Auf Tour im Wattenmeer

Wandern im Schlick und wie von Geisterhand ist Wasser da

Wattenmeer vor dem niederländischen Küstenort Moddergat bei Ebbe – fast ist Niedrigwasser.

Wattenmeer vor dem niederländischen Küstenort Moddergat bei Ebbe – fast ist Niedrigwasser.

Foto: foto: ulrike wirtz

Friesland.  Eine Wanderung durchs Wattenmeer ist eine tolle Erfahrung. Doch Vorsicht: Man sollte immer die Uhr im Blick haben!

Ein bisschen mulmig ist mir schon – zu wissen, ich laufe über den Boden der Nordsee mitten im Meer; und zu wissen, das Wasser wird sich bald genau hier wieder in seiner ganzen Tiefe und Weite breit machen. Ein Naturphänomen dieses Wattenmeer und ganz still so ohne Wasser – bis auf das Kreischen von Möwen, die über die Wattwanderer hinwegsegeln. Und ganz still kommt das Wasser der Nordsee später auch zurück.

Aber noch ist Ebbe. Mein momentaner Standort befindet sich nach einer gut 30-minütigen Wanderung im Watt rund zwei Kilometer mitten im Meer vor dem Küstenort Paesens-Moddergat; ein Dorf, genauer gesagt zwei ineinander übergehende Dörfer mit diversen Kirchtürmen hinter dem Deich in der Provinz Friesland. Auf dem Deich grasen Schafe. Alles ist Küstenidylle. Aus gut zwei Kilometer Entfernung ist gerade noch die Turmspitze der Kirche direkt am Deich zu sehen - und bis dahin nichts als sandig-nasser Boden in Grau, der einen bis über die Knöchel einsinken lässt.

Der Blick in die andere Richtung – Richtung offene Nordsee - zeigt ebenso dieses Grau bis zum Horizont. Da hinten irgendwo muss das offene Meer sein, das sich nun kilometerweit zurückgezogen hat. Denn schemenhaft ragt am Horizont eine Plattform empor – „dort ist das Meer, dort wird nach Gas gebohrt“, erklärt Harm-Jan Wilbrink. Er macht im Wattenmeer vor Moddergat Führungen. „Wenn die Sicht heute gut wäre, könnten wir Ameland sehen.“ Sie ist eine der fünf bewohnten westfriesischen Inseln, weitere sind Texel, Vlieland und Terschelling – „die liegen westlich von Moddergat“, so Guide Wilbrink. Plus Schiermonnikoog – „die liegt im Nordosten von Moddergat. Von uns nun rechterhand. Ihr könnt sie schemenhaft sehen. Die Fähre dahin fährt von Lauwersoog. Dahin ist es zwölf Kilometer“, so der Guide. Er selbst kommt aus Zwolle in der Provinz Overijssel – „aber ich lebe schon mehr als zehn Jahre hier direkt hinterm Deich.“

Einmaliges Naturphänomen

Das Wattenmeer liegt vor dem Deich und ist seit zehn Jahren UNESCO- Weltnatur-Erbe, da einmaliges Naturphänomen, welches gut alle sechs Stunden zwei ganz unterschiedliche Gesichter der Nordsee hervorbringt: Mal steht alles unter tiefem Wasser, mal ist wie von Geisterhand das Wasser verschwunden – wie weggezaubert. Doch das ist kein Zauber, sondern es sind die Gezeiten von Ebbe und Flut, die alle sechs Stunden auf ihrem Höhepunkt in Hochwasser - bei Flut - und Niedrigwasser - bei Ebbe – resultieren. Ein Rhythmus, der sich wiederholt. Das liegt an Sonne, Mond und Erde und ihrer Gravitation. Auf Erden bringt dieses Wechselspiel das etwa 9.000 Quadratkilometer große Wattenmeer hervor, das sich auf 450 Kilometer von Den Helder bis Skallingen in Dänemark erstreckt. „Mancherorts ist das Wattenmeer bis zu 40 Kilometer breit“, weiß Guide Wilbrink. „Vor Moddergat sind es rund sechs bis acht Kilometer.“

Das Wattenmeer ist ein Naturparadies und das nicht nur auf den Inseln mit ihren weiten Dünen, Stränden, Wäldern und blühenden Wiesen. Dort wie aber auch am Festland ist das Wattenmeer gerade auch ein idealer Lebensraum für Amseln, Rotkehlchen, Regenpfeifer, für Schnepfenvögel und alle möglichen Entenarten. „Und es ist gerade auch für Millionen von Zugvögeln jedes Frühjahr und jeden Herbst ein wichtiges Zwischenquartier“, betont Anton Lergner, der Kapitän des Wad-struner.

Er bietet Erkundungsfahrten über das Meer und am Wattenmeer entlang an; seine Gattin Ina sorgt derweil unter Deck mit Suppe und Broodjes für das leibliche Wohl der Exkursionsgäste. Das Boot startet wie die Fähre von Lauwersoog und fährt wie diese auch bis zur Insel Schiermonnikoog. Kapitän Lergner: „Dorthin machen wir auch spezielle Seelöwensafaris. Wir fahren bis zum Engelsmanplaat am westlichen Zipfel von Schiermonnikoog Richtung Ameland. Dort ist Hochsand. Seine Fläche ist einen Quadratkilometer groß und auch ein ideales Brut- und Rastgebiet für Vögel.“

Bollwerk gegen das Wasser

Das Wattenmeer und seine eigene Welt. Dem widmet sich das 2018 eröffnete Afsluitdijk Wadden Center – dies in der Kombination, weil das Wattenmeer als Teil der Nordsee vor dem Deich verläuft und das gesamte Umfeld mitprägt. Das modern-schicke Gebäude des Centers steht direkt auf dem Abschlussdeich bei Kornwerderzand. Informiert wird über die Historie vor dem Bau des 32 Kilometer langen Afsluitdijk und über die Bauarbeiten am Bollwerk gegen die Gewässer diesseits und jenseits des Deiches. Er hat heute Ikonen-Status, wurde 1932 nach desaströsen Sturmfluten in den Jahrzehnten zuvor fertig und machte aus dem Meer Zuidersee das Binnengewässer Ijsselmeer. Das Center erläutert auch die Zeichen des Klimawandels und informiert umfassend über das Zusammenspiel von Deich, Nordsee und Wattenmeer samt Flora und Fauna.

Beim Wadlopen zu Fuß ist letzteres live zu bewundern. So zum Beispiel geheimnisvolle runde Löcher im Meeresgrund ohne Wasser. Die Löcher sind so präzise rund, als wären sie von einer Maschine gebohrt. Guide Wilbrink erklärt: „Sie stammen von Würmern. Und hier im Sand verstecken sich Miesmuscheln. Sie sind leicht zu übersehen. Die sammle ich bei Ebbe einfach per Hand ein und koche daraus eine leckere Suppe.“ Er ist in seinem Element. Ich dagegen schaue mich ab und an um, ob das Wasser schon wieder aufläuft. Guide Wilbrink hat das gesehen und sagt beruhigend: „Ich habe die Uhr und das Wasser genau im Auge.“

Wichtige Websites: zu Wattführungen mit Guide Wilbrink: www.wadlopen-moddergat.nl; Zum UNESCO-Weltnatur-Erbe: www.unesco.de/kultur-und-natur/Welterbe; zu Wattsafaris per Boot: www.wadop.nl; zum Af-sluitdijk Wadden Center: www.afsluitdijkwaddencenter.nl.

Allgemeine Infos: www.holland.com

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