Belastung in der Pflege

33 Jahre Intensivstation: Corona als neue Herausforderung

Für Krankenschwester Anja Schulz war die Arbeit mit Corona-Patienten eine „neue Herausforderung“.

Für Krankenschwester Anja Schulz war die Arbeit mit Corona-Patienten eine „neue Herausforderung“.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  Die Bochumer Krankenschwester Anja Schulz arbeitet 33 Jahre auf der Intensivstation. Corona war für sie dennoch eine „neue Herausforderung“.

Ein paar Wochen noch, dann hat Anja Schulz die 33 Jahre voll. 33 Jahre als Krankenschwester auf der Intensivstation, einem der wohl härtesten Jobs, den eine Pflegekraft im Krankenhaus machen kann. „Ich würde immer wieder so wählen“, sagt aber die 56-Jährige, selbst am Ende dieses besonderen Jahres: Corona war, bei aller Erfahrung, „eine neue Herausforderung“.

Als neulich der Gesundheitsminister zu Besuch war im Katholischen Klinikum in Bochum, da hat Schwester Anja ihm mal eben erzählt, wie das ist, wenn plötzlich eine neue, unbekannte Krankheit ins Krankenhaus kommt: „Alles musste sofort passieren, hier und jetzt“, dabei wusste doch gar keiner, wie. Zusammen mit den Ärzten hat das Team am Anfang überlegt: „Was kann man machen?“ Vielleicht was an der Lage ändern, vielleicht ein anderes Medikament… In der Whatsapp-Gruppe mit den Kolleginnen gingen Filmchen hin und her, „wie man sich ankleidet, wie man sich auskleidet“, sie müssen sich ja „für jeden Patienten vermummen“. Anstrengend war das, sagt Anja Schulz. Und: „aufregend“.

Krankenschwester verspricht: Wir geben niemanden auf

Aufregend, als der erste Patient kam mit Covid-19, aufregend, als der erste aus Italien gebracht wurde, den sie in Bochum wieder auf die Beine stellten. Das ist ja das Schönste für die Intensivschwester: „Wenn wir die Menschen irgendwann laufen sehen und nicht mehr nur liegen.“ Und noch emotionaler: „Wenn wir sie nach Hause schicken können.“

Es ist ihnen meistens gelungen auf der Internistischen Intensivstation im St. Josef-Hospital, ihr Ehrgeiz ist es immer. „Wir geben niemanden auf“, ein Ansporn für Schwester Anja über all die Jahre; „helfen zu können, das macht den Beruf aus“. Nur mussten sie das bei Covid erst lernen, es sich sogar selbst beibringen. Natürlich kannten sie Infektionskrankheiten, wussten mit Ansteckungsgefahr umzugehen, auch die Bauchlage, die so viele Menschen vor den Fernsehern erschreckte, war für das Pflegepersonal Routine: „Das kennen wir schon.“

„Eine historische Situation. Da steht man davor und muss machen“

Was sie nicht kannten, war die Unsicherheit, wie diese Erkrankung zu behandeln war. Und es waren die Abläufe: Manchmal mussten die Schwestern für Stunden in einem Isolierzimmer bleiben und später alles dokumentieren. Sie gingen dazu über, laminierte Zettel an die Stationsfenster zu hängen, mit der Schrift in die Richtung, aus der sie sie lesen mussten. „Es war großer Alarm“, erinnert sich Anja Schulz und auch ein gewisser Druck, „eine historische Situation. Da steht man davor und muss machen.“

Wobei sie gerade das so liebt: Neues kennenzulernen, neue Dinge zu bewältigen, mit immer moderneren Maschinen immer mehr Menschen retten zu können. „Ich will immer noch dazulernen“, auch nach über 30 Jahren. Angst sich anzustecken, hatte die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern nie. „Keiner musste ungeschützt auf die Station, ich bin gesund und fit.“

„Draußen gibt es auch viel Elend, viele schreckliche Geschichten“

Zwölf von 109 Covid-Patienten, die seit Beginn der Krise in der Bochumer Uniklinik lagen, konnten sie nicht retten. Viele, viele mehr hat Schwester Anja in ihrem langen Berufsleben trotz allen Mühens sterben sehen. Man brauche „gute Kollegen und eine gutes Privatleben“, sagt sie, um das auszuhalten. Aber: „Draußen gibt es auch viel Elend, viele schreckliche Geschichten.“ Wen das zu sehr mitnehme, für den sei die Arbeit auf der Intensivstation nicht der richtige Beruf. „Dann wird man nicht glücklich.“

Anja Schulz, deren Mutter und Schwester ebenfalls Krankenschwestern sind, ist glücklich, sie findet Entspannung beim Sport und beim Kochen. Sie hat gelernt, mit Leid und Tod umzugehen. Nur „bei Jüngeren ist es schwerer“: Wenn sie jemanden mit 25 oder 19 nicht retten kann, „das nimmt schon sehr mit“. Vor vielen Jahren starb auf ihrer Station ein 15-jähriges Mädchen, sie hat es bis heute nicht vergessen können. „Ich denke noch oft daran.“

Im Krankenhaus haben alle mit der zweiten Welle gerechnet

Aber vor der Realität könne man nicht weglaufen, in Corona-Zeiten hätte die Intensivschwester „auch nicht als Kassiererin arbeiten wollen oder im Pflegeheim“. Drei Covid-Patienten liegen derzeit im Schnitt auf ihrer Station, um die zehn sind es schon wieder insgesamt, es ist „spürbar, dass die Zahlen steigen“. Allerdings war das Virus für das Krankenhaus auch nie weg: „Wir sind noch mittendrin, wir haben alle mit der zweiten Welle gerechnet.“

Sie hat ja gesehen, wie Menschen sich nach Lockerungen sehnten. „Wenn man die Hygienemaßnahmen einhalten würde, könnte man viel verhindern.“ Manchmal spricht Anja Schulz draußen Menschen an, die ihre Maske nicht tragen, aber „ich kann nicht missionieren, nur Vorbild sein“. Kaum einer weiß ja so gut wie sie, dass es jeden treffen kann, „Junge und Alte, Verkäufer oder Professoren“.

Man müsse Rücksicht nehmen, hat Schwester Anja schon beim Besuch des Ministers gesagt. „Wir haben einen Generationenvertrag, wir werden alle mal Omi und Opi.“

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