Schriftsteller

Nicolas Born: Der politische Poet, der viel zu früh starb

Schriftsteller Nicolas Born, der keine 42 Jahre alt wurde, weil er an Lungenkrebs starb.

Schriftsteller Nicolas Born, der keine 42 Jahre alt wurde, weil er an Lungenkrebs starb.

Duisburg/Emmerich/Wendland.   Nicolas Born wurde in Hamborn geboren und wuchs in Praest auf. Doch im Wendland fand er die richtigen Worte für seine Dichtung und Wahrheit.

Was hätte Nicolas Born wohl dazu gesagt oder darüber geschrieben?

Als im vergangenen September die neu gegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung ihre Arbeit aufnahm – um endlich einen wirklich sicheren Ort für den hoch radioaktivem Atommüll in Deutschland zu finden; wenn es denn einen solchen überhaupt gibt.

Nach Angabe der Behörde ist diese Suche ergebnisoffen, nach dem „Prinzip der weißen Landkarte“, also ohne eine vorherige Festlegung auf eine bestimmte Stelle: Gorleben, zum Beispiel. Dort sollte ein ehemaliger Salzstock zu einem Atommüllendlager ausgebaut werden, behaupteten Politiker von 1977 an; einige bis heute.

Der jahrzehntelange Kampf um den Standort hat die Menschen im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg nachhaltig geprägt. Das Wendland hinter Hannover liegt auf der politischen Landkarte der alten Bundesrepublik. Atomkraftgegner demonstrierten hier noch und nöcher, manche Künstler zogen hierher.

So auch Nicolas Born, der allerdings schon zu Beginn der 1970er Jahre in einem Bauernhaus in Langendorf an der Elbe strandete; und nach einem Brand nebenan in Breese an der Marsch. Damals herrschte Aufbruchstimmung, geschwärmt wurde von einer Künstlerkolonie wie einst in Worpswede.

Auch das – eine Utopie, die sich aus jener Zeit heraus erklären lässt. Und die doch zu dem feinfühligen Schriftsteller passt, der mit seiner eigenwilligen Lyrik einen viel gelobten Platz in der Schreibzunft einnehmen konnte. Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki schätzte seine Romane und Gedichte, der intensive Briefwechsel mit Peter Handke zeugt von einer Männerfreundschaft voller Respekt, Volker Schlöndorff schließlich verfilmte sein wohl bekanntestes Werk „Die Fälschung“.

Mit Günter Grass für Willy Brandt

Nicolas Born selbst dichtete einmal: „Ich wünsche ein Buch in das ihr alle vorn hineingehen und hinten herauskommen könnt.“ Allein schon diese Zeilen lassen erahnen, wie persönlich er seine nicht bloß poetische Arbeit nahm.

Den Aufruf des Freundes Hans Christoph Buch „Keine Atommülldeponie“ unterzeichnete er mit, die Verleihung des Bremer Literaturpreises für sein bemerkenswertes Buch „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ nutzte er, um öffentlich mehr als ein Wort gegen das Endlager Gorleben zu ergreifen. Sein Satz „Die Ruhe auf dem Lande ist oft stille Wut“ begleitet seitdem die Castor-Transporte auf Plakaten quer durch das Bundesgebiet. Sein Protest gipfelte in seinem Gedicht „Entsorgt“ – mit der bitteren Erkenntnis: „Mir fehlt die Zukunft der Zukunft.“

Als Nicolas Born im Winter 1979, keine 42 Jahre alt, auf dem Dorffriedhof in Damnatz in einem Grab mit einer Skulptur des Bildhauers Klaus Müller-Klug seine letzte Ruhe fand, empörten sich Kollegen wie Kritiker über seinen viel zu frühen Lungenkrebstod. Günter Grass, mit dem er sich in den 1960er Jahren für Willy Brandt und die SPD engagierte, wollte gar seine irdische Rückkehr einklagen.

Was geblieben ist, das ist die Erinnerung an einem fast unvergessenen Mann. Zwei Literaturpreise, eine Bibliothek, eine Schule und eine Stiftung tragen in Niedersachsen seinen Namen. Sein Nachlass ist im Archiv der Akademie der Künste in Berlin einzusehen und wird von Tochter Katharina Born behutsam wie beständig bearbeitet. 2007 wurden ihr und ihrem Vater, ihm posthum, der Literaturpreis Ruhr verliehen – für das Gesamtwerk, dass damals neu überarbeitet herausgegeben wurde.

Immerhin führte diese späte Auszeichnung zumindest annähernd zurück zu den Wurzeln des Rainer-Maria-Rilke- und Peter-Huchel-Preisträgers, der in seinem Gedichtband „Das Auge des Entdeckers“ freimütig bekannte: „Ich gebe zu, daß ich schöne Gedichte schreiben wollte, und einige sind zu meiner größten Überraschung schön geworden.“

Unfall mit einem Blindgänger

Nicolas Born wurde am Silvesterabend 1937 in Hamborn, einem Stadtteil von Duisburg, geboren. Vater Werner arbeitete bei der Autobahnpolizei, Mutter Helene hatte ihren Job als Abteilungsleiterin in einem Lebensmittelgeschäft bei der Heirat aufgegeben.

Zwei Jahre später wurde Vater Born als Dorfpolizist nach Praest in Emmerich versetzt, der Sohn besuchte die Michael-Grundschule. Klassenkameraden erzählten, „er wollte immer der Beste sein.“ Ebenfalls überliefert ist ein Unfall beim Spielen mit einer Blindgängerbombe, von dem der Junge eine lebenslange Brandnarbe im Gesicht davontrug. Ende der 1940er Jahre zog die Familie nach Essen um, Mitte der fünfziger Jahre kehrten die Eltern wieder an den Niederrhein zurück und bauten ein Haus an der Raiffeisenstraße.

Nicolas Born aber blieb im Ruhrpott, fing eine Lehre als Chemigraph und mit dem Schreiben an. Erste Veröffentlichungen erschienen in den Zeitschriften „Fliegende Blätter“ und „Neues Rheinland“ – wohl noch unter seinem ursprünglichen Vornamen: Klaus Jürgen. Denn es war die Schriftstellerin Else Meister, die Frau des ersten Förderers Ernst Meister, die ihm im Frühjahr 1962 überredete, sich einen neuen Vornamen zuzulegen.

Als Nicolas Born schrieb er sich dann wortwörtlich seine Seele aus dem Leib – aber blieb, trotz aller Widerstände, versöhnlich. In „Ein paar Notizen aus dem Elbholz“ bekannte er: „Ich will nicht immer wüten und abgehen.“ Auch, um letztlich zu wissen: „Du gehst, als gingst du unter Freunden.“

>> INFO:

Zum 80. Geburtstag von Nicolas Born erschien ein Band mit Erinnerungen von Zeitgenossen, wie Friedrich Christian Delius, Peter Rühmkorf und Martin Walser: Unter Freunden. Nicolas Born. Leben, Werk und Wirkung, hg. von Axel Kahrs, Wallstein Verlag, Göttingen, 14,90 Euro.

>> O-Ton: „Kunst heißt das Leben mit Präzision verfehlen!“ Zitat von Nicolas Born, kühlschrankmagnet- oder postkartentauglich.

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