Jubiläum

Gründungsgeschichte des Lokalen - Als die WAZ laufen lernte

Juli 1948: Mitten in den Trümmern an der Kreuzung Hattinger/Kronenstraße in Bochum wirbt die WAZ.

Foto: Fotografen der Stadt Bochum

Juli 1948: Mitten in den Trümmern an der Kreuzung Hattinger/Kronenstraße in Bochum wirbt die WAZ.

Bochum.  Die Gründung des Lokaljournalismus war nicht allzu einfach. Zwischen Trümmern und Bombentrichtern war Improvisationstalent gefragt.

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Gern erzählen sich die Leute Geschichten aus der vornehmen Kirchturmperspektive. Doch weitaus lieber noch hören sie die Anekdoten, die Schnurren aus der Tiefe der Gassen, direkt von der Straße, frei von der Leber weg. Das gilt umso mehr für die Anfänge dieser Zeitung. Über die Situation in Bochum, wo im Anzeiger-Haus, Rathausplatz 8, auf der vom Krieg halbwegs verschont gebliebenen Frankenthaler Rotationsmaschine, die ersten Exemplare dieser Zeitung gedruckt wurden, ist viel bekannt.

Daher nur ein kurzer Satz aus jener Zeit. „Hätte der Verlag nur unbedrucktes Papier geliefert – drei Ausgaben in der Woche zu vier oder sechs Seiten und für zwei Reichsmark – der Erfolg wäre möglicherweise nicht geringer gewesen.“ Diesen Eindruck aus Bochum verfasste Georg Wilhelm Kruse, später stellvertretender Chefredakteur, von manchen liebevoll „Papa Kruse“ tituliert.

Die wilde Gründerzeit

In ihrem letzten Interview im Jahr 2010 erinnerte sich Anneliese Brost, die als Anneliese Brinkmann vom Beginn an dabei war, an jene wilde Gründerzeit: „Als wir im April 1948 in Bochum mit wöchentlich dreimal vier Seiten anfingen, hatten wir weder viel Geld noch genug Leute, Papier und Arbeitsmaterial. Mehrere Redakteure mussten sich eine Schreibmaschine teilen. Aber alle waren bis in die Nächte begeistert bei der Sache, und die Menschen rissen uns damals die Zeitung förmlich aus der Hand.“

Doch die Gründung der WAZ, sie spricht viel mehr noch aus den Berichten über die zum Teil abenteuerlichen Arbeitssituationen in den Städten. Zum zehnjährigen Jubiläum 1958 bekamen die Lokalchefs den Hinweis aus der da schon in Essen sitzenden Zentralredaktion, doch einmal einen Blick auf die ersten zehn Jahre in ihrer Stadt, ihrem Ort zu werfen. Durch einen glücklichen Zufall sind diese Berichte erhalten geblieben.

Zwischen Trümmern und Bombentrichtern regte sich Leben, die Menschen im Ruhrgebiet hatten gerade den Hungerwinter 1947/1948 überstanden, der beinahe so schlimm war wie der katastrophale Winter im Jahr davor. Die Überlebenden des Kriegs, die Heimkehrer und auch die jungen Menschen gierten nicht nur nach Nahrung. Sie sehnten sich geradezu nach Nachrichten, denn zu lange gab es nur Durchhalte-Parolen und braun gefärbten Einheitsbrei.

Zweieinhalb mal dreieinhalb Meter große Redaktionsstube

Wie die Welt sich darbot in jenen Tagen, steht etwa in einem Bericht über den Beginn in der Essener Lokalredaktion. „Unter der dünnen Tünche der wiederaufgebauten Zimmerwände ließ sich mühelos ablesen, wie viele Ziegelsteine die Maurer in der Länge und Höhe gebraucht hatten.“

Für die Situation der Lokaljournalisten, die die WAZ damals vor Ort prägten, ihr sozusagen ein Gesicht gaben, gelten folgende Sätze von Willy Jaeger, dem ersten Lokalchef für Bottrop und Gladbeck: „Mit diesem Tage, dem 28. Februar 1948, als ich das Arbeitsangebot auf einem Stück Schmierpapier bekam, beginnt für mich die Geschichte der WAZ. Erst recht aber am 18. März, da ich in gefärbten englischen Armee-Klamotten, einer aus Heimkehrerspende stammenden Windjacke in Essen und Bochum Anstellungsgespräche führte. Ich sah erbärmlich aus. Das war aber nicht wichtig, denn den übrigen Zeitgenossen ging es nicht viel besser.“

Wohnungslage in den Großstädten


Jaeger hatte Glück und es damit besser als viele andere Kollegen: Am 1. Mai 1948 wies ihm die Stadt eine Wohnung zu. In dem windschiefen Gebäude betrieb eine Witwe ein Kolonialwarengeschäft und eine Bäckerei. Jaegers Genauigkeit verdanken wir die Maße jener ersten Redaktion, zweieinhalb mal dreieinhalb Meter, er wohnte direkt über dieser „Redaktionsstube“.

In den Großstädten des Ruhrgebiets sah es 1948 eher noch schlechter aus als in kleineren Gemeinden. Die Duisburger Ausgabe produzierte die zunächst einzige Redakteurin Waltraud Fest direkt aus ihrer Wohnung heraus. Erst etwa ein halbes Jahr später gab es dort eigene Redaktionsräume. Ursprünglich hatte man die Manuskripte durch Motorradfahrer transportieren wollen, das funktionierte aber nicht sonderlich gut. Also setzte die WAZ in ihren Anfängen auf die Eisenbahn. Eisenbahnboten transportierten Manuskripte und Fotos, offenbar zur allgemeinen Zufriedenheit.

Ein-Mann-Redaktion in Herne

In Herne ging es in den ersten Wochen noch zünftiger zu. Die Ein-Mann-Redaktion wurde im Oktober 1949 plötzlich „obdachlos“. Doch Redakteur Jan Kondring ließ sich nicht unterkriegen. Nach langer Suche fand er Unterkunft in einer Gaststätte „gegenüber dem Bahnhof für zehn DM täglich und mit der Verpflichtung, dass die Mittag- und Abendessen der Redaktionsmitglieder dort eingenommen würden“. So ging das einige Wochen. Improvisationstalent war gefordert.


Aus einem Badezimmer heraus, manche Zeitgenossen reduzierten das Räumchen gar auf einen schlichten Lokus, berichtete das junge WAZ-Team aus Witten. Der erste Lokalchef Dr. Arthur Venn erinnerte sich: „In besagtem Badezimmer, das nach Aufwand von vielen guten Worten sogar einen Telefonanschluss bekam, entfaltete ich – nicht zuletzt vermittelst der Kurbel des ‘neuen’ Apparates – eine rege Tätigkeit.“

Dass zu Beginn der heute noch bekannte Markenspruch „Die WAZ ist eine Familienzeitung“ durchaus wörtlich zu nehmen war, zeigt sich im Bericht des damaligen Gelsenkirchener Lokalchefs Leo Hamp: „Nachdem mir im März 1948 von den Herren Brost und Funke die redaktionelle Leitung der WAZ für den Bereich der Gesamtstadt (Gelsenkirchen) übertragen worden war, begannen meine Frau und ich unverzüglich mit lebhafter Mundpropaganda in allen uns bekannten Kreisen.“ Soziale Netzwerke der einfachen und wohl auch sehr wirkungsvollen Art, wie der langsam aber sich sicher einstellende Erfolg des jungen Blattes belegen sollte. Ganz ohne Internet, Facebook und W-Lan, versteht sich.

Der Plan für das Ruhrgebiet

Zur Wahrheit der Gründungsgeschichte der WAZ – und möglicherweise der eigentliche Grund für die späteren Erfolge – gehört, dass die Engländer genauer die Pressekontrolle in der englischen Besatzungszone, eigentlich ein Zeitungs-Projekt im Sinn hatten, das als Verbreitungsgebiet das gesamte neue Bundesland Nordrhein-Westfalen abdecken sollte. Die Auflage wurde auf 250.000 Exemplare festgelegt, eine ansehnliche Menge, aber viel zu gering, um landesweit mit bereits am Markt stehenden Blättern konkurrieren zu können.

Jakob Funke, der als Essener Junge und erfahrener Zeitungsmann das Ruhrgebiet kannte wie seine Westentasche, erarbeitete mit Erich Brost gemeinsam den Plan, das neue Blatt auf das Ruhrgebiet, trotz des Krieges immer noch das industrielle Herz des Westens, zu konzentrieren. Um den Engländern wenigstens etwas entgegen zu kommen, gab es eine kleine, recht unbedeutende Landesausgabe.

Beim Start am 3. April 1948 schließlich erschien die erste Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in folgenden Städten und Ortsteilen: Essen, Mülheim, Oberhausen, Duisburg mit Dinslaken, Wesel, Moers, Bochum mit Langendreer, Wattenscheid, Bottrop und Gladbeck, Dortmund mit Lünen, Castrop-Rauxel und Witten sowie Gelsenkirchen, Hagen und Recklinghausen.

Schon von Beginn an gelang es der WAZ, mit einem kleinen Kunstgriff, die Leser für sich einzunehmen. Unter dem Titel ließen sie zum Teil die Titel ehemaliger Lokalzeitungen, später die von erworbenen Blättern wie Wattenscheider Zeitung (früher Busch Verlag) oder Bochumer Anzeiger (früher Verlag Laupenmühlen & Dierichs) wieder aufleben oder behielten ihn bei. Ein frühes, äußerst erfolgreiches Beispiel für eine gelungene Leser-Blatt-Bindung.

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