Prozess

Dinslakener IS-Terrorist: Zehn Jahre Haft für Foltermord

| Lesedauer: 7 Minuten
Der angeklagte IS-Terrorist Nils D. im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts bei der Urteilsverkündung.

Der angeklagte IS-Terrorist Nils D. im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts bei der Urteilsverkündung.

Dinslaken/Düsseldorf.  Der Dinslakener IS-Terrorist Nils D. ist zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, weil er in Syrien einen Gefangenen zu Tode gequält hat.

Hassan M. starb einen grausamen Tod. Seine Arme hinter den Rücken gefesselt, aufgehängt an einer Stange unter der Decke des Folterraums im Gefängnis des „Islamischen Staates“ (IS) im nordsyrischen Manbidsch, schlugen vier Männer erbarmungslos auf den Mittzwanziger ein. Sie wollten ihn wegen Gotteslästerung bestrafen. Kurze Zeit nach der Tortur erlag M. seinen Verletzungen. Am Freitag ist einer seiner Mörder im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Düsseldorf zu zehn Jahren Haft verurteilt worden: der IS-Terrorist Nils D. aus Dinslaken.

Nils D. war als Mitglied der „Lohberger Brigade“, einer Gruppe junger Salafisten, die sich in dem Dinslakener Zechenviertel radikalisiert hatte, im Oktober 2013 über die Türkei nach Syrien ausgereist. Zuvor war er nach der typischen Laufbahn vieler Salafisten – Schulversager, Ausbildungsabbrecher, Kleinkriminalität – im Jahr 2011 zum Islam konvertiert und hatte sich im Umfeld des „Dinslakener Instituts für Bildung“ radikalisiert. Im März 2014 schloss sich D. in Syrien dem IS an. Im November kehrte er zurück nach Deutschland, wurde wenig später festgenommen und diente sich als Kronzeuge an. Er erhielt eine Strafmilderung, weil er so umfassend gegen andere IS-Mitglieder ausgesagt hatte. Was er selbst in Syrien verbrochen hatte, verschwieg der heute 31-Jährige jedoch in weiten Teilen.

Prozess dauerte 26 Monate - Mehrere Zeugen sagten gegen Nils D. aus

In seinem ersten Prozess hatte D. eingeräumt, in Manbidsch bei einem Sturmtrupp des IS aktiv gewesen zu sein, der für den Sicherheitsdienst der Terrororganisation Menschen festnahm und sie zu dem früheren Einwohnermeldeamt der Stadt brachte, dessen Keller zu einem Gefängnis umfunktioniert worden war. D. war aber nach Überzeugung des sechsten Strafsenats des Oberlandesgerichtes mehr: Er war ein Folterknecht des IS, der Gefangene unmenschlich und grausam misshandelte. Noch während der ersten Verhandlung waren entsprechende Vorwürfe früherer Gefangener publik geworden, weswegen D. im September 2019 ein neuer Prozess gemacht wurde.

In den 26 Monaten, die dieser zweite Prozess dauerte, sagten mehrere Zeugen gegen den Dinslakener aus. Sie identifizierten D. als Abu Ibrahim al-Almani, den Mann, der meistens vermummt und schwarz gekleidet Angst und Schrecken unter den Gefangenen verbreitete. In seiner Urteilsbegründung listete der vorsitzende Richter Jan van Lessen am Freitag auf, was D. und seine Spießgesellen den Menschen in ihrem Gewahrsam antaten: Sie sperrten Menschen in kleinen Zellen ein, in denen sie nur stehen konnten, schlugen sie immer wieder brutal mit Knüppeln, Kabeln und ihren Fäusten zusammen, führten Schein-Exekutionen durch. D. tat sich dabei besonders hervor. Einen Menschen traktierte D. so hart, dass der Stock zerbrach, mit dem er auf ihn einprügelte.

Strafsenat hält Hautbealstungszeugen für glaubhaft

Im Juli 2014, kurz vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan, geriet Hassan M. in die Gewalt der Folterknechte, ein junger Mann, dem vorgeworfen wurde, als Mitglied der freien syrischen Armee (FSA) gegen den IS gekämpft zu haben. Als M. im Folterraum des Gefängnisses verhört wurde, rief er etwas, das D. und seine Mittäter als Gotteslästerung verstanden. Um ihn zu bestrafen, schlugen sie auf ihn ein, beschimpften ihn laut als Kafir, als Ungläubigen. Etliche Gefangene, die ebenfalls in dem Raum waren, wurden Zeugen des Gewaltexzesses. „Die Unantastbarkeit ihrer Religion war ihnen wichtiger als das Leben des Opfers“, führte van Lessen aus.

Anders als die Verteidigung, die einen Freispruch für ihren Mandanten gefordert hatte, hielt der Strafsenat die beiden Hauptbelastungszeugen trotz einiger widersprüchlicher Aussagen für glaubhaft. Mit der Haftstrafe von zehn Jahren blieb der Senat jedoch unter dem Strafmaß, das der Vertreter der Bundesanwaltschaft gefordert hatte, der für eine lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld plädiert hatte.

Als strafmildernd bewerteten die Richter die umfassenden Aussagen des Dinslakener Terroristen gegen andere IS-Mitglieder. Damit habe er einen „Beitrag zur Verringerung von Anschlagsrisiken“ geleistet. Zudem würdigte der Senat, dass D. sich vom IS distanziert hat und am Aussteigerprogramm Islamismus teilgenommen hat. D. verfolgte die Urteilsbegründung weitgehend ungerührt. Ab und an feixte er mit seinen Angehörigen, die wie an anderen Verhandlungstagen auch den Prozess verfolgten.

Was geschah mit anderen Mitgliedern der Lohberger Brigade?

Neben D. sitzen derzeit drei der insgesamt 13 jungen Männer, die 2013 und 2014 vom Niederrhein aus nach Syrien gereist waren und sich dort dem IS angeschlossen hatten, in Haft. Marcel B. wurde von den kurdisch dominierten Demokratischen Streitkräften Syriens (SDF) gefangen genommen und ist in Nordsyrien inhaftiert. Murat D. wurde Anfang 2019 im Kosovo zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Mindestens sechs Mitglieder der Lohberger Brigade sind in Syrien oder im Irak gestorben: Mustafa Kalayci, ein enger Freund von Nils D. und ebenfalls Mitglied des Sturmtrupps in Manbisch, der bekannt wurde, weil er in den sozialen Medien mit dem abgeschlagenen Kopf eines Opfers posierte; Hassan Diler, von dem ein Foto existiert, das ihn zusammen mit dem Belgier Abdalhamid Abaaoud zeigt, einem der Drahtzieher der Pariser Terroranschläge im November 2015; Philip Bergner, Cousin von Nils D., dem bei Gefechten der Kiefer weggeschossen wurde und der sich am 6. August 2014 an einem Checkpoint nahe der nordirakischen Stadt Mossul in die Luft sprengte und bei diesem Attentat 20 kurdische Soldaten ermordete. Den Tod Bergners hatte D. noch nach seiner Rückkehr nach Deutschland bejubelt: „Es gibt nichts Besseres als den Märtyrertod.“ Als tot gelten außerdem Marcel Ludwig, David Gäble und Yunus E., die 2014 bei Kämpfen in Nordsyrien gestorben sein sollen.

Verfassungsschutz hat Lohberg wieder im Visier

  • Zehn Jahre nach der Bildung der „Lohberger Brigade“ blickt der Landesverfassungsschutz erneut auf den Dinslakener Stadtteil. Es gebe einen „Hinweis, dass sich erneut Jugendliche zusammengetan“ hätten, teilte eine Sprecherin des Landesinnenministeriums der NRZ mit, ohne konkreter zu werden.
  • Im Mai hatten Jugendliche während des Gaza-Kriegs eine Israel-Fahne am Dinslakener Rathaus abgenommen und auf dem Johannes-Platz in Lohberg verbrannt. Kurze Zeit später tauchte ein antisemitisches Graffito auf einer Mauer am Sportplatz auf. Eine Anti-Israel-Demo hatte keinen großen Zulauf.

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