Jubiläum

Druckhaus: „Nachher sieht das aus wie Achterbahn auf Crange“

Foto: Lars Heidrich

Essen.   Mit Witz und vielen Anekdoten führt Edmund Weidenbach seit zwölf Jahren Leser-Gruppen durch das Druckhaus in Essen. Wir waren mit dabei.

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Zehn nach acht am Abend, die letzte Seite fehlt noch, und die Druckmaschine schweigt – sie sollte seit zehn Minuten laufen, ach was, rotieren. Wo die Seite bleibt, ist gerade nicht recht klar, aber Edmund Weidenbach schöpft aus der Tiefe seiner Lebenserfahrung: „Manchmal haben wir ein Problem mit den Redakteuren, weil sie die Zeiten nicht kennen.“

Blick hinter die Kulissen: So entsteht die WAZ

Rasend schnell arbeiten die Maschinen. Hier im Druckzentrum in Essen werden die meisten WAZ-Ausgaben gedruckt. Jede Nacht sind das mehrere tausend Exemplare. Ein Blick hinter die Kulissen der Zeitungsproduktion.
Blick hinter die Kulissen: So entsteht die WAZ

Der Mann ist natürlich Partei, muss man vorausschicken: im Ringen zwischen der Redaktion, die lieber noch aktualisiert und später druckt, und dem Druckhaus, das möglichst früh, oder sagen wir pünktlich, beginnen will. Denn Weidenbach hat sein Berufsleben hier im Druckhaus in Essen verbracht und im Gegenstück in Hagen, war mit 65 entschlossen, in den Ruhestand zu gehen – und hat sich kurz darauf breitschlagen lassen, zurückzukehren und Führungen durch das Haus zu machen. Und das ist jetzt auch schon wieder zwölf Jahre her.

"Raum für Leser"

Gegen 18.30 Uhr hat er die heutige Gruppe, acht Leser aus Gladbeck, unten im „Raum für Leser“ empfangen. Es sind weniger als angekündigt: „Wenn die Termine fixiert werden, haben die Frauen nicht im Kopf, wann Bayern München spielt. Heute spielt Bayern“, sagt der 77-Jährige.

Weidenbach hat die Brötchen drapiert, den Beamer angeschaltet, nun wirft er Bilder an die Wand und tritt eine Tour de Force an durch die Welt der Funke Mediengruppe: all die Zeitungen und Anzeigenblätter, all die Zeitschriften und Radiosender und Angebote im Netz. „Gehen Sie nachher nicht ins Bett und denken, Mensch, das hätte ich gerne noch gefragt!“

Hunderte Sprinter-Fahrzeuge laden fast zugleich ihre Zeitungspakete

Und dann geht er los: Weidenbach vorweg, dann die Gäste, hinten einer seiner sechs Kollegen hier, Björn Knoblich: Es soll ja auch möglichst niemand abhanden kommen in diesem Labyrinth. „Herr Kollege, acht“ ruft Weidenbach dem Pförtner zu („für den Fall, dass es brennt und der Brandmeister wissen will, wie viele Gäste im Haus sind“) und eilt über den Innenhof voran zu jener Halle, wo heute Nacht hunderte Sprinter-Fahrzeuge mehr oder weniger zugleich ihre Zeitungspakete laden werden: „Das sieht dann hier aus wie im Kinderzimmer.“

Weiter in die Halle, wo sich riesige Papierrollen in den Himmel stapeln, unterschiedlich breite Papierrollen. „Warum?“ Allgemeines Schütteln des Kopfes. „Die Zeitung ist nicht jeden Tag gleich dick. Wenn Sie die falsche Rolle einlegen, bleiben weiße Seiten, und wir müssen Buntstifte mitliefern.“

Bei jeder Maschine eine Ankedote oder ein Spruch

Auf jede Maschine sattelt Weidenbach eine Anekdote oder einen Spruch, verschweigt aber auch nicht, wie immer wieder neue und modernere auf Kosten der Arbeitsplätze von Druckern gingen. Häufigster Satz: „Das macht die Maschine heute alles selbst.“ Und kündigt an, nachher allen aus der Gruppe „eine nicht aktuelle Zeitung“ schenken zu wollen. Nicht aktuell, weil Bayern noch spielt. „Weißt du, wie das ausgeht? Wir auch nicht.“
Der Rest sind Zahlen, die erschlagen:


100.000 Tonnen Papier werden hier im Jahr verarbeitet,


30 Tonnen Farbe und
16.000 Kubikmeter Wasser im Monat – und oben, in der Versand- und Beilagenhalle, da legen sie 18 Millionen Beilagen ein. Wöchentlich.

Der Abend ist noch jung, noch laufen wenige Bänder mit Beilagen. „Nachher sieht das hier aus wie Achterbahn auf Crange.“

Da ist die letzte Seite dann doch noch gekommen. Ein Kollege wirft die Druckmaschine an, ein anderer zieht aus den ersten gedruckten Exemplaren einzelne heraus. Stimmen die Farben nicht? Justiert er nach. Stimmt die Planung mit der Abfolge der Seiten überein? Abgehakt. Noch läuft die Maschine langsam, Text- und Bildflächen sind noch zu unterscheiden. Dann, es ist jetzt alles in Ordnung, fahren sie das Tempo hoch, so hoch, dass es zu schnell wird für das Auge: Die Zeitungsseiten sind nur noch verwischt zu erkennen. Es ist der Druckauftakt der Postausgabe, jener WAZ-Exemplare, die am nächsten Morgen Urlauber in Belgien und Holland kaufen können: Sie müssen zuerst gedruckt werden wegen des weiten Weges – heute auch ohne das Bayern-Ergebnis.

Nach gut zwei Stunden ist die Führung beendet. Noch Fragen? Wie immer, fast keine: „Die Leute sind erschlagen“, sagt Weidenbach, „sie sehen die Zeitung danach mit anderen Augen“.

Buch der Ausreden für Ruheständler

Herr Weidenbach, eins noch: Warum sind sie zurückgekommen aus dem Ruhestand? Er hätte, erzählt er, nach wenigen Monaten ein Buch schreiben können. Ein Buch der Ausreden für Ruheständler, warum sie jetzt nicht raus gehen. „Aber wenn die Gäste warten, da musst du hin, egal, ob es regnet oder schneit!“

Tickets können online unter www.waz.de/druckhaus gebucht werden, ebenfalls persönlich im Leserladen oder telefonisch unter 0201 / 804 8058.

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