Barfußlaufen

Aus Centro geworfen: Warum dieser Dinslakener barfuß läuft

Stefan Bachmann ist seit März nur noch ohne Schuhe unterwegs – und wurde deswegen gerade des Centros verwiesen.

Stefan Bachmann ist seit März nur noch ohne Schuhe unterwegs – und wurde deswegen gerade des Centros verwiesen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Stefan Bachmann verzichtet seit März auf Schuhe – auch bei der Arbeit oder beim Einkaufen. Zuletzt wurde er deswegen aus dem Centro geworfen.

Vor zwei Jahren fing alles an: Stefan Bachmann kaufte sich für 150 Euro ein paar neue Sportschuhe – und die passten dann einfach nicht richtig. Der 45-jährige Dinslakener beschloss häufiger barfuß zu gehen und im vergangenen Herbst reifte der Entschluss, ganz aufs Schuhwerk zu verzichten. Im Winter wollte er damit aber nicht direkt beginnen. „Seit März bin ich nun fast nur noch barfuß unterwegs, ob in der Innenstadt, im Wald, beim Einkaufen oder bei der Arbeit“, erzählt Bachmann. „Und wenn ich wirklich mal Schuhe brauche, trage ich Barfußschuhe.“

Komische Blicke erntet er seitdem häufiger, auch von Familie und Freunden. Sein Arbeitgeber, so erzählt der Dinslakener, reagiere aber sehr gelassen auf seine nackten Füße, Ärger habe es noch nie irgendwo gegeben – bis zur vergangenen Woche. Da war Bachmann nach Feierabend im Oberhausener Centro unterwegs, als ihn ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma ansprach und fragte, wieso er keine Schuhe trage. Bachmann erklärte, dass er darauf aus Überzeugung verzichtet. „Dann wurde mir recht deutlich klargemacht, dass andere Leute daran Anstoß nehmen könnten und ich hier entweder Schuhe kaufen oder das Centro verlassen müsse“, schildert Bachmann. Der Center-Manager hatte sich danach bei dem Dinslakener für den Vorfall entschuldigt und Bachmann eingeladen, jederzeit wieder ins Centro zu kommen.

„Ich wasche meine Füße zwei Mal am Tag“

Die ganze Sache fand Bachmann absurd. „Ich bin vorher schon unzählige Male mit meiner Tochter dort gewesen und war barfuß, ohne dass es jemanden interessiert hätte“, so der alleinerziehende Vater. Seine 14-jährige Tochter habe in der Schule oder von Freunden den ein oder anderen blöden Spruch bekommen, aber: „Im Großen und Ganzen hat sie kein Problem damit und war auch selber schon mal barfuß mit mir unterwegs“, erzählt der Mitarbeiter einer öffentlichen Verwaltung. Pflege ist dem Dinslakener dabei wichtig. „Ich wasche meine Füße zwei Mal am Tag gründlich und creme sie dann auch ein, weil sie mehr Feuchtigkeit benötigen“, so der Dinslakener.

Auf Schuhe verzichtet Bachmann nicht, weil es gerade hip ist, sondern, weil es ihm richtig erscheint. „Dass wir Schuhe tragen, ist ja kulturell bedingt“, sagt er. „Und ich brauche eben keine. Das Gefühl ist super.“ Der Gang verändere sich recht schnell. „Er wurde kraftvoller und ich bekam schnell ein anderes Gespür für den Boden“, erklärt Bachmann. „Barfuß stößt man sich außerdem nicht so hart auf der Ferse ab, wie es häufig mit Schuhen der Fall ist, sondern gewöhnt sich einen flacheren Gang auf den Ballen an.“

Splitter oder Dornen kommen selten vor

In Begleitung mit Krafttraining und Radfahren sei das für ihn genau das Richtige, um fit zu bleiben. „Auch mein Kreuz, mit dem ich vorher ab und an Probleme hatte, meldet sich nicht mehr.“ Mittlerweile fühlt sich der 45-Jährige fast ein bisschen gefangen, wenn er dann doch mal Schuhe trägt. „Aber mal schauen, wie ich dazu stehe, wenn ich bald einen ganzen Winter ohne sie überstehen muss.“

Zu Beginn seiner Barfuß-Zeit hatte Bachmann mit einer überdehnten Sehne oder Hautabschürfungen zu kämpfen. „Aber das ist Gewöhnungssache, kleine Splitter oder Dornen ziehe ich einfach raus und das kommt auch wirklich selten vor.“ Nicht jeder Untergrund sei ideal. „Schwarzer, rauer Asphalt an einem Sommertag ist nicht so schön“, erklärt er. Dafür sei der oft schlammige Boden im Rotbachtal oder das Laufen auf nassen Tannennadeln toll.

Wissenschaftler an der Sporthochschule: Füße werden stärker

Für Dr. Helge Knigge, Wissenschaftler am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Sporthochschule in Köln, ist es „evolutionsbedingt naheliegend“, dass Barfußlaufen positiv für den Körper ist. Wissenschaftlich bewiesen sei das aber noch nicht. Fakt sei aber, dass es physiologisch wesentlich natürlicher sei barfuß zu laufen und dies anatomische und dynamische Folgen habe. „Bei Naturvölkern sehen wir, dass die Leistungsfähigkeit des Quer- und Längsgewölbes im Fuß höher ist als bei uns“, so Knigge. „Die Fußmuskulatur verändert sich bei Menschen, die sehr viel barfuß gehen.“ Zu enge Schuhe würden bei vielen Menschen für eine Verkümmerung der Füße und einer Verkürzung der Zehen sorgen, erklärt der Experte. „Barfußläufer haben hingegen eher breite Füße, die Zehen haben mehr Spielraum.“ So lasse sich erklären, warum viele Barfußläufer nach einiger Zeit eine größere Schuhgröße hätten. „Die Füße finden zu ihrer Ursprungsform zurück, Muskeln, die sonst ungenutzt bleiben, werden aktiviert“, so Knigge.

Generell habe Barfußlaufen viel mit Achtsamkeit und Körperwahrnehmung zu tun, erklärt der Wissenschaftler. Dem Körper werde damit signalisiert: „Ich stehe auf dem Boden und habe einen sicheren Stand.“ Das lasse sich auch therapeutisch einsetzen, für Meditationen oder Atemübungen. „Die meisten Menschen verbinden mit nackten Füßen ausschließlich positive Erinnerungen, sie erinnern sich an Urlaube am Strand, an Freiheit und Wohlbefinden“, sagt der Experte. Wer nicht ganz ohne Schutz gehen wolle, könne auch Barfußschuhe tragen. „Sie haben ja nur eine Sohle, um vor Infektionen oder Wunden zu schützen und kommen dem Barfußlaufen ansonsten sehr nahe“, so Knigge. Beim Thema Schmerzen gebe es keine Studien, aber zahllose Einzelfallbeschreibungen, die darauf schließen ließen, dass Barfußlaufen zum Beispiel Beschwerden an der Hüfte, am Knie oder im Rücken lindern könnten.

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