Kino

Omas Vermächtnis: So entstand das Lichtburg-Center Dinslaken

Die Betreiber Heike, links, und Heidrun Grießer feierten das 90-jährige Bestehen des Kinos.

Die Betreiber Heike, links, und Heidrun Grießer feierten das 90-jährige Bestehen des Kinos.

Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Heidrun und Heike Grießer führen das Lichtburg-Center in Dinslaken – ein Vermächtnis ihrer Oma Helene. Ihr Haus war das erste Kino in der Stadt.

Mann, o Mann. Was muss diese Helene Trenthammer aus Dinslaken doch für eine starke und zupackende Frau gewesen sein? Auf dem schwarz-weißen Bild, das ihre Enkelin Heidrun Grießer in Händen und Erinnerung hält, wirkt sie eher zurückhaltend und sehr vornehm.

Die Frisur ist sorgsam gesteckt, um den Hals liegt eine lange doppelreihige Perlenkette, in das elegant schwarze Abendkleid ist Spitze eingearbeitet. Eine Dame, die so gar nicht dem klischeehaften Bild einer Wirtsfrau entsprechen will.

Stummfilme im ersten Stock

Und doch war sie auch dies: die Gattin von Karl Trenthammer, der zu Kaisers Zeiten das Hotel Reichskrone an der Neustraße in Dinslaken betrieb. Als er in den verdammten Krieg ziehen musste, schmiss Frau Trenthammer den Laden alleine; notgedrungen, innovativ und erfolgreich.

Sie kaufte einen Projektor mit Handkurbel, und mit dieser abenteuerlichen Kiste zeigte sie im ersten Stock des Hauses Stummfilme. Es war der Beginn der Kinogeschichte in der Stadt. Von wegen: Männer machen Geschichte. Hier, und nicht nur hier, war es eine Frau: Helene Trenthammer, die „Mrs. Kino“ von Dinslaken.

Beginn im Modernen Theater in Dinslaken

Ihr Mann war nach seiner Rückkehr von der Front so begeistert davon, dass er die die Niederrheinische Lichtspiele GmbH gründete, zusammen mit Eduard Knepper. Mit Hilfe von weiteren männlichen Geldgebern bauten sie das erste Kino der Stadt: das Moderne Theater an der Wallstraße.

Es sei das „größte und vornehmste Lichtspielhaus am Platze“, hieß es in der Werbung. Darin soll Platz für rund 500 Besucher gewesen sein, im Parkett und auf der Galerie. Für Stummfilmvorführungen gab es einen Graben fürs Orchester. Auf der Bühne wurden Märchen, Operetten und Schauspiele geboten.

Im eigenen Haus degradiert

Bloß: Drei Tage vor der Einweihung des Theaterkinos starb Karl Trenthammer. Sein Kompagnon übernahm, und mit den übrigen Gesellschaftern war er sich einig: Die Witwe Trenthammer wird zur Platzanweiserin degradiert. Im eigenen Haus! Obwohl auch sie ja noch Teilhaberin des Betriebes war, zumindest auf dem Papier.

„Eine unglaubliche Geschichte“, findet Heidrun Grießer, die sich noch immer lebhaft über das miese Verhalten der Männer von damals empören kann. Und so ahnt man als Zuhörer bereits, das sie nicht gerade wenig von dem Kampfgeist der Großmutter geerbet hat. Zum Glück. Ohne den hätte sie vor zwei Monaten vermutlich nicht „90 Jahre Lichtburg-Center“ in Dinslaken feiern können.

Spiellizenz nach dem Krieg

Doch der Reihe nach: Am 26. Oktober 1929 wurde mit der Lichtburg am Neutor ein weiteres Kino in Dinslaken eröffnet. Es wurde 16 Jahre lang bespielt, bis es im Zweiten Weltkrieg am 23. März 1945 ausgebombt wurde; auch das Moderne Theater wurde dabei beschädigt.

Nach Kriegsende kehrte Elisabeth Schimmel, die Tochter von Helene Trenthammer und Mutter von Heidrun Grießer, aus dem vor Luftangriffen sichereren Oberstdorf an den Niederrhein zurück. Die gelernte Dolmetscherin erkämpfte sich von der britischen Besatzungsmacht die Spiellizenz für das notdürftig wiederaufgebaute Moderne Theater. Unter der Bedingung, dass nur sie als Geschäftsführerin eingesetzt werde; mit Erfolg.

In der Lichtburg großgeworden

Auch die Lichtburg war 1951 aus den Ruinen auferstanden. Hier liefen Schlager- und Schnulzenfilme, Conny Froboess und Heinz Rühmann schauten persönlich vorbei. Und während der Betrieb im Modernen Theater nach dem Bau der neuen Stadthalle niederging und 1959 unter dem Namen Park-Theater endete, ebenso wie im Rotbach-Theater, blieb die Lichtburg erhalten.

1967 pachtete Elisabeth Schimmel das Kino und führte später ihre Tochter ins Geschäft ein. „Ich bin in der Lichtburg groß geworden“, erzählt Heidrun Grießer. „Damals gab es noch kein Popcorn, dafür Schokolinsen.

Zukunft in der neuen Lichtburg


1980 schließlich kaufte sie die Lichtburg, ließ einen dritten Saal einbauen, erweiterte den Namen um das „Center“, renovierte im Laufe der Jahre das ganze Haus und stellte bereits 2009 auf die digitale Vorführtechnik um, 3D inklusive.

Danach war es an der Zeit, ihre Nachfolge zu regeln. Überraschend brachte sich Tochter Heike Grießer ins Spiel, die längst Archäologin war und – abgesehen von einer Kindheit im Kino und Aushilfsarbeiten in den Ferien – nicht mehr so viel mit dem Familienbetrieb zu tun hatte. Natürlich weiß auch sie um die Geschichte von Oma Helene, die sie zwar nie kennengelernt hat, aber „so etwas verpflichtet“.

Also sattelte sie beruflich um, stieg mit in das Lichtburg-Center ein und trotzt seitdem den Multiplex-Häusern in Duisburg und Oberhausen. Und sie, die vierte Generation, wird es wohl auch sein, die das Kino auf das Gelände hinter der Alten Feuerwache überführen wird: in den geplanten Neubau mit dann sieben Sälen. Eines aber werde bleiben, betont sie, neben dem Programm: „Kino muss bezahlbar sein, für alle.“ Wie einst bei Oma Helene.

>>> Hier geht es zum Kinoprogramm in der Lichtburg Dinslaken

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