Organspende

Radtour pro Organspende: Gegen Sterben auf der Warteliste

Radtour pro Organspende: Ankunft am Essener Universitätsklinikum am Mittwochmittag. Krankenhäuser, wissen die, die schon länger dabei sind, „liegen gern oben auf einem Berg“.

Radtour pro Organspende: Ankunft am Essener Universitätsklinikum am Mittwochmittag. Krankenhäuser, wissen die, die schon länger dabei sind, „liegen gern oben auf einem Berg“.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Bei 40 Grad radeln Transplantierte gerade durchs Land: für Organspenden, gegen das Sterben auf der Warteliste. Am Mittwoch stoppten sie in Essen.

Fast 40 Grad hat’s, als 35 abgekämpfte, aber strahlende Radler Mittwochmittag am Universitätsklinikum Essen vorfahren: Aus Oberhausen kommen sie an diesem Tag, nach Gelsenkirchen wollen sie, und sie sind „Unterwegs für Herz, Niere & Co“. Im schattigen Durchgang zwischen Frauen- und Kinderklinik wird Mittagspause gemacht auf der 3. Etappe der „Radtour pro Organspende“, die am Montag in Köln startete. „Das Sterben auf der Warteliste muss endlich aufhören“, fordern die Radler.

„Ein paar Nieren, zwei Herzen, bis gestern auch zwei Lungen und einige Lebern sind dabei, aber kein Knochenmark dieses Mal“, beschreibt Gudrun Manuwald-Seemüller (70), Vorsitzende des Veranstalters „TransDia Sport Deutschland“, ihre Begleiter. Menschen also, denen eben diese Organe transplantiert wurden. Männer und Frauen sind es, alte und junge, einigen sieht man an, dass Schweres hinter ihnen liegt. Fast alle fahren die gesamte Tour mit, strampeln sechs Tage quer durch NRW, legen dabei an die 600 Kilometer zurück – und keineswegs alle sitzen auf einem E-Bike.

Transplantationsbeauftragte: Wir brauchen mehr Öffentlichkeit

Die AOK verschenkt Beutel mit Flickzeug, Pflastern und einer Trinkflasche an die Radler, verschiedene Initiativen haben Infotafeln zum Thema Organspende aufgestellt, an fast allen liegen Ausweise aus. Dr. Ebru Yildiz, Transplantationsbeauftragte des Uniklinikums begrüßt die Truppe mit netten Worten, einem Imbiss und kühlen Getränken. „Wir brauchen mehr Öffentlichkeit“, sagt sie. Denn genau darum geht es den Radfahrern: Sie werben um mehr Aufmerksamkeit für das Thema Organmangel. Seit 13 Jahren, jedes Jahr in einem anderen Bundesland. „Tag für Tag sterben in Deutschland drei Menschen, während sie auf ein neues Herz, eine neue Niere oder ein anderes Organ warteten“, sagt Gudrun Manuwald-Seemüller. „Das ist doch der wahre Skandal.“ Vor 17 Jahren erhielt sie selbst die Leber eines Hirntoten.

Tim Caspers ist einer von denen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen. „Montag bin ich drauf gerutscht“, erzählt der 39-Jährige. „Ich brauche eine neue Leber.“ Nur zufällig, nach der Blutabnahme in der Leberambulanz des Klinikums, stieß er auf die Radfahrer. „Richtig klasse“, findet er die Aktion, „Respekt!“. Aber selbst mitradeln? „Geht nicht mehr“, sagt Caspers. „Trau ich mir nicht zu.“

Kleine Kliniken sind der wesentliche Mosaikstein zur Verbesserung der Situation

Für Ralf Knickrehm (59) dagegen ist es die fünfte „Radtour pro Organspende“ nach seiner Nierentransplantation. Und die Hitze kaum bemerkenswert. „Im vergangenen Jahr haben wir in Mecklenburg-Vorpommern bei über 40 Grad 120 Kilometer zurückgelegt.“ Das Anliegen sei jede Anstrengung wert, meint der Duisburger Internist. Für ihn ist die Tour vor allem eine Art Dankeschön „an all die kleinen Krankenhäuser, die an uns gedacht haben“: Gestoppt wird nicht nur an Transplantationszentren wie dem Essener Klinikum . Hier wurden im vergangenen Jahr 90 Nieren (eine mit Pankreas), 44 Lungen und vier Herzen transplantiert. Pause machen die Radler auch an „potenziellen Spenderkliniken“, Häusern wie dem Bottroper Knappschaftskrankenhaus oder dem Marienhospital in Gelsenkirchen-Buer – wo sie am Mittwochnachmittag erwartet wurden. Diese Kliniken, „die jemanden als potenziellen Spender identifizieren, sich monatelang um den Patienten kümmern, seinen Hirntot feststellen, das Transplantationsteam alarmieren“ sind für den Duisburger Arzt „wesentlicher Mosaikstein zur Verbesserung der Situation der Wartenden“. Die eben keine Lobby hätten, nicht mitradeln könnten.

„Ich hab seit 30 Jahren einen Spenderausweis. Den Würmern gönn’ ich’s nicht...“

Peter Kohnen vom Netzwerk Organspende diskutiert derweil am Rande mit Klinikbesuchern, die der Trubel angelockt hat.„Ich will die Leute nicht überzeugen“, sagt der 69-Jährige.„Ich will nur, dass sie über eine Organspende nachdenken. Und wenn dann einer zu einem ehrlichen Nein kommt, ist das auch in Ordnung.“ Dass Deutschland (zusammen mit Bulgarien, Rumänien und Moldawien) „Hitparadenletzter“ sei, was die Zahl der Spender angeht: Das sei erschütternd. Andere Länder zeigten doch, wie es funktioniert: „Neun Spender pro eine Million Einwohner hier, 36 in Spanien…“. Für die „Manipulationen“ an den Transplantationszentren in Essen und Göttingen gebe es „keine ethische Entschuldigung“,erklärt er Skeptikern. Als ehemaliger Betriebswirtschaftler könne er sie aber erklären: „Je knapper ein Gut ist, desto größer die Manipulationsgefahr. Hätten wir mehr Spender, gebe es gar keinen Nährboden dafür“, glaubt Kohnen. 2011 erhielt der Mann aus Unna nach einer schweren Autoimmunerkrankung in Essen eine neue Leber. Dreieinhalb Jahre musste er darauf warten. „Wir hatten Jahre,“, sagt seine Frau Helene, „die wünscht man keinem.“

Einen Organspendeausweis hatte Kohnen übrigens schon in jungen Jahren, bevor er selbst erkrankte: „Den Würmern gönn ich’s nicht.“


>>>>Info: Zahlen und Fakten:

Derzeit warten in Deutschland mehr als 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan, davon knapp 8000 auf eine Niere. 2291 Patienten erhielten 2018 eine Spenderniere, die durchschnittliche Wartezeit bei Nierenpatienten beträgt inzwischen fast zehn Jahre.

955 Menschen spendeten 2018 Organe, im Durchschnitt jeweils drei.

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