Sterben

Warum sich immer weniger Menschen kirchlich bestatten lassen

Bestatterin Daniela Schlüter stellt bei ihren Trauerfeiern die Verstorbenen in den Mittelpunkt.                                                               Foto: Ralf Rottmann

Bestatterin Daniela Schlüter stellt bei ihren Trauerfeiern die Verstorbenen in den Mittelpunkt. Foto: Ralf Rottmann

An Rhein und Ruhr.  Die Hälfte aller Verstorbenen wird konfessionslos beerdigt. Was solche Trauerfeiern von herkömmlichen unterscheidet, erzählt eine Bestatterin.

In den Regalen reihen sich Urnen aneinander. Auf dem Tisch liegen Papiertaschentücher, daneben steht eine Schale mit Bonbons. „Nervennahrung für die Trauernden“, erklärt Daniela Schlüter, Bestatterin aus Essen. In dem Raum plant sie Beerdigungen, spricht mit Angehörigen über die Verstorbenen und spendet Trost.

Religion spielt dabei immer seltener eine Rolle. Zahlen der beiden großen Kirchen verraten, dass deutschlandweit gut die Hälfte aller Verstorbenen katholisch oder evangelisch beerdigt wird. Zum Vergleich: Anfang der 2000er Jahre betrug der Anteil noch mehr als 70 Prozent. Separate Zahlen für Nordrhein-Westfalen liegen zwar nicht vor. Allerdings entspricht hier das Verhältnis erfahrungsgemäß dem Bundesdurchschnitt, weiß Christian Jäger vom Landesverband der Bestatter.

Menschen möchten Individualität zum Ausdruck bringen

Dass Menschen beim Begräbnis zunehmend auf eine kirchliche Zeremonie verzichten, sieht Schlüter einem nach wie vor individueller werdenden Lebensstil geschuldet: „Diese Individualität möchten viele Menschen auch bei der eigenen Bestattung zum Ausdruck bringen. Ein kirchliches Begräbnis ist sehr traditionell und folgt einem bestimmten Ablauf. Da bleibt manchmal wenig Raum, um richtig auf die Verstorbenen einzugehen“, sagt Schlüter, betont aber auch: „Ich kenne Pastoren, die diesen Spagat ganz hervorragend hinbekommen.“

In Schlüters Bestattungsunternehmen ist der Anteil der konfessionslosen Begräbnisse sogar noch höher als im Schnitt. Etwa zwei Drittel der Trauerfeiern laufen ohne Pastor ab, und es werden tendenziell mehr. Ohne das christliche Versprechen auf ein Leben nach dem Tod haben die Zeremonien andere Schwerpunkte. „Wir stellen dann den Verstorbenen noch stärker in den Mittelpunkt“, sagt Schlüter, die auf Wunsch auch selbst die Grabrede hält.

Ein Beispiel nennt ihr Mitarbeiter Frank Schäfer: „Ein Verstorbener war dafür bekannt, immer der Letzte in der Kneipe zu sein. Also stand an seinem Grab statt Streublumen ein Zehn-Liter-Fass mit Bier. Jeder Beerdigungsgast hat sich mit einem Schluck von ihm verabschiedet.“ Fällt die christliche Symbolik weg, eröffnet das den Bestattern auch neue Freiheiten bei der Dekoration – möglichst mit Gegenständen, die den Verstorbenen charakterisieren.

„Bei uns steht kein höheres Wesen im Mittelpunkt“

Dass Jeder, der sich konfessionslos bestatten lässt, ein Atheist ist, glaubt Schlüter nicht: „Auch wenn die Kirche als Institution nicht mehr die Rolle von früher spielt, glauben die meisten Menschen schon an etwas, an eine Kraft, an ein Miteinander. Wie christlich dieser Glaube geprägt ist, hängt dann oft von der Erziehung ab.“

Nicht nur, aber verhältnismäßig viele Atheisten gibt es hingegen beim Humanistischen Verband NRW. Der HV versteht sich als weltliche, aufklärerische Gemeinschaft, die Menschen bei einschneidenden Lebensereignissen zur Seite steht. Der Duisburger Heiko Heckes spricht im Auftrag des Verbandes auf sogenannten Lebensfeiern, zu denen auch Beerdigungen gehören. Auch für ihn zeichnen sich konfessionslose Bestattungen durch ein besonders hohes Maß an Individualität aus: „Die Trauerfeier ist eine Feier über den Verstorbenen, für die Überlebenden. Dabei steht kein höheres Wesen im Mittelpunkt. Es ist kein Trauergottesdienst, bei dem bereits der Name verrät, dass es um den Dienst an Gott geht und nur nebenbei um die verstorbene Person.“

NRW-weit rund 800 Begräbnisse begleiten die Sprecher des HV im Jahr. Je nach sozialem Umfeld des Verstorbenen nimmt das mitunter groteske Züge an, erzählt Heckes: „Einmal war ein Toter Mitglied in einer Motorradgang. Da war der Raum voll mit harten Kerlen in Lederkutte. Aber auch die können heulen wie die Schlosshunde.“

Humor hilft beim Verarbeiten

Heckes ist es wichtig, den Tod beim Namen zu nennen: „Der Tote ist nicht von uns gegangen, nicht im Himmel und wird auch nicht auferstehen. Das sagen wir auch so und stellen gleichzeitig die Natürlichkeit des Sterbens heraus, betonen aber: Menschen leben weiter in Geschichten und Erinnerungen.“ Für ihn ist der Prozess des Abschiednehmens ein ganz wichtiger auf dem Weg, Trauer zu verarbeiten.

Dazu kann auch Humor gehören: „Es tut gut, gemeinsam über Erlebnisse mit dem Verstorbenen zu lachen.“ Dass Atheisten anders trauern als gläubige und religiöse Menschen, empfindet Daniela Schlüter nicht: „Jede Trauersituation ist anders, das hat nicht unbedingt etwas mit dem Glauben zu tun. Der Mensch hat jemanden verloren und ist in dem Moment traurig, egal ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht. Trauerarbeit heißt vor allem, über die Verstorbenen zu reden und Angehörigen ein gutes Gefühl zu vermitteln. Dieses Gefühl, der innere Friede, ist in dem Fall wichtiger als der Glauben.“

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