Jubiläum

Die Volontäre der WAZ über die Zukunft und ihre Ausbildung

(v.l.) Tabea Beissert, Gesa Kortekamp, Hendrik Steimann, Hendrik Niebuhr, Stephanie Heske, Simon Gerich, Jory Aranda.

(v.l.) Tabea Beissert, Gesa Kortekamp, Hendrik Steimann, Hendrik Niebuhr, Stephanie Heske, Simon Gerich, Jory Aranda.

Foto: Kai Kitschenberg

Essen.  Volontäre der WAZ diskutieren über die Zukunft ihres Berufs und stellen einige der Ausbildungsstationen innerhalb des Volontariats vor.

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Der große Geburtstag unserer Zeitung ist nicht nur Anlass zurück zu blicken, sondern gerade auch für uns – für den Nachwuchs – Anlass, den Blick in die Zukunft zu richten. Der Journalismus steht in diesen Zeiten vor großen Veränderungen: Neben der gedruckten Zeitung setzen wir verstärkt auch auf Online-Inhalte. Über Chancen und Perspektiven diskutierten aktuelle Volontäre der WAZ. Das Gespräch führten Tabea Beissert und Stephanie Heske.

Wie seht ihr die Zukunft des Regional- und Lokal-Journalismus im Wandel der Digitalisierung?

Jory Aranda: Wir sollten die technische Entwicklung im Blick behalten. Bald werden wir vermutlich mit dem Handy schneller surfen können als am Rechner zuhause. Dadurch rücken Videoformate stärker in den Mittelpunkt. Um unsere Leser bestmöglich zu erreichen, sollten wir uns diesem Nutzungsverhalten anpassen und noch stärker auf Videos setzen.

Also die Formate, die wir haben, erweitern?

Gesa Kortekamp: Genau. Und zwar so erweitern, dass der Leser Lust auf mehr bekommt. Weil er etwa ein kurzes Video gesehen hat und jetzt mehr über den Menschen, den er da gesehen hat, erfahren möchte.

Das funktioniert aber nur online.

Jory Aranda: Ich selbst lese Nachrichten auch zuerst online auf dem Handy. Sobald ich am Frühstückstisch sitze, halte ich aber gerne die gedruckte Zeitung in den Händen.

Hendrik Niebuhr: Wir müssen uns als Lokaljournalisten verstärkt Gedanken darüber machen, wie wir auch die Leute für uns gewinnen, die ausschließlich online lesen.

Trotzdem macht ihr bei einer lokalen Tageszeitung eure Ausbildung.

Hendrik Steimann: Ja, denn wir arbeiten längst multimedial auf allen Kanälen, haben digitale Produkte, wie die Sonntagszeitung, und sind viel auf Facebook aktiv.

Jory Aranda: Wenn man guten Journalismus machen möchte, lernen wir hier ein gutes Handwerk. Die Leute vertrauen unserem Medium, wir arbeiten gewissenhaft.

Dieses Vertrauen aufrecht zu erhalten, ist ja für uns essenziell. Wie kann uns das gelingen?

Gesa Kortekamp: Ein Ansatz wäre, unsere Arbeit transparenter zu machen. Zum Beispiel durch einen Instagram-Account, in dem wir darstellen können, wie ein Arbeitstag bei uns abläuft.

Hendrik Steimann: Den Menschen ist wichtig, was vor ihrer Haustür geschieht. Warum etwa das Unkraut über die Straße wächst und die Stadt nichts unternimmt. Wir müssen ganz nah dran sein und immer ein offenes Ohr haben. Das schafft Vertrauen.

Wie haben die sozialen Medien unser Berufsbild verändert?

Jory Aranda: Es besteht ein größerer Bedarf für die Einordnung von Nachrichten. Viele sagen, dass durch das Internet die Bedeutung von Journalisten sinkt. Ich glaube, es ist eher anders herum. Die Bedeutung von gut ausgebildeten Journalisten wächst. Denn sie können Fakten bewerten, die im Internet kursieren.

Simon Gerich: Soziale Netzwerke sind längst zu einer wichtigen Quelle geworden, um Themen zu finden, die die Leute bewegen.

Jory Aranda: Vor zehn Jahren konnte sich niemand vorstellen, was wir heute alles mit dem Smartphone machen. Wer weiß, was in fünf Jahren alles möglich ist. Vielleicht lesen wir nicht mehr selbst, sondern bekommen alles vorgelesen mit einem kleinen Knopf im Ohr.

Wie kann der Lokaljournalismus in diesen turbulenten Zeiten überleben?

Jory Aranda: Der Bedarf, lokal informiert zu werden, wird bleiben. Die Frage ist, wie wir die Themen aufbereiten, so dass sie zeitgemäß sind und viele Menschen erreichen.

Gesa Kortekamp: Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann eine Wochenzeitung gibt, in der wir Hintergründe aufzeigen. Über aktuelle Ereignisse berichten wir dann online in Echtzeit.

Hendrik Niebuhr: Wir müssen in Kontakt mit den Bürgern bleiben, auf ihre Bedürfnisse eingehen. Interaktion mit den Lesern wird immer wichtiger.

Wo und wie soll dieser Austausch mit den Lesern stattfinden?

Jory Aranda: Immer wichtiger wird Community Management. Also das „Gespräch“ mit den Lesern auf sozialen Plattformen im Internet. Da würde ich auf allen Kanälen präsent sein, nicht nur bei Facebook. Das ist arbeitsintensiv. Aber letztendlich profitiert man sehr davon, wenn man sich dort eine Leserschaft aufgebaut hat. Man hat dann Zugriff auf so eine Art Schwarmwissen.

Hendrik Steimann: Überall, wo wir nicht dabei sind, verpassen wir einfach auch etwas. Und wir sollten den Anschluss nicht verlieren.

Einblicke in das Volontariat bei der WAZ - Die WAZ gestalten im Regio-Desk

In meiner Zeit am Regio-Desk Thuy-An Thuy-An Nguyen (28): In meiner Zeit am Regio-Desk habe ich das Layout für verschiedene Lokalredaktionen geplant und im Content-Team die WAZ-Ausgabe Recklinghausen mitproduziert.
Besonders spannend fand ich

Besonders spannend fand ich zu lernen, wie das Layout der WAZ gestaltet wird.
Entstanden sind viele von mir selbst gebaute Seiten. Während dieser Zeit habe ich gelernt, die WAZ als Gesamtprodukt sowie die Produktionsabläufe besser zu verstehen. Ich habe gleichzeitig ein besseres Verständnis für die Arbeit der Kollegen am Desk entwickelt.

Die eigene Stadt neu entdecken

In meiner Zeit am Regio-Desk Sebastian Hetheier (28): In meiner Lokal-Phase habe ich in der Redaktion in Bochum gearbeitet. Die meiste Zeit konnte ich eigene Geschichten umsetzen. Da ging es dann mal um Nachhaltigkeit, den Brexit, Flüchtlingsrettung auf dem Mittelmeer und Star Trek – alles auf Bochum gemünzt. Aber auch über ein paar städtische Klassiker wie die Currywurst von Döninghaus und den Starlight Express durfte ich schreiben.

Besonders spannend fand ich, dass ich meine Heimatstadt tatsächlich in vielen Bereichen neu entdeckt habe. Ich bin eigentlich kein Lokalpatriot, habe während meiner Station aber richtig Lust auf Bochum bekommen. Auf die vielen interessanten Menschen, Geschichten und Ideen, die diese Stadt zu bieten hat. Leander Haußmann hat mal behauptet, Bochum sei das Paris des Ruhrgebiets. Da ist was dran.

Entstanden ist während dieser Zeit eine Doppelseite zum Thema „Freifunk“. Da ging es um das bürgerschaftlich Engagement vieler Bochumer, die in der Stadt ein kostenloses WLAN-Netz aufgebaut haben. Drumherum sind interessante Geschichten entstanden, von der vernetzen Kleingartenanlage hin zu Geflüchteten, denen das kostenlose Internet geholfen hat, sich in der Stadt zurechtzufinden.

Entstanden ist während dieser Zeit auch ein Porträt über ein neues Tattoo-Studio, das im Stil von Harry Potters Winkelgasse eingerichtet wurde und eine deutschlandweit einzigartige Adresse für Gamer und Nerds ist. Das habe ich auf dem Weg zur Arbeit entdeckt und als erster drüber berichtet. Der Artikel wurde online ziemlich oft gelesen. Das hat nach und nach andere Medien auf den Plan gebracht, vom WDR bis bento.de

Gelernt habe ich, dass Lokaljournalismus eine schöne, aber auch schnelle Angelegenheit ist, die in Zukunft weiterhin wichtig bleibt. Beim Projekt ProBo konnte ich erleben wie neue Ideen und Formate fürs Lokale entwickelt und umgesetzt werden. Das war ein spannender Prozess. Diesen Mut zum Experiment behalte ich mir bei.

Spannende Konferenzen im Mantel

Christina Teupen (22): In meiner Mantel-Phase habe ich je einen Monat in den Ressorts „Rhein-Ruhr“ und „Wirtschaft“ gearbeitet. Ich konnte sowohl eigene Themen umsetzen als auch die Abläufe in der Essener Zentrale miterleben.

Besonders spannend fand ich die Konferenz am Morgen, an der alle Ressorts teilnehmen. Weitere Titel der Funke Mediengruppe werden per Video zugeschaltet, um zu besprechen, was am nächsten Tag im Blatt stehen soll. Die Berliner Zentralredaktion stellt zu Beginn ihre Themen vor, die sie für alle Titel anbietet. Außerdem wird die aktuelle WAZ-Ausgabe in einer Blattkritik besprochen. Was ist gut gelungen, was hätte besser sein können? Diese Fragen werden dabei beleuchtet.

Entstanden ist während dieser Zeit unter anderem ein Artikel, der sich mit der Vergabe der Anbaulizenzen für Cannabis zu medizinischen Zwecken beschäftigt. Obwohl in Deutschland angebaut werden soll, haben deutsche Bauern und Unternehmer kaum Chancen ohne ausländische Partner – das war vor meiner Recherche selbst einigen Branchenkennern nicht bewusst.

Gelernt habe ich, dass sich Mantelseiten auch kurz vor Druck noch komplett verändern können, etwa bei einem politischen Großereignis.

Online-Volontärinnen im Twitter-Interview

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