Buchhandel

Rekordfusion im NRW-Buchhandel

54mal Mayersche, 53mal Thalia – so sieht der Buchhandel in NRW aus, wenn die Fusion vollzogen wird.

54mal Mayersche, 53mal Thalia – so sieht der Buchhandel in NRW aus, wenn die Fusion vollzogen wird.

Foto: Heidrich

An Rhein und Ruhr.   Thalia übernimmt Mayersche Buchhandlung und beteuert: Filialschließungen sind nicht geplant. Der neue Buchriese hat mehr als 100 Filialen in NRW.

NRW kann sich künftig rühmen, das größte Buchhandelsunternehmen Europas zu beherbergen. Die Nummer 1 des deutschen Büchermarktes, Thalia mit Sitz in Hagen, verkündete gestern den Zusammenschluss mit der Mayerschen Buchhandlung aus Aachen. Beides Traditionshäuser mit 200-jähriger Geschichte.

Die Fusion muss noch durch das Kartellamt genehmigt werden. Dabei ist vor allem die Position in NRW von Bedeutung. Denn bis auf eine Filiale in Trier sind sämtliche der 54 Mayerschen Buchhandlungen in NRW. Thalia, jetzt schon mit rund 300 Filialen im deutschsprachigen Raum die Nummer 1, hat in NRW 53 Standorte.

Jede siebte Buchhandlung gehört zum neuen Konzern

Mit dann 107 Filialen gehört künftig rund jede siebte NRW-Buchhandlung zu dem Buchhandelsriesen, der sich selbst als „Familienunternehmen“ bezeichnet, beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedoch nicht als „inhabergeführt“ eingestuft wird. Branchenkenner werten die Fusion als Reaktion auf die stagnierenden Umsätze im Handel und die Zuwächse durch Online-Händler wie Amazon.

Folglich signalisiert Thalia-Chef Busch die Bereitschaft zu weiteren Bündnissen im deutschen Buchhandel. „Wir sind offen für jegliche Form der Zusammenarbeit.“ Ob die Marke „Mayersche Buchhandlung“ erhalten bleibt, ist den Angaben der Beteiligten zufolge noch nicht endgültig entschieden.

Doch soll Busch zufolge keine einzige Buchhandlung infolge der Fusion geschlossen werden. Das Filialnetz ergänze sich gut. Auch einen Stellenabbau solle es wohl nicht geben. „Bei einem Personalabbau besteht die Gefahr, Kompetenzen zu verlieren. Das Risiko wollen wir nicht eingehen“, sagte Busch.

Der Buchriese will sein Filialnetz weiter verdichten – durch die Übernahme bestehender Buchhandlungen, aber auch durch Neueröffnungen. Auch im Internetzeitalter sei die Präsenz vor Ort wichtig, sagte Busch. „Wenn wir einen Buchladen in einer Region eröffnen, wo wir bisher nicht stationär vertreten waren, steigt dort auch der Online-Umsatz“, sagte Busch.

Bei dem Zusammenschluss wird der Thalia-Gesellschafterkreis, bestehend aus den Familien Herder, Kreke, Busch und Göritz um die Familie Falter erweitert, der die Mayersche Buchhandlung gehört. Mehrheitsgesellschafter bleibt weiter die Familie Herder, hervorgegangen aus dem 1801 am Bodensee gegründeten Verlag. Ohnehin waren die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit des Buchhandels – das zeigt sich auch in Essen beim Baedekerhaus.

Das ist so etwas wie die erste Adresse, will man sich den Wandel im Buchhandel anschauen. Hier gründete Gottschalk Dietrich Baedeker 1817 seine Buchhandlung – und gut 165 Jahre sollte das so bleiben. 1983 wurde die Buchhandlung zum ersten Mal verkauft, 2001 zum zweiten Mal. Und 2007 wechselte der Eigentümer noch einmal – damals übernahm (sich) Thalia, der das Haus bald zu groß wurde.

Unruhig sind die Zeiten also schon länger. Die Leser schwinden, der Online-Handel nimmt zu. Die Antwort der Branche lautete: Wachsen! Filialen eröffnen um fast jeden Preis, kleinere Häuser übernehmen. Mit vielen Standorten dem Online-Handel Paroli bieten, war Devise der großen Sortimentsbuchhandlungen.

„Die Zeit werden wir alle nicht anhalten können“

Mit Thalia, einst in Hamburg gegründet, zwischendurch unter die Investoren geraten und jetzt von diversen Stiftungen und Familien rund um den Herder-Verlag getragen, und der familiengeführten Mayerschen Buchhandlung, ebenfalls aus der Baedeker-Generation, tun sich jetzt zwei Riesen zusammen.

Was das für Einzelkämpfer langfristig bedeuten wird, ist offen. Auch Uta Vardar aus Düsseldorf weiß noch nicht, welche Auswirkungen die Fusion auf ihre Buchhandlung hat. Denn die sowieso schon große Konkurrenz ist eben noch ein großes Stück gewachsen. „Wogegen sollen wir ankämpfen?“, fragt sie im Gespräch mit der NRZ.

Sicher, die großen Ketten müssten auch gegen die Internet-Riesen wie Amazon kämpfen, so sei das halt. Und sie eben gegen andere Konkurrenz. „Die Zeit werden wir alle nicht anhalten können“, sagt Vardar. Ihre Buchhandlung stellt sie daher individuell auf.

„Wir arbeiten uns nicht nur an Bestseller-Listen ab.“ Der Kunde bleibt ihr König – und die kleinen Buchhandlungen versuchen, auch kleinere Verlage in ihre Regale zu nehmen. Bücher anzubieten, die man nicht gesucht, aber gefunden hat, ist die große Kunst der kleinen Buchhandlung.

Doch in NRW dominieren größere Buchhandlungen. 21,5 Prozent der deutsche Buchhandlungen stehen hier – und machen über 40 Prozent des Umsatzes. Nicht, weil die Menschen hier mehr lesen, sondern weil große Ketten hier ihren Sitz haben. Doch die suchen ihr Heil nicht mehr in immer größeren Häusern.

Auch das zeigt das Baedeker-Haus: 2007 gab Thalia nach 190 Jahren den Standort auf – ein Einschnitt, wie ihn jüngst Düsseldorf mit dem Ende des Stern-Verlags erlebte. 2003 hatte in Essen die Mayersche einen Megabuchstore aufgemacht, direkt um die Ecke. Der war bald auch zu groß, wurde mit Spielwaren und Stofftieren aufgefüllt – und 2018 aufgegeben.

Immerhin: Die Mayersche ging hin, wo Baedeker war – auf deutlich kleinerer Fläche. Der Trend ist in Innenstädten und Einkaufszentren erkennbar: Buchhandlungen schrumpfen – in der Größe, in der Zahl, beim Umsatz. Und immer häufiger, was die Zahl der präsentierten Verlage angeht. Kleinere Verlage orientieren sich häufiger Richtung Onlinehandel. Amazon ist kaum brutaler im Preiskampf als große Handelsketten. Neue Seiten im Buchhandel: Das Buch findet seinen Leser immer häufiger ohne Laden. Doch wie finden wir unsere Städte ohne Buchhandlung? Was ist Ihre Meinung zum Wandel in der Buchbranche? Schreiben Sie uns! klartext@nrz.de

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