindern, starb am Nachmittag des 10. September im Krankenhaus an ihren schweren Kopfverletzungen. „Sie hatte noch ein schönes Leben vor sich“, sagt Nebenklage-Anwältin Stefanie Kunz über die Mutter ihrer Mandanten.

Alter Mann pflegt seine schwer kranke Frau zuhause

Ihr weißer Pudel, mit dem sie Gassi gehen wollte wie jeden Tag zur Mittagszeit, war ebenfalls blutüberströmt, er wurde von Zeugen in eine Tierklinik gebracht. Das Tier lebt heute bei der Tochter. Die hat noch ein Foto von ihrer Mutter auf dem Handy: Eine lachende Frau, davor der lockige Hund, er sieht ebenfalls fröhlich aus.

Vor Gericht ist die Tochter Nebenklägerin, ebenso wie ihr Bruder. Dessen Kinder, sagt seine Frau, seien „traumatisiert“, sie wohnten ganz in der Nähe, hatten einen engen Draht zu Oma Jana. Die Tochter kämpft um Blickkontakt zum Angeklagten, er sieht nicht hin. „Keine Anteilnahme“ habe er bisher gezeigt, wird sie später sagen, es gab keine Entschuldigung. „Sie glauben gar nicht“, sagt der 91-Jährige aber zur Richterin, „wie sehr ich seitdem leide.“ Er pflege seine Frau, „Tag und Nacht, ich bin körperlich und seelisch völlig fertig“. Er habe, assistiert sein Anwalt, gesundheitlich stark abgebaut. Immer wieder seufzt der Angeklagte laut auf, gegenüber weint lautlos die Tochter der Toten.

Den Führerschein hat er inzwischen abgegeben

Seinen Führerschein hat der alte Mann inzwischen abgegeben, auf Anraten seines Anwalts. Golfspielen soll er kurz nach dem Unfall schon wieder gegangen sein, behaupten Zeugen. Die erzählen auch, der Mann sei nach dem Zusammenstoß noch 50 Meter weitergefahren, man habe ihn stoppen müssen. Sie berichten, er habe auf die Straße gesehen und nicht auf sein Autoradio, das er angeblich lauter stellen wollte. Und dass er nicht bremste, sondern mit hohem Tempo auf den Zebrastreifen zusteuerte. Der Unfallfahrer wehrt sich, widerspricht wiederholt lautstark, sein Anwalt muss ebenfalls laut werden: „Jetzt hören sie auf!“

Ohnehin aber kann der Gutachter die Zeugenaussagen nicht bestätigen. 30 bis 45 Stundenkilometer sei das Mercedes-Coupé gefahren, eher unwahrscheinlich, dass es abbremste. Bremspuren gab es keine, aber das seien die neuen Autos, erklärt der Experte den Angehörigen: „Da entsteht meist kein Abrieb mehr.“

Richterin verhängt zehn Monate Haft auf Bewährung

Fest aber steht: Der Angeklagte wusste, dass seine Augen nicht mehr gut waren. „Er war unfähig, wusste das und hat es trotzdem gemacht“, drückt Anwältin Kunz es plastisch aus, die deshalb sogar einen Tötungsvorsatz unterstellt. Auch Richterin Catherine Dornscheidt sieht „kein Augenblicksversagen“, sondern fahrlässige Tötung im oberen Schuldbereich: „Es kann nicht sein, dass man meint, man könne schlechtes Sehvermögen mit Routine ausgleichen.“

Weil sie es für unwahrscheinlich hält, dass der 91-Jährige sich nochmal hinters Steuer setzt, verhängt sie eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Zudem muss der Mann 7200 Euro an eine Hilfsorganisation für Unfallopfer zahlen. Das sind etwas mehr als sieben Monate seiner Rente. Oder zehnmal soviel wie das monatliche Pflegegeld für seine Frau. Über sein Vermögen wird vor dem Strafgericht nicht gesprochen.

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