Kinos

„Hall of Fame“: Wie Kamp-Lintfort ein eigenes Kino bekam

Stolz wie Oscar im Ruhrturm in Essen, zwölfte Etage.

Stolz wie Oscar im Ruhrturm in Essen, zwölfte Etage.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort.  Vom Banker zum Kinomacher: Meinolf Thies ist Kino-Kaufmann. Er betreibt deutschlandweit sieben Häuser – wie die Hall of Fame in Kamp-Lintfort.

Sein erster Kinobesuch: „Frankenstein Junior“ in der Schauburg auf der Bahnhofstraße in Gelsenkirchen. Damals war er, so glaubt er, zwölf Jahre alt, der Film war frei ab 16.

Man darf jetzt daraus nicht schließen, Meinolf Thies sei danach ein leidenschaftlicher Cineast geworden. „Den Anspruch, jeden Film, jeden Regisseur und jeden Schauspieler zu kennen, kann ich nicht erfüllen.“ Lachend fügt er hinzu: „In der Historie von Schalke 04 kenne ich mich besser aus.“

Vom Banker zum Kinomacher

Das ist gut zu wissen, wenn man mit ihm über das Filmgeschäft reden möchte. Herr Thies ist ein Kino-Macher. Und man tritt dem gelernten Banker wohl nicht zu nahe, wenn man ihn ausdrücklich auch als einen Kino-Kaufmann bezeichnet.

Deutschlandweit betreibt er sieben Häuser: in Salzgitter, Osnabrück, Lünen, Düren, Solingen, Mülheim an der Ruhr und, seit dem Februar 2019, in Kamp-Lintfort. „Stimmt nicht ganz“, verbessert er gar nicht uncharmant: „Im nächsten Monat eröffnen wir in Osnabrück nach einer umfangreichen Modernisierung wieder ein zweites Haus.“

Berufswunsch: Lichtspielmanager von morgen

Großes Kino also, hinter dem eine filmreife Karriere steckt. Meinolf Thies, Jahrgang 1964, sah in den 1980er Jahren eine Anzeige der amerikanischen Kino-Kette United Cinemas International, kurz: UCI. Gesucht wurden: die Lichtspiel-Manager von morgen.

Er wagte den Abgang aus dem Geldinstitut, ging ein halbes Jahr zur Ausbildung nach England und lernte dort den Großkino-Betrieb kennen: vom Kartenabreißen übers Popcorn-Verkaufen bis zum Verleih-Geschäft.

Einstieg bei Cinemaxx in Essen

Zurück von der Insel übernahm er das Management im bundesweit ersten Multiplex-Kino in Köln-Hürth, es war im Oktober ’90.

Bis ihn kurz darauf der Unternehmer Hans-Joachim Flebbe, Mitgründer der Cinemaxx-Gesellschaft, abwarb, nach Essen holte und im Dezember 1991 den Cinemaxx-Turm am Berliner Platz eröffnen ließ: 16 Säle, 5.200 Sitze. Auch die Werbung hatte XXL-Format: „Mehr als Kino“.

Der Weg zum Theaterbetreiber

Etwas mehr als 20 Jahre war er für Cinemaxx im Einsatz, zwischendurch auch bundesweit, von Hamburg aus organisierte er die flächendeckende Verbreitung der Cinemaxx-Häuser. Und erwarb sich dabei den Ruf als Kino-Killer, vor allem der kleineren Traditionshäuser.

Der umtriebige Selfmade-Mann gründete nebenbei die Firma Consulthies., die Filmtheater betreibt oder berät; gemeinsam mit Ehefrau Anja Thies. Sitz ist der Ruhrturm in Essen, zwölfte Etage.

Ein Kino für Kamp-Lintfort

Folglich ist Meinolf Thies ein Mann mit Überblick. Frage: Wonach suchen Sie die Standorte aus? Antwort: „Bis auf das Kino in Salzgitter: Nach der gelogenen Stunde, in der ich mit dem Auto innerhalb von einer Stunde von Essen aus dort sein kann. So gesehen ist auch Osnabrück schwierig, aber dahin kann ich auch nachts fahren“, erzählt er und lacht.

Ohne Scherz fügt er hinzu: „Ansonsten gilt für mich: Lieber der einzige in der Fläche als der siebzehnte in der Großstadt.“ Womit wir in Kamp-Lintfort am Niederrhein wären. Gemeinhin eine Stadt mit knapp 38.000 Einwohnern, ein ehemaliger Zechenstandort mit den üblichen Problemen des Strukturwandels.

Sehnsucht nach einem eigenen Kino am Niederrhein

Für Meinolf Thies noch „einer der wenigen weißen Flecken“ in der deutschen Kinolandschaft. Hier habe es, so sagt er, 38 Jahre lang keine Großleinwand mehr gegeben. Auch daraus schloss er, dass „die Menschen vor Ort sich schon lange nach einem eigenen Kino sehnen“.

Und verhehlen möchte er nicht, dass sich die Stadt sehr um die Neueröffnung bemüht habe. „Insbesondere Bürgermeister Christoph Landscheidt, aber auch einige private Investoren, die den Willen hatten, diesen Kinoneubau hier zu schaffen.“

Spiel in Kamp-Lintforts „Champions-League“

Deshalb steht die „Hall of Fame“ nun zwischen dem Kamp-Lintforter Campus der Hochschule Rhein-Waal und dem Gelände, das gerade für die Landesgartenschau 2020 schön gebaggert wird.

Und – wie läuft’s? „Unbeschreiblich gut. Wir sind auf ein sehr dankbares Publikum gestoßen, die unser Kino zu schätzen wissen. Um es mal fußballerisch auszudrücken: Wir spielen in Kamp-Lintfort in der Champions League.“

Ein friedvolles Publikum

Konkret heißt das etwa: Die Zuschauer müssen nicht in eine Großstadt fahren, um modernstes Kino, wie Dolby Atmos und D-Box-Sitze, zu erleben – „das gibt es auch alles hier!“

Nebenbei bemerkt der stolze Kino-Betreiber an: „Wir haben ein sehr friedvolles Publikum, die Vandalismusquote liegt weit unter der wie früher im Cinemaxx in Essen. Das macht die Arbeit ungemein angenehmer.“

Mittelstadt statt Großkino

Eine Zahl dazu: Zwei Tage vor der ersten Halbjahresbilanz wurde der 100.000 Zuschauer begrüßt. „Danach“, freut er sich, „kam der Oktober, bisher unser publikumsstärkster Monat“.

Ist das nicht ein bisschen verrückt? Meinolf Thies dreht das Rad der Kinogeschichte zurück: statt Großkino-Gigantismus nun wieder Mittelstadt-Moderne. „Alles hat seine Zeit“, findet er. Die Entwicklung gehe in jeder Branche weiter, auch im Kinogeschäft. Das Publikum ändert sich, Sehgewohnheiten werden andere. „Darauf stelle ich mich ein“, sagt er – und deshalb sieht er sich auch ganz und gar nicht als einen Kino-Killer an. „Nee, überhaupt nicht.“

>>> Hier geht es zum Kinoprogramm in der Hall of Fame

Das sind die Kinos am Niederrhein:

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