Brexit

Schadet der Brexit dem Airport Weeze, Ludger van Bebber?

Ludger van Bebber sieht dem Brexit mit gemischten Gefühlen entgegen. Grundsätzlich hält er den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union für falsch. Die  negativen Auswirkungen auf den Airport Weeze hält er für überschaubar.

Ludger van Bebber sieht dem Brexit mit gemischten Gefühlen entgegen. Grundsätzlich hält er den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union für falsch. Die negativen Auswirkungen auf den Airport Weeze hält er für überschaubar.

Foto: Lars Heidrich

Am Niederrhein.   Der geplante Ausstieg von Großbritannien aus der Europäischen Union naht. Der Flughafen-Chef über mögliche Folgen, auch für Reisende.

Nur noch 38 Tage – dann will Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Es wäre: der so genannte Brexit. Wie es nach dem 29. März 2019 weitergehen wird, weiß niemand wirklich. Die Unsicherheit ist groß, aber auch abstrakt. Nachgefragt bei Ludger van Bebber, Chef des Airport Weeze, der an einer direkten Schnittstelle zwischen Großbritannien und der Europäischen Union sitzt.

Wird Ryanair am Montag, 1. April 2019, flugplanmäßig von Weeze nach London-Stansted fliegen?

Ich gehe davon aus.

Und wird Ryanair am Dienstag, 2. April 2019, flugplanmäßig von Weeze nach Edinburgh fliegen?

Auch davon gehe ich aus.

Also gehen Sie nicht von einem harten Brexit aus?

Ich setze auf die Vernunft der verhandelnden Politiker. Sie werden hoffentlich noch rechtzeitig Übergangsregelungen vereinbaren, damit am 29. März 2019 kein Fallbeil zwischen der Europäischen Union und Großbritannien niedergeht – und die Menschen auch danach so problemlos wie eben möglich zusammenleben können.

Was erwarten Sie konkret von der Politik?

Dass es auch nach einem Brexit, egal wie dieser letztlich ausfällt, weiterhin substanzielle Vereinbarungen für die Liberalisierung von Dienstleistungen im allgemeinen wirtschaftlichen Interesse geben wird. Dazu zählen bisher bestimmte Bereiche der Grundversorgung, wie Energie, Telekommunikation, Post, Wasserversorgung und Verkehr, auch der Luftverkehr.

Kommt es zu einem harten Brexit, warnt die International Air Transport Association (IATA) vor einem „Alptraum auf europäischen und britischen Flughäfen, wenn „Millionen Passagiere möglicherweise festsitzen“. Panikmache?

Formell ist es richtig, dass die Branche über mögliche Auswirkungen eines Brexit informiert. Wenn die Verhandlungen der Politik zu keinem Abschluss führen, dann fehlen in der Branche die Grundlagen für einen offenen Markt. In diesem Fall könnte nach dem 29. März kein Flugzeug einfach so von der EU nach Großbritannien und umgekehrt fliegen.

Von Ryanair ist im Fachmagazin „Airliners“ zu lesen, im Fall eines harten Brexits rechnet man damit, dass der Luftverkehr zwischen Insel und Festland bis zu drei Wochen ruhen werde.

Wir können nur darüber philosophieren, wie ein Worst-Case-Szenario tatsächlich aussehen wird. Wichtig ist, dass es verbindliche Regelungen zwischen der EU und Großbritannien gibt, um den Luftverkehr auch nach einem harten Brexit aufrecht zu erhalten. Ansonsten kann es passieren, dass nach dem 29. März zunächst einmal kein Flugzeug von Weeze nach London-Stansted oder Edinburgh fliegen kann, und umgekehrt.

Was passiert mit einem bereits gekauften Ticket, wenn ein Flug wegen des Brexits ausfällt? Wird es dem Verbraucher erstattet?

Die bisherigen Vereinbarungen der Europäischen Union garantieren, dass Reisende nach der Annullierung eines Fluges eine entsprechende Entschädigung erhalten – falls der Ausfall nicht durch höhere Gewalt verursacht wurde. Wie das im Rahmen eines Brexits beurteilt wird, kann aktuell wohl noch keiner abschätzen.

Was könnte sich denn noch ändern: Wird die Einreise von EU-Bürgern und Briten bald komplizierter? Müssen Reisende mit längeren Wartezeiten vor dem Ein- und nach dem Ausstieg rechnen?

Grenzkontrollen gab es ja bisher schon, weil Großbritannien trotz der EU-Mitgliedschaft nicht dem Schengener Abkommen beigetreten ist, das eine freie Einreise vorsieht. Auch jetzt schon muss wenigstens der Personalausweis vorgezeigt werden. Ob dieser zukünftig ausreichen wird, ist ebenfalls noch nicht klar. Auch darüber kann spekuliert werden, ob EU-Bürger demnächst für Reisen nach Großbritannien zusätzlich einen Reisepass benötigen.

Einen neuen Reisepass zu beantragen kostet Bundesbürger unter 24 Jahren zur Zeit 37,50 Euro an Gebühr, wer 24 Jahre oder älter ist, zahlt 60 Euro.

Dieses Beispiel zeigt: Den Brexit wird es nicht zum Nulltarif geben. Ein Austritt aus der Europäischen Union kostet alle Beteiligten und Betroffenen am Ende Geld. Das sollte jeder in dieser Diskussion berücksichtigen.

Vielleicht werden EU-Bürger bald ein Visum für die Einreise in Großbritannien brauchen?

Theoretisch wäre das denkbar. Aber Großbritannien wird trotz eines Brexits nicht auf Touristen aus EU-Ländern verzichten wollen. Daher wird bestimmt keine umständliche Visumspflicht eingeführt werden. Wahrscheinlicher wäre eine Regelung wie in der Schweiz, die ebenfalls kein EU-Mitglied ist: Dort dürfen sich EU-Bürger bis zu 90 Tage visumfrei aufhalten.

Zumal Reisen nach Großbritannien für EU-Bürger nach dem Brexit wohl noch günstiger werden.

Das britische Pfund hat nach dem Brexit-Referendum deutlich an Wert gegenüber dem Euro verloren. Experten gehen davon aus, dass es nach dem Austritt von Großbritannien aus der EU weiter so sein wird, insbesondere im Fall eines harten Brexits.

Wie viele Passagiere nutzen eigentlich die Verbindung vom Niederrhein auf die britische Insel?

Im vergangenen Jahr beförderte Ryanair zwischen Weeze und London 42.400 Fluggäste, von und nach Edinburgh 36.400. Wöchentlich gab es sieben Verbindungen, vier nach England, drei nach Schottland. Das wird im Sommerflugplan wohl auch so bleiben

Wie sehr würde ein harter Brexit, also ein Ausfall der beiden Direktverbindungen, den Flughafen Weeze schaden?

Mit Blick auf 1,67 Millionen Gäste, die wir in 2018 am Airport Weeze begrüßt haben, wäre es kein existenzieller Schaden. Aber es wären empfindliche und sehr ärgerliche, weil vermeidbare, Umsatzausfälle.

Nun sind es nur noch 38 Tage bis zum Brexit. Die EU hat eine Übergangsregelung für Flüge zwischen Großbritannien und Europa in Aussicht gestellt. Damit es eben keinen Stillstand in der Luft und Chaos am Boden gibt.

Eine Übergangsfrist, egal ob für 60 oder 90 Tagen gültig, wäre pragmatisch und natürlich besser als keine Regelung. Aber grundsätzlich muss man sich fragen, warum bis heute immer noch nichts konkret vereinbart wurde? Der genau Brexit-Termin ist mindesten seit März 2017 bekannt. Ich frage mich: Worauf warten die Politiker noch? Im Interesse aller Bürger, sowohl in Großbritannien als auch in der Europäischen Union, brauchen wir jetzt eine verbindliche Einigung.

Und dennoch bliebe zum Schluss die Erkenntnis des Ryanair-Chefs Michael O’Leary, der den Brexit für die „dümmste Idee der Wirtschaftsgeschichte“ hält.

Aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus gibt es keine substanziellen Gründe, warum Großbritannien die Europäische Union verlassen sollte. Unterm Strich ist die EU für alle europäischen Staaten eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, auch für Großbritannien.

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