Demonstration

Pulse of Europe: Eine Protestbewegung ohne Protest

Recht spärlich besucht war die Kundgebung am Ostersonntag. Anne Becker (mit Mikro) und Oliver Franz (mit der Fahne) waren trotzdem zufrieden.

Recht spärlich besucht war die Kundgebung am Ostersonntag. Anne Becker (mit Mikro) und Oliver Franz (mit der Fahne) waren trotzdem zufrieden.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.   Jeden Sonntag gehen Menschen für die europäische Idee auf die Straße. Die Bewegung ist nicht gegen etwas, sondern für Europa. Ein Ortsbesuch.

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Brexit, Populisten, die das geeinte Europa lieber heute als morgen abschaffen würden – da lassen sich echte Europäer von so ein bisschen Regen nicht aufhalten. Obwohl es am Ostersonntag um kurz vor 14 Uhr heftig schüttet, versammeln sich um diese Zeit auf dem Hirschlandplatz in der Essener Innenstadt doch etwas mehr als 100 Menschen: In der einen Hand der Regenschirm, in der anderen die Europaflagge.

„Pulse of Europe“ heißt die Veranstaltung, die sich mittlerweile in vielen Städten etabliert hat – in der Region etwa neben Essen und Düsseldorf auch in Bochum oder Dortmund. Insgesamt gehen Menschen in über 100 Städten in Deutschland und Europa seit Wochen jeden Sonntag (einige Veranstaltungen fielen an Ostern aus) für ein geeintes Europa auf die Straße.

Rentner neben Studenten

„Kommt ein bisschen näher an die Bühne“, ruft Anne Becker aus dem Organisationsteam. Sie steht auf der kleinen Wagenbühne auf dem Platz. Über ihr hängen die Flaggen der EU-Länder. Im Vergleich zu anderen Terminen sind heute wenige Europa-Fans in die Innenstadt gekommen. Das Wetter, und Ostern.

Ein Blick ins Publikum: Rentner stehen dort neben Studenten und einer Familie mit Kindern, was das Alter angeht sind die Besucher bunt gemischt. Jannis Mühlemeyer, 20 Jahre alt und Student, gehört mit seinen Freunden zu den Stammgästen. Zum sechsten Mal sind sie dabei. „Für unsere Generation sind freie Grenzen selbstverständlich“, sagt er. Trotzdem läuft für ihn heute nicht alles gut, er fordert mehr statt weniger Europa: „Die Länder müssen noch viel stärker zusammenarbeiten.“

Eva Jahnke (24) steht zusammen mit ihrer Schwester Lena (22) zum ersten Mal für Europa auf der Straße. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Uni findet: „Es ist gut, dass Menschen mal für etwas sind, und nicht nur gegen etwas.“

Überparteilich und offen

Eine Protestbewegung im herkömmlichen Sinne will „Pulse of Europe“ gar nicht sein. Stattdessen wirbt sie für die Vorteile eines vereinten Europas: offene Grenzen, Presse- und Meinungsfreiheit, den Frieden. „Unser Europa ist etwas, das es zu erhalten gilt“, sagt Mit-Organisatorin Anne Becker, 30 Jahre alt und im normalen Leben Stadtplanerin. „Und vielleicht etwas, das es weiterzuentwickeln gilt.“ Zehn Thesen hat sich die Ende des vergangenen Jahres gegründete Pulse-Bewegung gegeben: Von „Europa darf nicht scheitern“, über „Reformen sind notwendig“, bis „Alle können mitmachen“.

Hinter das offene Mikrofon vor der Bühne treten ausnahmslos Europa-Fans. Trotzdem lässt sich aus den Zwischentönen auch Kritik am bestehenden europäischen System heraushören. Ein Mann fordert, dass die Politik sich durch Transparenz wieder mehr Vertrauen erarbeiten soll. Und ein anderer sagt: „Wir müssen Europa weiterentwickeln. Wir leben auf der Insel der Glückseligen, aber es gibt oben und unten, es gibt arm und reich.“

Eine eindeutige politische Idee, wie es mit Europa und der EU weitergehen soll, möchte die Pulse-Bewegung nicht liefern. „Das ist nicht unser Job“, sagt Anne Becker. „Wir tragen das Thema in die Öffentlichkeit. Ideen müssen die Parteien entwickeln, jede auf ihre Art.“ Denn auch das will „Pulse of Europe“ sein, überparteilich und offen für unterschiedliche politische Überzeugungen und Positionen.

Zum Abschluss die Hymne

Dem von Kommentatoren oder Politikwissenschaftlern geäußerten Vorwurf, die Bewegung sei zu unpolitisch, tritt Mit-Veranstalter Oliver Franz, von Beruf Volkswirt, entgegen: „Alleine, dass bei diesem Sauwetter die Menschen hierhin kommen, ist eine politische Botschaft.“ An guten Sonntagen seien es europaweit bis zu 40 000 Menschen. „Wir haben mehr Menschen mobilisiert, als es Pegida jemals geschafft hat“, meint Franz.

Wie lange das noch so sein wird? Bis zur Bundestagswahl will die Bewegung auf jeden Fall durchhalten. Solange soll auch in der ­Essener Innenstadt jeden Sonntag die Europa-Hymne erklingen.

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