Jubiläum

Fotograf Hans Blossey ist das fliegende Auge der Zeitung

Gleich geht es nach oben: Hans Blossey mit seinem Motorsegler auf dem Geländes des Flugplatzes Hamm.

Gleich geht es nach oben: Hans Blossey mit seinem Motorsegler auf dem Geländes des Flugplatzes Hamm.

Foto: Lars Heidrich

Ruhrgebiet.   Hans Blossey war einst WAZ-Reporter. Heute fotografiert er das Ruhrgebiet aus der Luft. Seine Aufnahmen bereichern regelmäßig die WAZ.

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Vorbeugen ist besser als heulen, das weiß jeder. Hans Blossey hat seinen 520 Kilo schweren Motorsegler – Gottseidank hat das Ding Räder, allerdings hatte es gestern einen platten Spornreifen, aber das führt nun wirklich zu weit – also, er hat den Flieger aus dem Hangar am Flugplatz Hamm geschoben, nun umrundet er ihn und guckt vom Hundertsten ins Tausendste: zupft an den Benzinleitungen, rüttelt an den Flügeln, beäugt das Ölstäbchen, prüft, wieviel Spiel die Propellerblätter haben, schreibt sich in die Hand, wie groß die Reichweite noch ist, da die Tankanzeige nachher, nun ja, nur eine grobe Einschätzung liefert . . . Kurzum, er prüft, macht und tut.

„Man kann ja nicht mal eben rechts ran fahren, wenn was klappert“, sagt Blossey. Nein, da oben wohl nicht. „Man muss drumrum gehen und alles anfassen.“ Danke, Hans!

Das fliegende Auge der Zeitung

Unser Mann im Flugzeug. Der Luftbildfotograf, das fliegende Auge der Zeitung. Der höchste Job der WAZ. Fünfzig- bis siebzigmal im Jahr rollt der 65-jährige Hammer an den Start, ist dann für Stunden in der Luft. Über dem Ruhrgebiet, dem Sauerland, dem Niederrhein – von den internationalen Reisefotoflügen jetzt mal ganz zu schweigen.

Vier Stunden Flug, Hunderte Fotos. Seit 30 Jahren geht das so, dabei sind unfassbare 233.000 Aufnahmen entstanden. Ja, wahrscheinlich haben auch Sie Hans Blosseys Flugzeug schon einmal gesehen. D-KAFM steht daran, und wenn jemals ein Motorsegler über Ihnen mehrmals im Kreis flog: Dann war er das wohl. „Ich fliege nie ohne Kamera“, sagt Blossey. Man sagt ja auch: Nur fotografieren ist schöner.

Das fliegende Auge der Zeitung

Hoch über dem Ruhrgebiet: Hans Blossey ist nicht einfach nur irgendein Fotograf. Er ist der Luftfotograf der Zeitung. Sobald es das Wetter zulässt, ist er in seinem Flieger unterwegs.
Das fliegende Auge der Zeitung

Der Turm am Flugplatz ist besetzt, das ist gut, ein Tipp noch von dort: nicht über die Wiese zur Startbahn zu rollen. Zuviel Matsch heute für so ein kleines Flugzeug. Blossey lässt den Motor an, kontrolliert die Anzeigen, schaltet das GPS-Gerät ein, auf dem Bildschirm erscheint: „Guten Tag, Hans.“ Guten Tag, GPS. Dann rollen wir zum Start. Kein Luftverkehr in der Nähe. Die nächste Maschine ist fünf Flugminuten entfernt und nicht zu sehen. Wir steigen auf etwa 500 Meter, und die berühmte Freiheit über den Wolken besteht jetzt aus zwei schmalen Sitzen, strammen Sicherheitsgurten, einem kurzen Fußraum und Pedalen, die sich auch unter den Füßen des Mitfliegers spürbar bewegen, wenn Blossey mit den Pedalen auf seiner Seite steuert.

Da fahren 1000 kleine Autos

Das war ein bisschen gemein mit der Freiheit, natürlich ist es großartig hier, so hoch über dem Ruhrgebiet: Da fahren 1000 kleine Autos auf der Autobahn 1, da dampft das Kraftwerk in Hamm, da fließt die Lippe, dann kommen das Ufo-Gebäude des Designers Luigi Colani in Lünen, die alte Fläche von Zeche Minister Achenbach in Brambauer, das Kreuz Dortmund-Nordwest. . .

„Das Spannende ist, ich weiß, was da unten passiert“, sagt Hans Blossey. In vielen Lokalredaktionen hat er gearbeitet, auch zehn Jahre in der WAZ-Reportage: Der Mann kennt sein, nun ja, Revier.

Und fliegt Wunschlisten ab. Das neue Regenrückhaltebecken steht heute darauf. „Am Boden ist so etwas praktisch nicht zu fotografieren, falls man auch nur die geringsten Ansprüche an ein Bild stellt“, sagt Blossey und steuert hin. Und dann kommt: „Baustellen zu fotografieren ist wie Meldungen zu schreiben.“

Das muss man erklären, falls sich unter Ihnen, liebe Leser, nicht nur Journalisten befinden sollten. Also: Die Zeitung braucht Meldungen, mehr als alles andere sogar; nur gilt, sie zu schreiben, nicht als die oberreizvollste journalistische Aufgabe.

„Man kann das Flugzeug prima in die Luft stellen“

Doch zurück ins Flugzeug. Es steuert gerade die neue Landes-Erstaufnahme für Flüchtlinge in Bochum an, eine Gruppe großer weißer Zelte. Der Ablauf, der nun folgt, ist immer gleich: Blossey umkreist sein Ziel, dann bringt er den Motorsegler gefühlt in eine Fünf-nach-halb-Eins-Haltung. „Man kann das Flugzeug prima in die Luft stellen.“ Und während es so wirkt, als fliege es nun allein seine Kreise, fotografiert unser Mann aus seinem aufgezogenen Fenster heraus.

Noch eine Runde. Noch eine Runde. Um die Wahrheit zu schreiben: Normalerweise fliegt während des Fotografierens ein Co-Pilot, aber das geht ja nun nicht mit einem eher ungeeigneten Reporter an Bord. Es gibt auch glaubhafte Geschichten, wonach manchen Leuten dieses Kreisen nicht so gut bekommen sein soll: wenn die Erde gewöhnungsbedürftigerweise links unten ist und der Himmel rechts.

Sieben Stunden am Computer

Das pure Vergnügen also! Nur kommen auf eine Stunde Vergnügen sieben Stunden PC. Denn er muss die Bilder nachher: laden und sichern, manche löschen und andere auswählen, sie bearbeiten, verorten, beschriften. Verschlagworten natürlich, also mit Suchbegriffen versehen, mit denen ein durchschnittlich verständiger Redakteur das Motiv vielleicht suchen würde. Sagen wir: „Baustelle“, „Hamm“, „Regenrückhaltebecken“. Lieber Himmel, das ist ja schlimmer, als Meldungen zu schreiben!

Dabei sind nicht nur Redaktionen die Kunden von Hans Blossey. Er veröffentlicht Bücher („Ruhrgebiet von oben. Die schönsten Luftbilder der Region“ zuletzt), er fliegt für Firmen wie auch die Emschergenossenschaft. Und natürlich für Bauer Lünemann, Benedikt Lünemann aus Cappenberg. Sie kennen ihn nicht? „Er ruft jedes Jahr einmal an. Wenn sein neues Maislabyrinth fertig ist.“

Hans, gutes Fliegen weiterhin!

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