Literatur

Astrid Holleeder: Judas

Familienbild aus dem Jahr 1966, von links: Stien, Sonja,Gerard, Willem sr., Astrid und Wim. Ein Foto aus dem Buch von Astrid Holleeder, erschienen jetzt im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Familienbild aus dem Jahr 1966, von links: Stien, Sonja,Gerard, Willem sr., Astrid und Wim. Ein Foto aus dem Buch von Astrid Holleeder, erschienen jetzt im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Astrid Holleeder verriet ihren Bruder Wim und schrieb ein beklemmendes Buch darüber. Wim Holleeder steht wegen dreifachen Mordes vor Gericht.

Jeder Niederländer kennt den Namen Holleeder. Und zwar seit 1983. Da haben nämlich Willem Holleeder, genannt Wim, sein Schwager Cor van Hout und zwei Kumpane den Brauerei-Erben Alfred Heineken entführt. Holleeder ging dafür bis 1992 ins Gefängnis. Wieder auf freiem Fuß, nahm seine kriminelle Laufbahn erst so richtig Schwung auf. Zur Zeit steht er wieder vor Gericht – unter anderem, weil er den Mord an Cor van Hout, dem Mann seiner jüngeren Schwester Sonja, in Auftrag gegeben haben soll.

Kein Roman kann bewegender und bedrückender sein als die Wirklichkeit

Nicht nur Sonja van Hout sagt im laufenden Prozess gegen ihren Bruder Wim aus, auch seine Schwester Astrid Holleeder. Und die hat nun unter dem Titel „Judas“ auch in deutscher Übersetzung ein Buch vorgelegt, in dem sie die Geschichte ihrer Familie erzählt. Es beweist einmal mehr, dass kein Roman bewegender und bedrückender ist als die Wirklichkeit.

Die Kindheit war für die vier Holleeder-Geschwister kein Zuckerschlecken, denn sie lebten in ständiger Angst: Der Vater soff, prügelte, war unberechenbar, ein Kontrollfreak und obendrein krankhaft eifersüchtig.

Und Frauen gehörten an den Herd. Wim trat in des Vaters Fußstapfen, und das hieß auch, dass er seine beiden Schwestern und seine Mutter nicht nur bevormundete, sondern auch permanent unter Kontrolle behielt.

Lediglich Bruder Gerard gelang es, sich frühzeitig von der Familie abzusetzen. Sonja heiratete Wims Freund Cor van Hout und wurde Hausfrau und Mutter. Astrid versuchte über lange Jahre eine Gratwanderung: Sie wollte ein selbstbestimmtes Leben fernab ihres kriminellen Bruders führen, diesem aber dennoch eine gute Schwester sein. Von dieser Gratwanderung erzählt sie in ihrem Buch.

Die Buchautorin muss um ihr Leben fürchten, sie ist untergetaucht. In Amsterdam wird sie vor Gericht gegen ihren Bruder aussagen

Einerseits führte Astrid Holleeder ein bürgerliches Leben als Juristin und gut beleumundete Strafverteidigerin, andererseits sprang sie, wenn ihr Bruder Wim nach ihr pfiff. Er tauchte regelmäßig in aller Herrgottsfrühe vor ihrer Tür auf. Dann musste sie mit ihm spazieren gehen, denn in seiner Paranoia befürchtete er überall Spione und Wanzen. Sie war so etwas wie sein Kummerkasten, er beklagte sich bei ihr über seine kriminellen Kumpels, er benutzte sie aber auch als Vermittlerin zum Rest der Familie – zu Gerard, dessen Distanz er nicht ertrug, vor allem aber zu Sonja, die Wim von Beginn an die Ermordung ihres Mannes Cor van Hout zur Last legte.

Wim und Cor hatten sich um Geld gestritten: Van Hout hatte die Geschichte der Heineken-Entführung an einen Filmemacher verkauft und dafür kassiert. Wim glaubte, auch er habe ein Recht auf das Millionen-Honorar und ließ seinen langjährigen Kumpan vermutlich deswegen 2003 von Auftragskillern erschießen.

Doch Astrid erfuhr bei ihren Spaziergängen noch mehr – über Wims Rolle im niederländischen Kokainhandel, über dubiose Immobilientransaktionen sowie über seine Geschäfte im Rotlichtmilieu, nicht nur in Amsterdam. Man könnte fast glauben, Astrid Holleeder schriebe nicht über die Niederlande, sondern über das Italien der Camorra.

Geheime Treffen mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft

Sie schreibt auch, wie belastend dieses Leben war, nicht nur für sie, sondern auch für ihre Mutter, die von Wim immer wieder emotional erpresst wurde: Wie es ihm passte, ging er mit seinen Freundinnen bei ihr ein und aus, tyrannisierte sie.

Irgendwann entschied Astrid, dass es so nicht weitergehen durfte. Sie beschloss, mit den Justizbehörden zusammenzuarbeiten und konnte auch ihre Schwester Sonja sowie Sandra Klepper, eine ehemalige Freundin von Wim, überzeugen, mitzumachen. Selbst die Mutter ist auf ihrer Seite. Fortan treffen sich die Frauen regelmäßig an geheimen Orten mit Polizei und Staatsanwaltschaft. Astrid Holleeder hatte nun immer ein Mikrofon am Körper versteckt, wenn sie sich mit ihrem Bruder traf. So konnte sie Aussagen von ihm aufzeichnen, die der Justiz im laufenden Prozess helfen könnten, ihn vieler Verbrechen zu überführen.

Eindrücklich schildert Astrid, wie viel Überwindung es sie kostete, zur Verräterin am eigenen Bruder zu werden.

Ihre persönlichen Probleme sollten nach ihrem Entschluss auch erst richtig anfangen: Obwohl seit 2014 wieder in Haft, funktionieren Wims Verbindungen in die Unterwelt und Astrid nun muss um ihr Leben fürchten.

Sie kündigt ihren Job, verlässt ihre Wohnung und taucht unter. Wenn sie auf die Straße geht, dann mit kugelsicherer Weste und ebensolchem Helm. Und natürlich ist ihr Wagen seitdem gepanzert. Neuere Fotos von ihr gibt es nicht. Sie rechnet ständig mit einer Kugel.

>>> Weitere Informationen:

Astrid Holleeder, „Judas. Wie ich meinen Bruder verriet, um das Morden zu beenden“. Aus dem Niederländischen von Per Marquardt und Inge Klöbener-Jones. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 24 Euro

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