Lese-Tipp

Spannend zu entdecken: Tommy Wieringa und Martin M. Driessen

 Tommy Wieringa.

 Tommy Wieringa.

Foto: Peter Andreas Hassiepen / Hanser Verlag

Wir haben uns für Sie durch die neue Herbst-Literatur gelesen – und wunderbare Bücher niederländischer Autoren entdeckt.

Paul Krüzen ist online-Händler für Militaria, um die fünfzig und ledig. Sein Leben im fiktiven Dorf Marienveen an der deutsch-niederländischen Grenze verläuft eintönig. Aus Pflichtgefühl pflegt er seinen ungeliebten Vater, er hackt gern Holz, geht regelmäßig in den asiatischen Schnellimbiss im Dorf sowie ins Bordell. Er redet wenig, sein Verhältnis zu Menschen ist von Distanz geprägt. Er ist ein langweiliger Mann.
Tommy Wieringas Roman „Santa Rita“ ist aber keineswegs langweilig, wenn man verhaltene, feinfühlige Texte mag. Das einzige spektakuläre Ereignis, das jemals in Marienveen stattgefunden hat, war ein Flugzeugabsturz.

Paul war damals zehn Jahre alt. Der Pilot, ein lebenslustiger Russe, der aus der Sowjetunion geflohen ist, verlässt ein Weilchen später das Dorf. Pauls von Marienveen und vom langweiligen Ehemann frustrierte Mutter folgt ihm nach Deutschland. Paul bleibt allein mit dem wortkargen Vater zurück. Ganz Marienveen blutet Jahr für Jahr mehr aus

Tommy Wieringa, 1967 geboren, ist einer der erfolgreichsten niederländischen Schriftsteller

Sehr gut beschreibt Tommy Wieringa am Beispiel von Paul und seinem einzigen Freund Hedwiges die Ohnmacht der Bewohner des abgelegenen Grenzortes, der Schritt für Schritt von der Entwicklung des Landes abgeschnitten wird, weil sich dort kein Geld mehr machen lässt. Nur die Älteren bleiben. Die Jungen verschlägt es dann höchstens noch zu Beerdigungen hierher.
Es trifft Paul als auch die Besitzerin des China-Imbisses schließen will, um nach Arnheim zu gehen. Ihr Restaurant ist der letzte Treffpunkt für die Dorfbewohner.

Verschrobene Einzelgänger, zerbrochene Leben, ein abgelegenes Dorf

Viele von ihnen reagieren sich daraufhin an der asiatischen Besitzerin mit verbalem Fremdenhass ab, obwohl sie jahrelang bei ihr gegessen haben. Andere beten zu Santa Rita, der Heiligen für schwere Fälle. Paul unternimmt einen – etwas an den Haaren herbei gezogenen – Versuch, sich gegen die allgemeine Resignation zu stemmen.

Der Roman beginnt damit, dass Paul mitkriegt, wie sein Schulfreund Hedwiges, ein kleiner Lebensmittelhändler, im Bordell erzählt, er sei Millionär. Was Hedwiges geritten hat, weiß niemand. Vielleicht die Langeweile.

Er sorgt mit seiner Lüge jedenfalls dafür, dass viele Jahre nach dem Flugzeugabsturz wieder etwas passiert im Dorf. Und nichts Gutes. „Santa Rita“ ist ein lesenswerter Roman über die Abhängigkeit des Menschen von seinem Umfeld sowie über die Hilflosigkeit, mit der er vor Veränderungen steht, die er selbst nicht beeinflussen kann.

Tommy Wieringa, Santa Rita. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser Verlag, München 2019, 288 Seiten, 22 EuroDas neue Buch von Martin Michael Driessen, fesselnd und wundervoll erzählt

Flüsse haben von je her auf das Leben der Menschen Einfluss genommen und auf verschiedenste Weise – so kann man das Thema der drei wunderbaren Erzählungen des Niederländers Martin Michael Driessen zusammenfassen.

Driessen, der als Theater-Regisseur in Deutschland gearbeitet hat, nimmt sich in seinen Geschichten jeweils eine Person oder eine Gruppe von Menschen vor, an denen er dies vorführt. Sie stammen aus Belgien, Deutschland und Frankreich und haben zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten gelebt. Sie eint nur, dass ein Bach, ein Fluss oder ein Strom ihrem Leben eine entscheidende Wende gibt.

Drei Flüsse, drei Erzählungen

Alle Erzählungen kommen in geschliffener Sprache daher, mit genauen Beschreibungen der jeweiligen Flüsse, mit psychologisch-empathischer Tiefe bei der Schilderung der Protagonisten.
Die erste Geschichte erzählt von einem namenlosen, in die Jahre gekommenen Schauspieler, der an einem Alkoholproblem leidet und allein auf Kanutour geht. Er müsse dem Alkohol gänzlich entsagen, hatte ihm der Arzt empfohlen. Für Driessens Protagonisten steht, wenn er weitertrinkt, eine Hauptrolle in Shakespeares „Macbeth“ auf dem Spiel.

Der Schauspieler hat sich für seine Kanufahrt die Aisne in Nordfrankreich ausgesucht. Driessen beschreibt die Herausforderungen, die die oftmals tückische Strömung des Flusses bereithält, vor allem aber hat er auf dem Fluss mit seiner Alkoholsucht und der daraus resultierenden Aggressivität zu tun – diesen inneren Kampf beschreibt Driessen sehr eindringlich.
Driessen versteht es, Spannung aufzubauen.

Das zeigt auch die zweite Erzählung des Bandes, die im ausgehenden 19. Jahrhundert einsetzt und mit dem Ende der Holz-Flößerei auf dem Rhein Mitte des 20. Jahrhunderts ausklingt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zweier Männer namens Konrad und Julius, doch wie nebenbei verknüpft Driessen damit die Geschichte des Holz-Flößens in Europa. Während Julius der Sohn des reichen Holzhändlers Durlacher ist, stammt Konrad aus einer armen Familie. Driessens Erzählung lebt vom unausgesprochenen Konkurrenzverhältnis der beiden ungleichen Männer, die häufig getrennte Wege gehen. Aber der Rhein und die Flößerei bringen sie immer wieder zusammen.

Ein fesselndes Buch. Man riecht das Holz, spürt den regen, hört den Fluss

Während die ersten beiden Geschichten von Tragik geprägt sind, kommt die dritte Erzählung über Pierre und Adèle tragikomisch, verschmitzt und wie ein Märchen daher. Sie trägt sich im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu. Ein kleiner, namenloser Bach spielt die Hauptrolle. Diesem Bach gelingt es seit der Französischen Revolution, für Feindschaft zwischen zwei Familien zu sorgen, denn er trennt ihre Ländereien. Dummerweise ändert er nach jedem Hochwasser sein Bett.

Einzig als Kinder gelang es Pierre Corbé, dem Spross der Hugenottenfamilie, und der katholischen Adèle Chrétien ein einziges Mal für ein paar Minuten, die Feindschaft zu vergessen: Sie sprangen gemeinsam über den Bach. Wie üblich in einem Märchen, gehen die Beiden über viele Jahre durch schwere, ja abenteuerliche Zeiten, am Ende siegt das Gute. Driessens Erzählungen „An den Flüssen“ sind kurzweilig, zeitlos und fesselnd. Gern hätte man mehr solcher Geschichten gelesen.

Martin Michael Driessen: An den Flüssen. Erzählungen. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Wagenbach Verlag, 144 Seiten, 18 Euro

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