Sozialer Arbeitsmarkt

Zweite Chance für Langzeitarbeitslose in der Logistik

Die Logistikbranche bietet einige Jobs auch im Helferbereich. Auch das reedereieigene Terminal D3T in Duisburg-Rheinhausen hat schon Langzeitarbeitslose eingestellt.

Die Logistikbranche bietet einige Jobs auch im Helferbereich. Auch das reedereieigene Terminal D3T in Duisburg-Rheinhausen hat schon Langzeitarbeitslose eingestellt.

Foto: Hans Blossey

An Rhein und Ruhr.  Der Soziale Arbeitsmarkt ist gut angelaufen – auch in der Logistikbranche. Ein Blick in die Region und auf das Terminal D3T in Duisburg.

Es ist nicht zum ersten Mal gibt Ralf Jahnke einem Langzeitarbeitslosen in seinem Betrieb eine Chance. Die Papiere der Bewerber haben ihn nie so richtig interessiert. Das hat sich auch nicht geändert, seit es den „Sozialen Arbeitsmarkt“ gibt. „Wichtig ist die Einstellung der Leute. Sie müssen pünktlich sein. Wenn wir um 5 Uhr die Tore öffnen, muss der Mitarbeiter da sein. Wir sind zu klein, um Unpünktlichkeit auffangen zu können“, sagt der Geschäftsführer des reedereieigenen Terminals D3T auf dem Logport-Gelände in Duisburg-Rheinhausen mit 27 Mitarbeitern. Seit 2008 hat der Betrieb vier Langzeitarbeitlose, die vom Jobcenter Duisburg vermittelt wurden, eingestellt. Die neuen Fördermöglichkeiten durch das Bundesteilhabechancengesetz begrüßt Ralf Jahnke, sagt aber zugleich: „Wir machen eine Einstellung davon nicht abhängig.“

Firmenchefs wie Jahnke wünschen sich die Jobcenter mehr. Ein halbes Jahr nach Einführung des neuen Gesetzes ziehen die Agenturen für Arbeit und Jobcenter in der Region eine positive Bilanz und sprechen von einem guten Start. Bundesweit wurden bislang nach einem halben Jahr 21.300 Langzeitarbeitslose in öffentlich geförderte Jobs vermittelt, NRW-weit waren es 6336 Menschen, von Düsseldorf über Mülheim, Oberhausen, Essen, Duisburg und die Kreise Kleve und Wesel sind es insgesamt 1542. In den Städten und Kreisen zeigt man sich zuversichtlich, dass Ende des Jahres die Zahlen erreicht sind, die man sich vorgenommen hat. In Duisburg wurden bereits 350 Männer und Frauen vermittelt, Ende 2019 sollen es 550 sein, der Kreis Kleve hat sein gestecktes Ziel von 105 Vermittlungen mit 102 fast schon jetzt erreicht.

„Ein guter Start“ – wertet die Agentur für Arbeit. Auch für den DGB und die Sozialdemokraten belegen diese Zahlen, „dass das Programm zur Reduzierung der Langzeitarbeitslosigkeit wirkt“, wie es der Duisburger SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Bischoff formuliert. Die Zahlen zeigen, „dass das Teilhabechancengesetz Langzeitarbeitslose Wege in den allgemeinen Arbeitsmarkt aufzeigt“, sagt auch Angelika Wagner, Geschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region Niederrhein. Der DGB sei dabei, eine Statistik über die Branchenverteilung zu erarbeiten. „Es sollen die Stellen zu je 30 Prozent in der öffentlichen Verwaltung, bei den Wohlfahrtsverbänden und in der Privatwirtschaft geschaffen werden“, erklärt Angelika Wagner. Dieses Ziel haben noch nicht alle Kommunen erreicht, auch weil es in der öffentlichen Verwaltung hakt. In Oberhausen wurden beispielsweise bislang 165 Langzeitarbeitslose zumeist in die Wirtschaft oder zu sozialen Trägern hin vermittelt. Etwa 100 Stellen sollen aber noch in der Verwaltung geschaffen werden.

Möglichkeiten zur Weiterbildung

Auch im Kreis Wesel zeigt man sich mit 237 vermittelten Jobs zufrieden. Allerdings sei die Beteiligung seitens des Handwerks noch gering, da „hier Kräfte mit guten handwerklichen Fähigkeiten und entsprechender Mobilität benötigt werden“, sagt Julia Schäfer, Pressesprecherin des Jobcenters im Kreis Wesel. Diese Stellen könnten bereits kaum über den normalen „Arbeitsmarkt“ bedient werden. Und kleinere Unternehmen hätten nicht die Kapazität, um Langzeitarbeitslose den geschützten Rahmen und die Betreuung zu bieten, die sie brauchen.

Dabei sind auch vermeintliche Helfertätigkeiten für ein Unternehmen wichtig. Beim Logistiker D3T hat ein Checker den ersten Kontakt zu den Kunden, wenn die mit ihren Lkw aufs Terminal fahren. Er muss „wasserdicht“ sein, „bei Wind und Wetter draußen rumlaufen und gut zu Fuß sein, denn er legt einige Kilometer zurück“, sagt Ralf Niksztat, bei D3T fürs Personal zuständig.

Aktuell hat er über die Vermittlung vom Jobcenter wieder einen guten Checker gefunden. Ein Mann, in den 50ern, der zuvor als Hausmeister gearbeitet hat, „macht sich richtig gut“, so Niksztat. Wenn er sich weiter bewährt, kann er im Betrieb eine Ausbildung zum Gabelstaplerfahrer machen, wie schon einige Mitarbeiter zuvor. „Wer will, bekommt die Chance und alle Zeit, die er braucht“, sagt Ralf Jahnke und erzählt: „Wir hatten einen Checker, der hat sehr korrekt gearbeitet, sich aber nicht richtig auf den Gabelstapler getraut, der Angst hatte, anzuecken. Es hat lange gedauert, bis er fit war. Aber heute ist er einer unserer besten Fahrer.“

Die Jobs, in die Langzeitarbeitslose auf dem Sozialen Arbeitsmarkt vermittelt werden, sind querbeet durch die Branchen verteilt. Hauswirtschaftler sind genauso dabei wie Verkaufshilfen in der Metzgerei oder Garten- und Landschaftsbauer. Und gerade die Logistikbranche biete „einige Jobs im Helfersegment, aus denen aber auch mehr werden kann“, sagt Michael Synowczyk, Teamleiter im Jobcenter Duisburg.

Frauen sind noch unterrepräsentiert

Für DGB-Chefin Angelika Wagner ist wichtig, dass auch Frauen und Alleinerziehende „besonders in den Blick genommen werden.“ Sie seien noch in der Vermittlung „unterrepräsentiert“, weil es weniger Helfertätigkeiten für Frauen gibt und die Kinderbetreuung oft nicht einfach ist. Noch fehlten auch statistische Werte darüber, wie viele Unternehmen in der Privatwirtschaft nach Tarif oder den Mindestlohn bezahlen. Erkenntnisse darüber erhofft man sich im Herbst. Grundsätzlich müsse es Ziel sein, „dass die Beschäftigten einen langfristigen Job haben“ – über den Förderzeitraum hinaus.

Mülheimer Diakoniewerks-Chef kritisiert den Sozialen Arbeitsmarkt in jetziger Form

Ulrich Schreyer hat schon viel über den Sozialen Arbeitsmarkt geredet, oder besser gesagt über „einen Sozialen Arbeitsmarkt“, so wie sich der Geschäftsführer des Diakoniewerks in Mülheim für die Gruppe von Langzeitarbeitlosen wünscht, „die nicht auf den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können“, weil ihnen die Qualifikation fehlt, sie keine geregelte Tagesstruktur haben und dem Druck in einem Betrieb der freien Wirtschaft nicht gewachsen wären. Aber das, was nun mit dem Teilhabechancengesetz als „Sozialer Arbeitsmarkt“ bezeichnet wird, sei ernüchternd.

In Mülheim ist Ende 2018 das Förderprogramm Stadt.Arbeit ausgelaufen. 146 Beschäftigte hatten bei dem Diakoniewerk einen Job, eine Aufgabe und geregelten Tagesablauf. Aus und vorbei. „Aus den 146 sind nun 35 geworden“, sagt Ulrich Schreyer. Nur 15 Mitarbeiter konnten von den 146 übernommen werden. „Die anderen sitzen jetzt wieder zu Hause.“ Mehr als 35 Beschäftigte kann das Diakoniewerk über die Förderung des Teilhabechancengesetzes nicht finanzieren, weil die Arbeitgeber nach drei Jahren einen Teil der Personalkosten selbst tragen müssen. Was das für die Arbeit des Diakoniewerks mit ihren vielen Bereichen wie der Tafel, Kleiderkammer, Schreinerei oder Möbelmontage auf lange Sicht bedeutet, lasse sich noch nicht sagen. Fest stehe aber: „Viele Langzeitarbeitslose fallen durchs Raster.“

„Wir brauchen ein Beschäftigungsmodell“

Der Soziale Arbeitsmarkt „hat nichts mit dem zu tun, was ich meinte. Wir brauchen keinen sozial finanzierten Arbeitsmarkt, sondern ein Beschäftigungsmodell. Es ist besser, Arbeit zu finanzieren, als die Arbeitslosigkeit“, so Schreyer. Welche Jobs das sein könnten? „Da müsste man nur mal durch die Stadt fahren, da fallen einem an vielen Ecken Aufgaben auf.“

Mit seiner Kritik an dem Teilhabechancengesetz ist Schreyer nicht alleine. Auch den Linken geht der Soziale Arbeitsmarkt nicht weit genug. Grundsätzlich sei „jede Maßnahme, die dazu führt, dass Menschen wieder in Arbeit kommen, zu begrüßen“, sagen die Duisburger Linken. Allerdings sei das Gesetz ein tropfen auf den heißen Stein und gehe das Gesetz am Bedarf „vollkommen vorbei“ – bei beispielsweise 28.000 Arbeitslosen in Duisburg.

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