Jubiläum

Die Gründungsphase – wie die WAZ wurde, was sie ist

Britische Presseoffiziere und Diplomaten – hier lässig an einer Bar in den Räumen der beschlagnahmten Villa Hügel – forcierten die Gründung der WAZ. Gewünscht war ein anderer Zeitungstypus als der der ersten Nachkriegsjahre.

Britische Presseoffiziere und Diplomaten – hier lässig an einer Bar in den Räumen der beschlagnahmten Villa Hügel – forcierten die Gründung der WAZ. Gewünscht war ein anderer Zeitungstypus als der der ersten Nachkriegsjahre.

Essen.  Die WAZ kam später als die Konkurrenz auf den Markt. Aber sie hatte ein klares redaktionelles Konzept und konzentrierte sich auf das Ruhrgebiet.

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Die Westdeutsche Allgemeine war ein Nachzügler auf dem Zeitungsmarkt, als sie 1948 die Lizenz mit der Nummer 192 der britischen Besatzungsmacht erhielt. Für den wirtschaftlichen Erfolg hätte das ein ernstes Problem sein können. Die Lizenzzeitungen der ersten Stunde, gegründet zumeist im Jahr 1946, waren schon auf dem Markt, hatten Leser und Anzeigenkunden an sich binden können. Eigentlich sprach nicht viel dafür, dass ausgerechnet die WAZ an allen Konkurrenten vorbeiziehen, die unangefochtene Spitzenstellung im Ruhrgebiet erzielen und die auflagenstärkste Regionalzeitung der Bundesrepublik Deutschland werden würde.

Genau so aber kam es, und drei Faktoren waren dafür entscheidend. Erstens verfolgte die WAZ von Anfang an ein redaktionelles Konzept, das sich von Zeitungen unterscheiden wollte, die sich als Sprachrohr von Parteien oder Interessengruppen verstanden. Zweitens konzentrierte man sich früh in weiser Selbstbeschränkung auf den Ballungsraum Ruhrgebiet, der wirtschaftlich und von der Mentalität seiner Bewohner her relativ homogen war.

Und drittens schließlich startete die WAZ dank der Papierzuteilung durch die alliierten Stellen mit einer hohen Auflage von 250.000 Exemplaren. Kurz und gut: Gerade weil sie erst vergleichsweise spät in den Markt ging, konnte die WAZ Fallstricke vermeiden, unter denen Konkurrenzblätter teils heftig litten.

Die WAZ-Gründer dachten teils sehr unterschiedlich, aber beide waren sie Pragmatiker

Das redaktionelle Konzept war zunächst Sache von Erich Brost, dem die Lizenz zur Herausgabe der WAZ Mitte 1947 angeboten wurde und der im Januar 1948 Jakob Funke als gleichberechtigten Partner ins Boot holte. Erich Brost war Sozialdemokrat, Funke teilte eher konservative Ansichten, und auch sonst waren sie sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Mindestens eines aber einte sie: Von ihrem Naturell und ihren Grundüberzeugungen her waren sie pragmatische Menschen. Für die neue Zeit im Zeitungswesen waren das gute Voraussetzungen.

Erich Brost wurde 1903 in Ostpreußen geboren, war Politiker und in den 1920er-Jahren Redakteur bei der sozialdemokratischen „Volksstimme“ in Danzig. Als Freie Stadt gehörte Danzig zunächst nicht zum NS-Machtbereich, war aber ständigen Provokationen ausgesetzt. Brost geriet in Lebensgefahr und floh kurz vor dem zweiten Weltkrieg über Umwege nach England.

Erich Brost lernte im Exil in England einen anderen Journalismus kennen

Den Journalismus, den er hier kennenlernte, hielt Brost für zukunftsweisend: Die klare Trennung von Nachricht und Meinung sowie populäre Darstellungsweisen mit unterhaltenden Anteilen („human touch“) waren Leitlinien, die er später in einer Art „Grundgesetz“ den WAZ-Mitarbeitern auferlegte. Das sprachlich Verquaste, gespreizt Gelehrsame, manchmal auch Blasierte, das den altdeutschen Journalismus prägte, sollte bei der WAZ keine Fortsetzung erfahren. „Gründlichkeit ist nicht mit Langeweile identisch“, befand Brost.

Kurze Sätze, viel direkte Rede und „straffste Zusammenfassung“ war von Redakteuren und Korrespondenten ebenso gefordert wie „Vermeidung unnötigen Beiwerks“. Ferner: „Wenig Fremdworte, jedenfalls keine ungebräuchlichen“. Hintergrundschilderungen waren aber ausdrücklich gewünscht. Selbst „Vermutungen, Kombinationen und Gerüchte“, waren nach Ansicht des Chefredakteurs „auf jeden Fall zu bringen, soweit sie von Interesse, Gewicht und einer gewissen Wahrscheinlichkeit sind“ – sie mussten aber selbstredend auch als solche gekennzeichnet werden.

Von der NRZ über Berlin kam Brost schließlich zur WAZ

Mit solchen, noch unformulierten Ideen kehrte Brost nach Deutschland zurück und kam erstmals ins Ruhrgebiet. Fünf Monate war er 1946 erster Chefredakteur der Neuen Ruhr/Rhein-Zeitung (NRZ), eine der frühen Lizenzzeitungen, die im westlichen Ruhrgebiet und am Niederrhein erschien. Bereits Ende 1946 aber folgte er zum Verdruss von NRZ-Verleger Dietrich Oppenberg einem Ruf nach Berlin, wo er Vertreter des SPD-Vorstands beim Alliierten Kontrollrat wurde.

Auch dies blieb ein Intermezzo. Im Herbst 1947 kehrte Brost ins Ruhrgebiet zurück, um die von den Briten offerierte Chance zu ergreifen, eine eigene, überparteiliche Zeitung zu gründen: eben die Westdeutsche Allgemeine. Vorausgegangen war eine Umfrage, die die Besatzungsmacht unter den Lesern der Lizenzzeitungen unternommen hatte, die alle nach dem Vorbild der Weimarer Republik Parteien zumindest nahestanden. „Das Urteil war vernichtend. Weit über zwei Drittel der Befragten lehnten die bis dahin den Markt dominierenden Parteizeitungen ab“, heißt es in der Brost-Biografie von Marek Andrzejewski und Hubert Rinklake aus dem Jahr 1997.

Vom Bleistift bis zur funktionierenden Druckerei fehlte es an allem

Dies traf sich exakt mit den Eindrücken von Brost, den die Briten rasch als den richtigen Mann für ihre reformierten Zeitungspläne identifizierten. Das Exil in London und die Tätigkeiten in den ersten Nachkriegsjahren waren dabei entscheidend. Nicht einmal die Namen der Redakteure, die er einzustellen beabsichtigte, musste Brost später vorlegen, was bei anderen Lizenznehmern unabdingbar war. „Die hatten blindes Vertrauen zu mir. Weil sie mich so gut kannten“, so Brost.

Nur wenige Monate Vorbereitungszeit blieben bis zum 3. April 1948, dem festgelegten Erscheinungstermin für die erste WAZ-Ausgabe. Brost war klar, dass dies unter den Bedingungen der Kriegszerstörungen, der schlechten Versorgungslage und der allgemeinen Knappheit eine Herkulesaufgabe war. Vom Bleistift bis zur funktionierenden Druckerei fehlte es an allem. Um die Probleme zu meistern, brauchte Brost einen Mann an seiner Seite, der im Ruhrgebiet über mehr und bessere Kontakte verfügte, als er selbst sie haben konnte.

Dieser Mann war Jakob Funke. Brost hatte ihn bei der NRZ kennengelernt, wo Funke als Essener Lokalchef seine journalistiche Laufbahn fortsetzte. Geboren 1901 in Essen, war er der Prototyp des mit allen Wassern gewaschenen Ruhrmenschen: tatkräftig und direkt, durchsetzungsstark und bestens vernetzt.

Als 14-Jähriger begann er als Botenjunge beim Verlag Reismann-Grone, der die Rheinisch-Westfälische Zeitung und den Essener Anzeiger herausgab. Schnell wurde sein journalistisches Talent entdeckt, schon in jungen Jahren erhielt Funke leitende Positionen. Als der Essener Anzeiger 1941 seine Selbstständigkeit verlor, arbeitete er einige Monate bei einer deutschsprachigen Zeitung im besetzten Belgrad, kehrte dann nach Essen zurück und war bis Kriegsende Dienststellenleiter des Deutschen Nachrichtenbüros.

Wie viele andere Journalisten, die Brost in verschiedenen Funktionen an seine Seite holte, war Funke Mitglied der NSDAP gewesen. Der späte Zeitpunkt – er trat 1941 bei – lässt aber eher an beruflich motivierte Anpassung denken als an ideologische Begeisterung. Ohne zumindest formal bekundete Regimetreue war es unmöglich, im NS-Staat als verantwortlicher Redakteur zu arbeiten, unbelastete Journalisten gab es deshalb nach 1945 kaum.

In Funkes Wohnung auf der Margarethenhöhe entstand die Struktur der WAZ

„Das wusste ich natürlich. Besonders bei den Lokalredakteuren ließ sich das gar nicht vermeiden“, sagte Brost 1995 seinen Biografen. Obwohl Widerständler, vertrat Brost beim Thema NSDAP-Mitgliedschaft eine aus heutiger Sicht erstaunlich gelassene Haltung. Entscheidend war für ihn der glaubwürdige Wille, den demokratischen Neuanfang mitzugehen.

In Funkes Wohnung in der halbzerstörten Essener Siedlung Margarethenhöhe, wo auch Familie Brost anfangs Unterschlupf fand, wurden in langen Diskussionen die Weichen gestellt. Die britischen Lizenzgeber wollten die WAZ ursprünglich im ganzen Bundesland Nordrhein-Westfalen erscheinen lassen. Brost sympathisierte zunächst damit, wich jedoch nicht zuletzt auf Drängen Funkes davon ab und überzeugte schließlich nach schwierigen Gesprächen auch die Briten: Die WAZ sollte sich mit ihrer relativ hohen Startauflage auf das Ruhrgebiet konzentrieren können.

Jakob Funke holte seine alten Vertriebs- und Anzeigen-Profis zur WAZ

„Das war unbedingt der richtige Weg“, so Brost später. „Das habe ich nicht so klar gesehen wie Funke.“ In der Tat: Erst dieser Schritt machte die WAZ sehr rasch nach ihrem Erscheinen wirtschaftlich erfolgreich und ließ sie zum Sprachrohr der Industrieregion werden. Jakob Funke war es auch, der von Beginn an die lokale Verankerung vorantrieb. Jede Stadt im Ruhrgebiet sollte ihre spezifische WAZ erhalten, wobei man sich im Untertitel an die Traditionen früherer Lokalzeitungen vor Ort anlehnte, sie quasi eingemeindete.

Kaum zu unterschätzen war auch, dass Funke seine alten Vertriebs- und Anzeigen-Kollegen für die neue Zeitung gewinnen konnte, was von Beginn an ein hohes Maß an Professionalität und gute Einnahmen sicherte. „Funke war ein außerordentlich tüchtiger Mann“, urteilte Brost 1995 – dass man sich schon bald zerstritten hatte, änderte offenbar nichts an dieser Wertschätzung.

Ohne Brost keine Lizenz, ohne Funke kein wirtschaftlicher Erfolg

Festzuhalten ist: Ohne Brost, der die inhaltlich-journalistische Leitung übernahm, hätte es die Lizenz für die WAZ nicht gegeben. Ohne den Verlagsleiter Jakob Funke und sein organisatorisches Talent aber wäre der WAZ kaum so rasch großer Erfolg beschieden gewesen. „Überall türmten sich Schwierigkeiten“, erinnert sich Brost später. „Die allgemeinen Verhältnisse waren katastrophal. Und wir selbst hatten ja kein Papier, wir hatten keine Druckfarbe, keine Büromöbel, keine eigenen Maschinen, und vor allem: Wir hatten kein Geld.“ Letzteres ließ sich regeln, die WAZ galt als kreditwürdig.

Mangelware waren auch Schreibmaschinen, das unentbehrlichste Utensil eines Redakteurs. Bezugsscheine halfen nicht viel weiter, denn wo nichts war, konnte auch nichts bezogen werden. Im Januar 1948 ließ der NRW-Wirtschaftsminister die WAZ-Oberen wissen: „Mir wurden in den letzten drei Monaten insgesamt 51 Maschinen für das ganze Land Nordrhein-Westfalen zugewiesen. Diese Maschinen, denen Tausende von Anträgen, unter anderem solche des Staatskommissars zur Bekämpfung von Korruption und Misswirtschaft, gegenüberstehen, sind längst verteilt. Die Deckung Ihres Bedarfs scheint daher im Augenblick völlig unmöglich.“

In Bochum stand die einzige Rotation, die Kapazitäten frei hatte

Irgendwie klappte es trotzdem. Am 3. April erschien die erste WAZ, ganze vier Seiten stark, gedruckt auf einer Rotationsmaschine in Bochum, der einzigen im Ruhrgebiet, die für eine neue Zeitung Kapazitäten frei hatte. „Es waren Wochen, randvoll mit Arbeit und Sorgen“, erinnert sich später Ernst Ney, Redakteur der ersten Stunde und später Korrespondent in der Bundeshauptstadt Bonn. Und er mochte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Ach, diese Schlaumeier, die später schrieben, die neue Zeitung habe ja von Anfang an alles gehabt, was für den glücklichen Start erforderlich war.“

Was zählte, war dies: Die WAZ war da, und sie hatte vor zu bleiben.

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