Sicherheit

Wie das Heimwegtelefon Menschen in der Nacht begleitet

Gerade Frauen fühlen sich oftmals unwohl, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen müssen. Beim Heimwegtelefon finden sie Begleitung in der Ferne.

Gerade Frauen fühlen sich oftmals unwohl, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen müssen. Beim Heimwegtelefon finden sie Begleitung in der Ferne.

Foto: Markus Weissenfels / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Beim Heimwegtelefon rufen Menschen an, die nachts alleine unterwegs sind und sich unwohl fühlen. Ein Telefonist erzählt von seiner Arbeit.

Bevor Marcel Wewer die Nacht am Telefon verbringt, spaziert er eine Runde um den Block. Saugt die Atmosphäre eines einsamen Nach-Hause-Weges auf, stimmt sich ein auf die kommenden Stunden. Zurück in seinem Bochumer WG-Zimmer, setzt er das Headset auf. Ab jetzt steht er ganz den Anrufern des „Heimwegtelefons“ zur Verfügung.

Beim Heimwegtelefon rufen Menschen an, die am Abend oder in der Nacht alleine unterwegs sind und sich dabei unwohl fühlen. Die ehrenamtlichen Telefonisten fragen Standort und Ziel der Anrufer ab, folgen ihrem Weg auf einer Karte am PC. Vor allem aber führen sie ein nettes Gespräch und treten so dem Gefühl des Alleinseins entgegen.

Anrufer aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein

Hat Wewer einen Anrufer in der Leitung, leuchtet auf seinem Schreibtisch eine Lampe. „Heimwegtelefon on air“ steht darauf. „Wenn meine Mitbewohner ins Zimmer kommen, sehen sie sofort die Lampe. Sie wissen dann, dass ich gerade keine Zeit für sie habe“, erklärt der Medizinstudent, der die nächtlichen Telefonschichten gut mit seinem Lernrhythmus verbinden kann.

Die Gespräche startet er immer auf dieselbe Weise. Sind Formalitäten wie Name und Standort geklärt, erkundigt sich Wewer nach dem bisherigen Verlauf des Abends. „So ergibt sich meist von selbst ein Gespräch. Die Anrufer erzählen dann, wie ihre Party war oder was sie sonst gerne in der Freizeit machen.“ Stimmt die Chemie, kann es im Schutze der Anonymität auch mal privater werden: „Letztens hat mir eine Frau von ihrer Affäre erzählt, von der sie in dem Moment auch nach Hause ging“, schmunzelt Wewer.

18 aktive Helfer aus ganz Deutschland beteiligen sich aktuell an dem Service, der von einem Verein im hessischen Oberzent organisiert wird. Die Telefonisten arbeiten von zu Hause aus, ganz ohne Callcenter. Üblicherweise ist pro Abend eine Person eingeteilt, Freitags und Samstags jeweils zwei. Alleine aus Nordrhein-Westfalen sind seit März 132 Anrufe eingegangen, aus Großstädten wie Duisburg und Oberhausen ebenso wie aus kleineren Orten in den Kreisen Wesel und Kleve. Etwa neun von zehn Anrufern sind Frauen.

Heimwegtelefon versteht sich nicht als Hilfspolizei

Die Gesprächsatmosphäre hängt stark von der individuellen Situation der Anrufer ab. Leitet sie der bloße Wunsch nach Gesellschaft, geht es meist locker zu. Anders ist es, wenn sich Anrufer verfolgt fühlen. „Einmal sagte eine Frau, dass ihr zwei Männer folgen würden, auch nach mehreren Richtungswechseln noch. Ich habe sie dann gebeten, die beiden Männer laut zu beschreiben. Als sie das tat, sind beide weggegangen“, erzählt Wewer, betont aber, dass er sich nicht als Hilfspolizei versteht. „Wenn ich die Situation als gefährlich einschätze, bitte ich sofort, die 110 zu wählen. Ansonsten habe ich auch selbst die Möglichkeit, die Polizei zuzuschalten.“ Das hat er zum Beispiel getan, als sich eine Anruferin am Straßenrand schlafenlegen wollte. „Sie hatte offenbar Drogen genommen und sprach immer langsamer. Ich habe sie dann zu einem identifizierbaren Ort gelotst, wo die Polizei sie abholen konnte.“ Auch, als er am Telefon Zeuge häuslicher Gewalt wurde, musste Wewer die Beamten verständigen.

Doch solche Vorfälle sind selten, zumeist geht es eben doch nur um das nette Gespräch und das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Telefonate dauern im Schnitt zwölf Minuten. „Es kann aber auch mal länger gehen“, sagt Wewer. „Manchmal ist es echt spaßig und die Anrufer wollen gar nicht auflegen und rauchen dann vor dem Haus noch ein paar Zigaretten.“

Ehrenamtliche müssen Führungszeugnis vorlegen

Die Arbeit beim Heimwegtelefon ist durchaus professionell. Das beginnt schon bei der Auswahl der Telefonisten. Keine Bewerbung ohne persönliches Gespräch, Kandidaten müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Jeder Telefonist unterzeichnet außerdem eine Verschwiegenheitserklärung. Die Gespräche selbst werden mit einer eigens entwickelten Software protokolliert, die Zustimmung der Anrufer vorausgesetzt.

Für gewisse Fälle gibt es die Möglichkeit, Nummern zu blockieren. Denn der klassische Telefonstreich erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. „Manchmal sind die gut, meistens aber nicht“, meint Wewer. Oft merkt er, wenn ihn jemand auf den Arm nimmt. Dann bedarf es nur eines Mausklicks, und die Nummer wird fortan nicht mehr durchgestellt. Die Leitung bleibt so frei für diejenigen, die sich bei einem Telefongespräch wirklich sicherer fühlen.

Und deren Zahl wächst stetig, weshalb sie beim Heimwegtelefon weitere Mitstreiter suchen. In Kürze soll auch eine Werbeoffensive starten, erzählt Wewer: „Wir haben ein Infoblatt an das Innenministerium vorbereitet mit der Bitte, uns auch bei den Polizeibehörden flächendeckend bekannt zu machen.“

>>>TÄGLICH ERREICHBAR

Das Heimwegtelefon ist von überall unter der Festnetznummer 030/120 74 182 zu erreichen. Die Nummer ist praktisch kostenfrei – Verbindungen ins Festnetz sind in den meisten Telefon- und Mobilfunkverträgen inbegriffen. Die Leitung ist sonntags bis donnerstags zwischen 20 und 24 Uhr freigeschaltet sowie freitags und samstags zwischen 22 und 4 Uhr. Weitere Infos gibt es unter www.heimwegtelefon.net .

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben