Jubiläum

Der Gerichtsreporter und das Ringen um Gerechtigkeit

Menschliche Schicksale verbergen sich in den Akten, ohne die vor Gericht kein Fall verhandelt wird.

Menschliche Schicksale verbergen sich in den Akten, ohne die vor Gericht kein Fall verhandelt wird.

Essen.  Seit 28 Jahren berichtet WAZ-Redakteur Stefan Wette aus den Gerichtssälen. Sein Credo: Angeklagte respektieren, Opfern Gehör schenken.

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Was lässt den Menschen töten? Was ihn betrügen, überfallen, verletzen oder vergewaltigen? Ist der Mensch wirklich ein Tier, wenn er böse ist? Eine Bestie? Und damit der Verbrecher auch wirklich nichts mit uns gemein hat: ein Monster?

Es ist so einfach, das Böse aus der Menschheit auszuschließen. Aber 28 Jahre bei Gericht lehren, dass diese Ausgrenzung nichts bringt. Straftäter sind natürlich auch Menschen. Sie sind nicht immer böse. Wenn sie mal nicht klauen, rauben, morden, quälen oder betrügen, sind sie der nette Nachbar, der brave Kollege oder der erfolgreiche Manager. Es stimmt, wenn Anwohner nach schlimmsten Serienmorden dem Journalisten diktieren: „Also, ich kann nichts Negatives sagen. Freundlich gegrüßt hat er immer.“

Verbrechen ist mein Beruf

Das Verbrechen ist mein Beruf, das Ringen um Gerechtigkeit. „Wie halten Sie das bloß aus?“, höre ich oft. Aber vom Richter erwartet der Bürger ja auch Abgeklärtheit. Und einen Arzt, der angesichts eines Massenunfalls verzweifelt, den wollen wir nicht. Und so lebt auch der Gerichtsreporter mit dem Bösen.

Bei der WAZ war ich ab 1983 als Jungredakteur in Dorsten für die Polizei zuständig, habe mir bei Gericht angeschaut, was aus den Ermittlungen geworden ist. So habe ich Spaß an der Justiz bekommen, weil dort die Beweise sachlich geprüft werden und es um menschliche Schicksale geht. Dem Leser die Prozesse erklären, spannend erzäh­len, das Juristendeutsch übersetzen und die Justiz kritisch begleiten – das ist all die Jahre mein Anspruch.

Für die WAZ, eine der wenigen Zeitungen mit einem echten Gerichtsreporter, bin ich seit 1990 für das Land- und Amtsgericht Essen, seit mehreren Jahren auch für die Dortmunder Gerichte zuständig. Dazu kommen Prozesse bundesweit. Pro Arbeitstag im Schnitt drei Verhandlungen, bisher rund 20.000.

Es ist der schönste Beruf vonne janzen Welt. Jeden Tag neue Menschen kennenlernen, in Bereiche blicken, die ein klassischer Beruf nie ermöglicht hätte, Mächtige kontrollieren, engagiert seinen Standpunkt vertreten und den Menschen anschaulich und fair die Welt erklären – das ist Journalismus.

Vor Gericht habe ich gelernt, auch die Angeklagten zu respektieren und den Opfern Gehör zu schenken. Lieschen Müller habe ich kennengelernt, als sie auf der Anklagebank saß. Üble Schläger, fiese Betrüger, perverse Sexualtäter. Der angeklagte Karstadt-Chef Thomas Middelhoff gab sich jovial: „Wie geht’s Ihrer Familie, Herr Wette?“ Fleisch-Fabrikant Clemens Tönnies ordnete ein: „Sind Sie eine Zecke, Herr Wette?“ „Nein, Rot-Weisser.“ Vor Gericht sind sie fast alle gleich – selbst Libanese Bilal „Pumpgun“ H. guckt nicht immer böse.

Rotlichtkönig zahlt fürs Gericht

Oder Rotlichtkönig Hans-Günter B., „der Blinde“, wie er wegen seiner nächtlichen Zockerei genannt wurde. Er beschwerte sich mal bei mir, dass meine Berichte seine Geldbuße auf 100.000 DM – lange ist’s her – hochgetrieben hätten. Und der dann mit Blick auf die frisch renovierten Wände des Essener Landgerichtes versöhnlich nachschoss: „Aber ist ja für ‘nen guten Zweck.“

Boxer Manuel Charr, auf den geschossen wurde und der trotzdem ohne Schutz ins Landgericht kam. Meine Frage, ob er keine Angst habe, konterte er: „Angst – ist ein Gefühl.“ Und als ich kritisch über seine sparsame Aussage geschrieben hatte, fragte er: „Und, haben Sie Angst, Herr Wette?“ Angesichts seines Körpers und meiner Figur war die Antwort klar – aber das musste ich ihm ja nicht sagen.

So sind sie. Sie alle leben in einem anderen Milieu. Manche sind Verbrecher, aber eben nicht immer.

Was in Erinnerung bleibt aus einem Journalistenleben? Da war auch Howard Carpendale, den ich 1979 nach einem Besuch der Essener Lokalredaktion zum Bahnhof fuhr. Er wuchtete seinen massigen Körper ins Auto und zerstörte die Konsole meines Polo. Ohne dass die WAZ oder Howie sie dem armen freien Mitarbeiter je ersetzt hätten.

Harald Juhnke mit Wasserflaschen

Und Harald Juhnke (bitte googlen, junge Leser), der in einer seiner Trockenphasen an der Redaktionstür klingelte. Ich, 18 Jahre alt, öffnete, sah den Schauspieler mit zwei Flaschen Sprudel in der Hand. „Watt Krupp in Essen“, sagte der Alkoholiker, „bin ich im Trinken“.

Was bei Gericht haften blieb? Solingen, Pfingsten 1993, später der Mordprozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Vier junge Deutsche zünden nachts ein von Türken bewohntes Haus an. Ein feiger Anschlag. Keine Chance für die Schlafenden. Fünf Menschen sterben. Nur weil sie Türken sind, Ausländer.

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