Gesichter der Demokratie

Müssen wir für die Demokratie streiten, Herr Lilienström?

Sven Lilienström, Gründer der Initiative „Gesichter der Demokratie“.

Sven Lilienström, Gründer der Initiative „Gesichter der Demokratie“.

Foto: Monika Baumann

Am Niederrhein.  Die Demokratie ist in Verruf geraten. In Deutschland, in Europa, weltweit. Sven Lilienström aus Kaarst möchte dagegen angehen. Ein Gespräch.

Der vermeintlich berühmteste Satz von Hanns Joachim Friedrichs lautet: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Das Zitat ist falsch, wurde aus dem Zusammenhang gerissen und wird oft missverstanden.

Es kann Dinge geben, mit denen sich ein Journalist gemein machen kann, auch gute. Ein Gespräch mit Sven Lilienström, Gründer der Initiative „Gesichter der Demokratie“.

Nicht einmal die Hälfte der Menschen in Deutschland sind laut einer Umfrage von Infratest dimap „zufrieden“ damit, wie Demokratie funktioniert.

Das Ergebnis sollte ein Alarmsignal sein. Der zunehmende Populismus in Deutschland, auch in Europa und der Welt, ist Indiz dafür, dass das demokratische System kein in Stein gemeißeltes Selbstverständnis ist. Wir müssen etwas tun, um die Demokratie zu schützen und zu stärken.

Was ist faul im Staate Deutschland?

Viele Menschen in Deutschland kennen nichts anderes als die Demokratie. Sie sind in einen demokratischen Staat hinein geboren und darin aufgewachsen. Demokratie ist für sie selbstverständlich. Daran liegt vielleicht eine Gefahr – in einer mangelnden Wertschätzung von Demokratie.

Bloß in 4,5 Prozent aller Staaten auf der Welt gibt es laut Demokratie-Index ein demokratisches System.

Umso glücklicher sollten wir in Deutschland sein, in einem demokratischen Staat zu leben. Anderswo auf der Erde sind Menschen gerade dabei, Demokratie zu erkämpfen. In Hongkong, zum Beispiel, gehen Leute dafür auf die Straße, protestieren gegen die Regierung, trotz aller Repression.

In Deutschland sehen etwas mehr als die Hälfte der Menschen laut einer Umfrage von YouGov die Demokratie in Gefahr, insbesondere durch den Rechtsextremismus.

Umso wichtiger ist es, jetzt für die Demokratie zu werben. Sowohl mit guten Argumenten, als auch mit Herz und Leidenschaft. Wir brauchen ein viel stärkeres gesellschaftliches Engagement, einen viel größeren Einsatz für demokratische Werte, wie Meinungsvielfalt und Pressefreiheit, gegen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit.

Wird die Demokratie in Deutschland zu schlecht geredet?

Zur Demokratie gehört auch, dass es Kritik an demokratischen Abläufen und Institutionen gibt. Ich sehe bei der Demokratie eine andere Herausforderung: Demokratie ist als Begriff zunächst einmal sehr abstrakt. Allein mit dem Wort Demokratie lässt sich kaum noch jemand begeistern. Demokratie ist sehr komplex und muss erklärt werden, sowohl ihr Sinn als auch ihr Nutzen.

Also brauchen wir mehr politische Bildung als Grundlage zur politischen Willensbildung.

Die Schule als Mikrokosmos unserer Gesellschaft ist ein ganz wichtiger Ort, an dem Demokratie erlernt und erlebt werden kann. Doch bereits davor kann in Familien das Verständnis von Demokratie geweckt werden. Eltern können mit ihren Kindern über Rechte und Pflichten, Toleranz, Solidarität mit Schwächeren und Schutz von Minderheiten sprechen.

Welchen Beitrag müssen Politiker, die gewählten Repräsentanten der Demokratie, dabei leisten?

Sie müssen den Menschen die Vorteile des demokratischen Systems erklären. In Zeiten des Rechtspopulismus öfter und stärker denn je. Aber bitte auf eine verständliche Art. Die Ideen und Werte der Demokratie müssen in unterschiedliche Lebenswelten von unterschiedlichen Menschen transportiert werden. Das ist nicht einfach, es ist anstrengend, aber wichtig und möglich.

Sie fordern auch jede einzelne Bürgerin und jeder einzelnen Bürger auf, sich zur Demokratie zu bekennen.

Unsere parteiunabhängige Initiative „Gesichter für Demokratie“ ist ein Angebot an alle Menschen. Die Unterschrift, die online abgegeben werden kann, ist ein symbolischer Akt, sich öffentlich zur Demokratie zu bekennen. Damit setzt man ein persönliches und öffentlichkeitswirksames Zeichen – und regt vielleicht andere an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Eine unverbindliche Unterschrift zu leisten ist leicht, für Demokratie zu streiten, mitunter schwierig.

Bis jetzt haben rund 550.000 Menschen die Initiative „Gesichter für Demokratie“ unterschrieben. Ich finde, das ist ein Erfolg. Ich hoffe, dass es noch mehr werden. Alle zusammen ergeben eine Stimme der Vernunft, die Mut macht, sich für die Demokratie einzusetzen. Nicht nur bei einer Demonstration auf der Straße, auch und gerade im persönlichen Gespräch, um mit guten Argumenten für die Demokratie zu überzeugen.

Bisher wurden 74 mehr oder weniger prominente „Gesichter der Demokratie“ interviewt: Viele Politiker, auch Schüler und sogar TV-Sternchen Daniela Katzenberger.

Jeder Gesprächspartner hat eigene Erfahrungen mit Demokratie gemacht Mit Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, oder Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, erreichen wir andere Zielgruppen als mit Daniela Katzenberger. Das ist gut so. Die bunte Auswahl zeigt: Demokratie geht uns alle an!

>> INFO: Die Initiative „Gesichter der Demokratie“

Idee: Sven Lilienström betreibt seit 2010 die Marketing- und PR-Agentur Rheingewinn in Kaarst. 2017 hatte er das Gefühl, „etwas zum Schutz und zur Stärkung der Demokratie“ machen zu müssen. Auslöser dafür gab es für ihn viele: die Wahl von US-Präsident Donald Trump, die umstrittene Justizreform in Polen, die immer größeren Wahlerfolge der AfD, die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland...

Initiative: Er gründete die Initiative „Gesichter der Demokratie“. An der parteiunabhängigen Kampagne kann sich jeder beteiligen, indem er „Ja zur Demokratie“ sagt und dies mit seiner Unterschrift dokumentiert. Bisher haben rund 550.000 Menschen die Online-Selbstverpflichtung unterschrieben. Mediale Aufmerksamkeit erhält die Aktion durch prominente Interviewpartner. Internet: www.faces-of-democracy.org.

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