Flüchtlinge

Essens Sozialdezernent: "Statt Zeltdörfern nähme ich heute Turnhallen"

Das erste von später bis zu zehn Zeltdörfern in Essen: Die Unterkunft am Altenbergshof im  Nordviertel wurde im Spätsommer 2015 eingerichtet.

Foto: Ulrich von Born

Das erste von später bis zu zehn Zeltdörfern in Essen: Die Unterkunft am Altenbergshof im Nordviertel wurde im Spätsommer 2015 eingerichtet. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Essens Sozialdezernent Peter Renzel würde nicht nochmal teure Zeltstädte für Flüchtlinge bauen. Nach der Kritik daran würde er heute Turnhallen belegen.

Zwei Jahre ist es her, dass sich die Stadt Essen gezwungen sah, Flüchtlinge in Zeltdörfern unterzubringen. Angesichts der rasant steigenden Asylbewerberzahlen sahen die Verantwortlichen im Jahr 2015 keine andere Alternative, „um Obdachlosigkeit abzuwenden“. Inzwischen hat Sozialdezernent Peter Renzel eine bemerkenswerte Wende vollzogen: „Heute würde ich erst jedes andere Gebäude belegen, zuallererst die Turnhallen.“

Dabei hatte sich Renzel auch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise immer dagegen gewehrt, Sporthallen zu belegen, wie es viele andere Städte machten. Zum einen gehe es darum, eine menschenwürdige Unterbringung sicherzustellen, zum anderen bringe die Bevölkerung wenig Verständnis dafür auf, Sportstätten wochen- oder womöglich monatelang zu blockieren. „Damit legt man an den betroffenen Standorten den gesamten Schul- und Vereinssport lahm“, sagt Renzel auch heute.

Krisenstab habe unter enormen Hochdruck reagieren müssen

Aus diesem Grund sei die Entscheidung für die Zeltdörfer in der damaligen Notlage richtig gewesen. Doch nach der späteren Kritik an den Millionen-Mieten, die für die Zeltstädte fällig wurden, würde er heute anders handeln. Es sei schon ärgerlich, dass mancher im Rat nun alle Entscheidungen aus dieser Zeit in Zweifel ziehe. „Wir hatten es damals mit einer völlig ungesteuerten Situation zutun.“

Der Krisenstab, dem er angehörte, habe unter enormen Hochdruck darauf reagieren müssen, dass das Land binnen Wochen Hunderte Flüchtlinge nach Essen zuwies. Er sei selbst am Drehkreuz Düsseldorf gewesen und habe erlebt, wie tausend Menschen „ohne irgendetwas“ am Bahnhof eintrafen. „Das hat mich berührt und mir klar gemacht, dass unsere Strapazen nicht vergebens sind.“

Überwältigende Hilfe zahlloser Ehrenamtlicher

Strapaziös sei die Zeit für ihn wie für die ganze Stadtverwaltung auch gewesen, weil jede Entscheidung über ein Heim mit viel Klärungsbedarf der Bevölkerung einherging. „Ich habe über 40 Bürgerversammlungen gemacht, zig Vereine besucht und mich trotzdem gefragt: Kommunizieren wir genug?“ Im Nachhinein sei er stolz, dass man die Herausforderungen gemeistert habe – mit den Wohlfahrtsverbänden und der überwältigenden Hilfe zahlloser Ehrenamtlicher.

Alle nachträglichen Besserwisser erinnert Renzel daran, dass Essen 2015 und 2016 mehr als Zehntausend Menschen aufgenommen habe. „Und ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, wir schaffen das nicht.“ Allerdings sei das eben auch um den Preis gelungen, teils sehr teure Unterkünfte zu nutzen: Rund 2000 Euro kostete ein Platz im Zeltdorf.

Es dürfe nicht passieren, „dass wir um jeden Euro betteln müssen“

In eine so unkontrollierte Lage wie im Herbst 2015 dürfe die Stadt nicht noch einmal geraten. Auch darum halte er daran fest, Flüchtlingsunterkünfte bereitzuhalten, die derzeit nicht ausgelastet sind.

In Zukunft müsste man gegenüber Land und Bund viel früher die Reißleine ziehen. So dürfe es aktuell nicht passieren, „dass wir um jeden Euro betteln müssen“. Integration sei keine Folklore-Veranstaltung, sondern so kostspielig wie mühsam: „Nicht jeder bringt die gleiche Bereitschaft mit, Deutsch zu lernen oder unsere Freiheit zu akzeptieren. Das müssen wir immer wieder einfordern.“

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