Jubiläum

Wie sich die politische Berichterstattung geändert hat

Die politische Berichterstattung wie über die aktuellen Politiker hat sich im Laufe der Jahre geändert.

Die politische Berichterstattung wie über die aktuellen Politiker hat sich im Laufe der Jahre geändert.

Foto: Rainer Jensen

Berlin.  Im Laufe der Jahre hat sich die politische Berichterstattung geändert. Das Tempo ist gestiegen, der Alltag der Journalisten ist ungemütlicher.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bei Blüms war es schön. Man saß am Esstisch, darauf stand eine drehbare Platte, wie man sie vom Chinesen kennt. Zur Tafelrunde bei Norbert Blüm gehörten nur wenige Journalisten. Der Hausherr dozierte über Gott und die Welt, meist über Sozialpolitik, einmal schwärmte er auch von seinem jungen Staatssekretär, einem gewissen Horst Seehofer. So ging es zu in Bonn, so familiär, daheim beim Sozialminister!

FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff lud zum Brunch ein, dafür engagierte er eigens einen Butler. Ein, zwei Mal im Jahr traf man Gerhard Schröder im Kanzlerbungalow, lange Rotweinabende waren das. Zur Adventszeit fand mit fast jedem Minister eine Weihnachtsfeier mit Korrespondenten statt. Das mutet wie ein Sittengemälde aus der Steinzeit an, ein Fund für politische Paläontologen. In Berlin ist so viel Nähe selten.

Früher war nicht alles besser, aber lustiger war es am Rhein

Wenn man genau hinschaue, meinte Helmut Schmidt einmal, „sieht man, dass die politischen Journalisten eigentlich mehr zur politischen Klasse gehören und weniger zum Journalismus.“ Der Altkanzler sagte das 2010, lange nach dem Regierungsumzug. Ganz sicher traf seine Beobachtung auf die Bonner Republik zu.

Wer Korrespondent wird, sollte zum Arbeitsvertrag einen Beipackzettel mit den Risiken und Nebenwirkungen erhalten. Unter „Nähe“ würde stehen: Wer Distanz wahrt, erfährt nichts, wer zu nahe ist, wird korrumpierbar. An dieser Gratwanderung hat sich nichts geändert.

Früher war nicht alles besser, aber lustiger war es am Rhein, nicht nur zu Karneval. Ein Kind der Bonner Republik war der Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid, ein fiktiver Volksvertreter, der sich satirisch zu Wort meldete. Von ihm stammt das Revier-affine Mierscheid-Gesetz, wonach der Stimmenanteil der SPD bei Bundestagswahlen nach dem Index der deutschen Rohstahlproduktion gemessen wird. Solcher Nonsens wurde am Rhein gepflegt. In Berlin macht sich Mierscheid rar, obwohl die Erinnerung an die Kunstfigur – bemüht – hoch gehalten wird.

In Bonn saßen die Korrespondenten am Tulpenfeld

Berlin ist groß, man verliert sich schnell aus den Augen. In Bonn saßen 90 Prozent der Korrespondenten am oder um das Tulpenfeld herum. Man tauchte sich aus (auch die Artikel), viele ließen ihre Türen offen, das Pressehaus war ein Bienenkorb, ein ständiges Gesumme. Gerüchte verbreiteten sich wie im Fluge.

Ende der 80er-Jahre hat der Korrespondent der Südwest-Presse, Hans-Peter Schütz, in seinem Büro einem Kollegen eine Information anvertraut. Etwa eine Stunde später wurde ihm das Gerücht zugetragen – es hatte einmal die Runde gemacht. Die politischen Gegensätze waren scharf, die Parteien kein Diskussionsfriedhof, das Lagerdenken ausgeprägt, kurzum: die Republik noch nicht im merkelschen Dämmerzustand einer Großen Koalition.

Der „Spiegel“ war das Leitmedium, fast jede Ausgabe mischte den Polit-Betrieb auf. Die Storys aus dem Kabinett waren so detailreich, als ob ein Teilnehmer jeden Mittwoch nach der Sitzung auf einen Kaffee im Büro hereingeschneit wäre. „Tempi passati“ würde Joschka Fischer sagen.

Moderne Archen, unterwegs in der Hoffnung auf bessere Zeiten

Der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 war ein Schock, politisch wie kulturell. Wie sie schon aussahen! Wie die Asta-Vertreter an der Uni. Ihren Rektor hatten sie gleich mitgebracht: Otto Schily war ein erfolgreicher Anwalt, Anzug, Dreiteiler, Krawatte, goldene Uhr. Der kesseste Grüne war Fischer, der über den Bundestag sagte, „eine unglaubliche Alkoholiker-Versammlung, die teilweise nach Schnaps stinkt.“ Er selbst verkehrte in der „Provinz“, einer Kneipe schräg gegenüber dem Kanzleramt.

In Bonn war die Kneipe die Zitadelle der jungen Abgeordneten von SPD und Grünen. Eines Tages kam Claus Grobecker (SPD) rein, ein kauziger Typ aus Bremen, der gern wie ein Seemann aufführte, grob und direkt. Grobecker nahm sich einen Bierdeckel und malte einen Strich darauf, von unten nach oben: „Das wird euer Weg sein, links unten einsteigen, rechts oben ankommen.“

Man darf den alten Zeiten nicht nachhängen, vor allem nicht Berlin anlasten, was bloß dem Lauf der Zeit geschuldet ist. Dass Gäste im Innenministerium so streng kontrolliert werden wie am Flughafen, hat weniger mit der Stadt und mehr mit der Terrorgefahr zu tun. Das Internet, die sozialen Netzwerke, die berufliche Aufholjagd der Frauen hätten den Journalismus in Bonn nicht weniger als in Berlin verändert.

Der Auflagenrückgang der Tageszeitungen, die Konkurrenz durch Online hätten auch am Rhein den Druck erhöht und zu größeren Einheiten geführt. Die 70-jährige WAZ hat in Berlin kein eigenes Büro mehr, sondern greift auf eine Redaktion zurück, die alle Titel der FUNKEMEDIEN beliefert. So handhaben es viele Verlage. Es gibt die neue Berliner Redaktionsgesellschaft, die Du-Mont-Gruppe, das Redaktionsnetzwerk Deutschland; Archen, unterwegs in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Der Berlin-Umzug war im Rückblick auch technologisch eine Zäsur

Der Berlin-Umzug zur Jahrtausendwende war im Rückblick nicht zuletzt eine technologische Zäsur. Wer zu Bonner Zeiten ein klobiges Ding hatte, das man Handy nannte, war ein Exot. Heute verkehrt man über SMS; die Gretchenfrage ist, von welchem Politiker man die Handynummer hat. Wer einen alten Zeitungsartikel lesen wollte, ging in Bonn in die Bibliothek, holte sich die Zeitungsbände auf Mikrofilm und machte Fotokopien.

Heute googelt man dieselbe Information binnen Sekunden. Das Tempo ist gestiegen, der Alltag der Journalisten ungemütlicher als in der „kleinen Stadt in Deutschland“, wie Bestseller-Autor John le Carré einst Bonn nannte.

Mit einem gemieteten Zug für einen Abend in die Pfalz

Berlin hat bisher zwei Kanzler erlebt, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Schröder war zu kurz im Amt, um die Hauptstadt zu prägen. Ganz anders die Kanzlerin: Ernst, distanziert, verschwiegen, in Strenge, Disziplin, Selbstbeherrschung unverkennbar protestantisch. So, genau so ist die Berliner Republik.

Eine Merkel sieht man nicht beim Presseball, nie käme die Kanzlerin wie Helmut Kohl auf die Idee, einen ganzen Zug zu mieten und mit den Journalisten für einen Abend in die Pfalz zu fahren, wo es so viel Saumagen und Wein gab, dass alle angeschickert die Heimreise antraten. Nie hat man sich damals gefragt, wer das alles bezahlte. Heute schon. Heute sind die Grenzen zwischen Politik und Journalisten klarer, schärfer gezogen. Das ist auch gut so.

Wer im Revier bestand, der war gestählt

Unausgesprochen hat sich im Kanzleramt eine Art „White House Press“ herausgebildet, ein kleiner und privilegierter Kreis von Merkel-Verstehern. Am meisten fällt es bei den Auslandsreisen auf: Das Gros der Mitfahrer ändert sich wenig. Es gibt Regionalzeitungs-Kollegen, die es sich abgewöhnt haben, sich um einen Mitflug zu bemühen; sie gaben die Hoffnung auf eine Zusage auf.

Die WAZ war seit der ersten Stunde am Regierungssitz vertreten. Groß, stark, einerseits unübersehbar, andererseits unaufgeregt. So wie NRW. Kohl eröffnete Wahlkämpfe gern in der Westfalenhalle. Für einen CDU-Politiker war Dortmund zwar Feindesland wie die Nordkurve in Gelsenkirchen für einen BVB-Fan. Aber es war Kohls Art zu zeigen, dass er für die Nordkurve tauglich ist: Wer im Revier bestand, war gestählt. Schröder bereitete seine Kanzlerkandidatur akribisch im Revier vor. Und als die Würfel dann gefallen waren, da war es die WAZ, die seine Kandidatur exklusiv melden durfte.

Im toten Winkel ist das Land auch heute nicht, dafür ist es zu groß, aber die Machtverhältnisse haben sich verschoben. Der erste Hinweis auf einen Bedeutungsverlust war der Umzugsbeschluss selbst; der Einfluss reichte nicht mehr, um Bonn zu verteidigen. Der zweite Hinweis war das Fremdeln von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die nie, nie nach Berlin wollte. So viel Selbstbeschränkung war man nicht gewohnt. Düsseldorfer Regierungschefs kam urwüchsig bundespolitische Bedeutung zu, mit der sie kokettierten. Die Landespolitik war das Standbein, die Bundespolitik das Spielbein. Der Tanz gelingt heute schlechter. Das Berliner Parkett ist glatt.

Zurück zur Startseite
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben