Sportredaktion

Früher war mehr Vertrauen - Persönliche Erinnerungen

Der Weltmeister-Trainer zu Gast bei der WAZ: Helmut Schön, der die Fußball-Nationalelf 1974 in München zum Titel führte, mit dem langjährigen WAZ-Sportchef Hans-Josef Justen. Helmut Schön verstarb 1996, Hans-Josef Justen 2015.

Der Weltmeister-Trainer zu Gast bei der WAZ: Helmut Schön, der die Fußball-Nationalelf 1974 in München zum Titel führte, mit dem langjährigen WAZ-Sportchef Hans-Josef Justen. Helmut Schön verstarb 1996, Hans-Josef Justen 2015.

Essen.  Der Sport macht keine Pausen mehr, auch die Medien ruhen nie: Wie sich die Arbeit eines Sportredakteurs verändert hat.

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Ein Montagabend Ende der Achtziger. Kollege Bommi, ein erfahrener Redakteur, beruhigte den Neuling. „Du musst nur die Ergebnisse vom Pferderennen nachschieben“, versichert er mir. „Sonst ist montags nichts los.“ Trabrennen gab es damals noch regelmäßig: in Gelsenkirchen, Recklinghausen, Dinslaken und Mönchengladbach. Gegen 22 Uhr lieferten die Rennvereine und die Nachrichtenagenturen die Resultate. Die packten wir dann auf der zweiten Sportseite in die Ecke. Und das war’s. Bommi hatte Recht: kein Grund zur Aufregung.

Ein Montagabend im Jahr 2018. Borussia Dortmund spielt gegen den FC Augsburg. Ein Bundesligaspiel, terminiert gegen den Willen vieler Fans. Ein Aufregerthema seit Wochen, begleitet von Protesten, interessant für Massen. Im Einsatz sind an diesem Abend: drei Reporter im Stadion, fünf Redakteure im Innendienst.

Ständig stellen wir neue Nachrichten auf unser Online-Portal. Mit dem Abpfiff muss der erste Spielbericht fertig sein, der dann auch zum Aufmacher im Sportteil der Zeitung wird. Bis Mitternacht wird er um Reaktionen ergänzt, auch die Fotos werden noch mal ausgetauscht. Die Sportredaktion rotiert auf Hochtouren. Normal.

Einen ruhigen Tag gibt es im Sport auch unter der Woche nicht mehr. Einmal im Jahr nur gönnt er sich und uns ein ganz kurzes Verschnaufen: Heiligabend wird kein Ball bewegt und auch kein Trainer entlassen.

Früher war nicht alles besser

Früher war nicht alles besser. Aber vieles war einfacher. Übersichtlicher. Und unaufgeregter.

Interviews zum Beispiel. Man traf sich mit dem Sportler, dem Trainer, dem Funktionär, und die Atmosphäre war meistens entspannt. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit Box-Weltmeister Henry Maske in einem Dortmunder Hotel, 1994 war das, er bereitete sich in jenen Tagen auf einen Kampf in der Westfalenhalle vor. Mein Kollege Thomas Lelgemann und ich redeten mit ihm ungezwungen über alles, was uns interessierte. Bereitwillig erzählte er über sein stark verändertes Leben, nachdem er vom erfolgreichen Amateurboxer für die DDR nach der Wende zum Profi und zum gesamtdeutschen Sport-Idol aufgestiegen war. Henry Maske war im Ring kein Haudrauf, und auch im Gespräch ging er nicht zum Angriff über. Besonnenheit zeichnete ihn aus.

Als wir uns verabschiedeten, sagte er: „Und schreibt was Schönes, sonst bekommt ihr Ärger mit meinem Bodyguard.“ Er zeigte dabei auf einen großen, bulligen Mann mit kahlrasiertem Kopf, der am Nebentisch saß und aß. Als er das hörte, stand er auf, reichte uns lachend die Hand und stellte sich vor: „Hallo, ich bin Axel Schulz!“

Auch der damals noch weitgehend unbekannte Schwergewichtler, der ein Jahr später selbst die große Bühne betrat und gegen Legende George Foreman um die WM boxen durfte, unterhielt sich noch ein bisschen mit uns. Niemand bat uns darum, das Interview zum Gegenlesen vorzulegen. Vertrauen war nichts Ungewöhnliches.

Begegnung mit einem Jungstar

Keine Ahnung, wann genau ich erstmals mit dem Wort Autorisierung konfrontiert wurde, wann in Vereinen und Verbänden ganze Abteilungen aufgebaut wurden, die sich heute umfassend um Medienarbeit kümmern. Die dabei auch darauf bedacht sind, dass Spieler bloß kein falsches Wort sagen, also nichts, was ihnen selbst, den Mitspielern, dem Trainer oder dem Verein in irgendeiner Weise schaden könnte.

Die Klubs reagieren damit auf eine veränderte Medienwelt, in der sich Nachrichten durch Online-Journalismus und soziale Medien rasend schnell verbreiten.

Und dann haben die Spieler auch noch persönliche Berater, die eigene Interessen verfolgen. Die legen allergrößten Wert darauf, dass der Wert des Profis und sein Image, sprich die Marke, unangetastet bleiben. Auf der Strecke bleibt dabei oft die Lockerheit.

Als ich im Jahr 2014 mit Leon Goretzka auf Schalke verabredet war, wurde mir das alles komprimiert vor Augen geführt. Mein Thema hieß „Zwischen Schalke und Schulbank“, der damals 19-jährige, hochbegabte Fußballer sollte bitte mal erzählen, wie er es auf wundersame Weise schaffte, mit dieser extremen Doppelbelastung zu leben: einerseits schon in der Champions League zu spielen, andererseits auf der Zielgeraden zum Abitur nicht aus der Spur zu geraten.

Mir gegenüber saß ein höflicher Junge, der sich aber erkennbar unwohl fühlte in dieser Situation. Er hatte offensichtlich gelernt, wie man sich möglichst unverfänglich äußert, möglichst nicht aneckt. Er sagte zunächst Sätze wie „Das muss der Trainer entscheiden“ und „Ich versuche, der Mannschaft zu helfen“. Phrasen, fürs Interview unbrauchbar.

Das autorisierte Gespräch

Leon Goretzka ist ein kluger Kerl. Natürlich merkte er irgendwann, dass ich nicht gekommen war, um ihn mit Fangfragen zu konfrontieren und ihm Fallen zu stellen. Aber es dauerte, bis er erkannte, dass ich ihm nichts Böses wollte, sondern tatsächlich an dem Menschen interessiert war, der hinter den für sein Alter außergewöhnlichen Leistungen steckte. Als er den Schutzpanzer ablegte, erzählte er, wie er das durch den Wechsel vom Zweitligisten VfL Bochum zum Bundesligisten FC Schalke noch komplizierter gewordene Leben organisierte, wer ihm dabei half, wem er vertraute. Wir sprachen über Mitschüler, Lehrer, Eltern. Die Frage, ob er es bedauere, nicht wie andere junge Menschen auch mal über die Stränge schlagen zu können, beantwortete er in voller Überzeugung so: „Was ich durch den Fußball erlebe, erleben andere nicht, und das wiegt alles hundertprozentig auf.“ So wurde es mit Verzögerung doch noch ein persönliches, interessantes Interview.

Neben Leon Goretzka saß ein Mitarbeiter aus der Medien-Abteilung des Vereins, der das Gespräch aufzeichnete. Ein Profi in seinem Metier, der von Beginn an keine Bedenken hatte und dann auch das aufgeschriebene Interview, das ihm wie heutzutage üblich zur Autorisierung vorgelegt wurde, unverändert ließ.

Der Reporter in der Telefonzelle

Das ist der Idealfall, leider keine Selbstverständlichkeit. Es kam auch schon mal vor, dass ein führender Funktionär eines Fußballklubs darauf bestand, ein Interview selbst noch einmal zu überarbeiten. In dem Word-Dokument, das er mir zurückschicken ließ, hatte er ganze Passagen umgeschrieben, Aussagen verdreht, Belangloses eingefügt. Es dominierte die Farbe Rot – fast alles war verändert worden. Ich schrieb ihm zurück, dass mich dieses Werk an meine Lateinarbeiten als Jugendlicher erinnerte. Und dass er sich entscheiden müsse: So würde es jedenfalls nicht gedruckt. Es kam zu einem Kompromiss, mit dem beide Seiten leben konnten.

So mag manches komplizierter geworden sein im Laufe der Jahre – die Übermittlung von Texten aber ist heute angenehme digitale Routine. Egal, wo du dich als Reporter befindest: Du kannst senden, sobald der letzte Punkt gesetzt ist. An Gutes gewöhnt man sich ja so schnell.

Zu Beginn der 90er-Jahre gab es noch kein Laptop und kein Handy. Beim Eishockey-Derby zwischen der Düsseldorfer EG und den Kölner Haien war die kleine Pressetribüne überfüllt, ich saß mit meinem Block auf den Knien zwischen den Zuschauern. Kurz vor Spielende raste ich mit lauter Mark-Stücken in der Hosentasche zur Telefonzelle vor der Eishalle an der Brehmstraße. Die Dame in der Telefonaufnahme der WAZ wartete schon. Ich diktierte, sie schrieb direkt in den Computer. Nach drei, vier Minuten klopften die ersten Fans vor die Scheibe. Einer riss die Tür auf und schrie, ich solle endlich da rauskommen.

Schnell gab ich noch durch, dass sich Düsseldorfs Torwart gegen die überlegenen Kölner „wie ein Nichtschwimmer im Haifischbecken“ vorgekommen sein muss. Ich dachte, das sei ein originelles Ende. Die Dame in Essen versicherte, sie habe alles verstanden. Am nächsten Tag las ich in der Zeitung: „wie ein Lichtschimmer im Haifischbecken“...

Hans-Josef Justen, der fast 40 Jahre die Sportredaktion der WAZ geleitet hatte und vor drei Jahren verstarb, erzählte gerne die Geschichte, wie er 1975 den FC Bayern zum Europapokalspiel in Eriwan, damals noch Sowjetunion, begleitete. Reporter durften noch im Mannschaftshotel wohnen, der WAZ-Mann aber verzweifelte daran, dass er keine Telefonleitung bekam. Er versuchte es auch am späten Abend noch, bis in die Nacht hinein, und wenn er mal durchkam, brach die Leitung sofort wieder zusammen. Immer wieder brüllte der Reporter: „Herr Wesemann – verstehen Sie mich?“ Doch der Mann in der Telefonaufnahme hörte ihn nicht.

Am nächsten Morgen begrüßte Bayern-Trainer Dettmar Cramer die Spieler beim Frühstück. „Schönes Hotel“, sagte er. „Nur ein bisschen hellhörig. Ich habe mich die ganze Nacht gefragt: Wer ist eigentlich dieser Herr Wesemann?“

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