Wie sauber ist unser Grundwasser, Herr Gülzow?

Am Niederrhein.   Das Problem ist lange bekannt und dennoch weiter ungelöst: Unser Grundwasser ist stellenweise mit Nitrat belastet. Wie hoch genau, ermittelt zum Beispiel die Umweltschutzorganisation VSR-Gewässerschutz – bundesweit. Ihr Ergebnis für den Niederrhein: Auch 2017 gehörten Kleve und Wesel zu den stark belasteten Landkreisen in Deutschland. Ein Gespräch mit Diplom-Physiker Harald Gülzow.

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Das Problem ist lange bekannt und dennoch weiter ungelöst: Unser Grundwasser ist stellenweise mit Nitrat belastet. Wie hoch genau, ermittelt zum Beispiel die Umweltschutzorganisation VSR-Gewässerschutz – bundesweit. Ihr Ergebnis für den Niederrhein: Auch 2017 gehörten Kleve und Wesel zu den stark belasteten Landkreisen in Deutschland. Ein Gespräch mit Diplom-Physiker Harald Gülzow.

Die Trinkwasserverordnung legt einen Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter fest. Wie hoch ist die Belastung des Brunnenwassers am Niederrhein?

In 20 bis 40 Prozent der Brunnen am Niederrhein, die wir untersucht haben, liegt der Nitratwert höher als 50 Milligramm pro Liter. Das heißt: Rund ein Drittel der Brunnen ist mit Nitrat über dem Grenzwert belastet.

Die aktuelle Nitratkarte des VSR-Gewässerschutzes zeigt, dass die Belastung im Kreis Kleve höher ist als im Kreis Wesel.

Das stimmt. Für die Höhe der Belastung ist wichtig, ob ein Gebiet eher ländlich oder städtisch geprägt ist. Im Nordkreis Kleve liegen die Nitratwerte in etwa 30 Prozent der Brunnen über dem Grenzwert. In den Bereichen Rheinberg und Dinslaken war dies bei jeweils rund 16 Prozent der Brunnen der Fall.

Um es klar zu stellen, Brunnenwasser ist nicht Trinkwasser.

Für Trinkwasser, welches wir aus dem Hahn beziehen, gibt es eine Verordnung, die bestimmte Werte vorschreibt, alles andere darf nicht als Trinkwasser verkauft werden. Dahingegen hat Brunnenwasser immer die Qualität des vorhandenen Grundwassers.

Nitrat im Boden kann durch den Regen ausgewaschen und ins Grundwasser gelangen – also letztlich ins Trinkwasser.

Genauso ist es. Grundsätzlich soll Trinkwasser die Qualität haben, die das Gesetz vorschreibt. Es wird regelmäßig kontrolliert. Fest steht aber auch: Der Aufwand zur Bereitstellung von Trinkwasser, das der Trinkwasserverordnung entspricht, wird immer größer. Also immer teurer für den Trinkwasseranbieter und auch für den Verbraucher, wenn wir es nicht schaffen die Belastung des Grundwassers zu reduzieren.

Laut Landesumweltamt sind in Nordrhein-Westfalen rund 40 Prozent des Grundwassers mit Nitrat über dem Grenzwert belastet sind.

Am Niederrhein gibt es schon einige Wasserwerke, die ihre Eigenförderung aufgeben mussten und das Trinkwasser einkaufen müssen. Andere Wasserwerke haben inzwischen neue tiefere Brunnen gebohrt, um von dort aus Grundwasser zu holen, das noch nicht belastet ist. Und einige Wasserwerke nutzen Wasser aus dem Binsheimer Feld, in das ständig Rheinwasser gelangt und damit die Nitratbelastung senkt.

Sie untersuchen seit den 1980er Jahren das Brunnenwasser. Welche Entwicklung können Sie anhand der Ergebnisse ablesen?

Grundsätzlich hat sich die Belastungssituation am Niederrhein verbessert. Oft wird der gesetzliche Grenzwert aber noch überschritten, zum Teil sehr deutlich. Als negativer Spitzenwert im letzten Jahr fiel ein Brunnen in Alpen-Veen mit 154 Milligramm Nitrat pro Liter auf.

Grundsätzlich gefragt: Woher stammt das viele Nitrat im Boden?

Die Ursache liegt im aufgebrachten Dünger. Wird mehr aufgebracht, als von den Pflanzen aufgenommen wird, wäscht sich der überschüssige Nitrat ins Grundwasser aus. Hierbei haben wir es mit drei Arten von Dünger zu tun: dem künstlich erzeugten Mineraldünger, der Gülle sowie den Gärresten.

Hauptverursacher für die hohen Nitratwerte sind die Landwirte?

Ja, aber es gibt noch weitere Verursacher. Hier am Niederrhein gibt es unzählige Gärtnereibetriebe, die viel künstlichen Mineraldünger einsetzen, damit ihre Pflanzen optimal wachsen. Für diese Betriebe gab es bis zum vergangene Jahr überhaupt keine Regelung, das hat sich jetzt erst geändert.

Bundesweit gilt eine Düngeverordnung, die 2017 von der Bundesre-


gierung verschärft wurde.

Richtig, zum Beispiel gibt es nun eine Obergrenze für die Entsorgung von Gärresten, so wie es sie bei der Gülle seit Jahren gibt. Das Problem ist bloß: Man kann alles beschränken, man muss es aber auch kontrollieren. Wir kennen das ja aus dem Straßenverkehr: Dort gilt zwar die Gurtpflicht, doch gurtet sich deshalb jeder Autofahrer an? Höhere Anschnallraten erreichte man erst mit der Kontrolle und dem Einführen eines Bußgeldes. Unsere Messergebnisse werden zeigen, ob sich durch die neue Verordnung mit der unzureichenden Kontrolle die Situation verbessert.

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