Nibelungenlied

Siegfried auf dem Autoreifen – die Nibelungen am Niederrhein

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Szenenfoto „Die Nibelungen“. Bei der aktuellen Inszenierung des Landestheaters Burghofbühne Dinslaken kommt die alte Sage sehr modern daher.    

Szenenfoto „Die Nibelungen“. Bei der aktuellen Inszenierung des Landestheaters Burghofbühne Dinslaken kommt die alte Sage sehr modern daher.    

Foto: Martin Büttner / Burghofbühne Dinslaken

Dinslaken/Xanten.  Die Nibelungen am Niederrhein – eine spannende Entdeckungsreise mit dem Landestheater Burghofbühne Dinslaken und dem Siegfriedmuseum in Xanten.

Als Regisseur David Schnaegelberger dem Ensemble der Burghofbühne Dinslaken vor einigen Wochen einen Ausflug ankündigte, freute sich die Theatertruppe. Obwohl es sich um eine Dienstreise handelte – es war zumindest probenfrei. Der Tagestrip sollte über den Rhein führen – nach Xanten. Genauer: ins Siegfried-Museum, das Museum zum Nibelungenlied, wie das Haus in der Xantener Innenstadt für sich wirbt.

Das Landestheater und das Siegfriedmuseum

Das passte. Denn die Burghofbühne hatte den Düsseldorfer Regisseur engagiert, um „Die Nibelungen“ zu inszenieren. David Schnaegelberger hatte zwar bereits gründlich in der Literatur über den 800 Jahre alten Stoff recherchiert, aber als er von der Existenz des Museums erfuhr, wollte er hin – immer auf der Suche nach weiteren Anregungen.

Museumsleiterin Anke Lyttwin war sofort zur Kooperation bereit und setzte eine außerplanmäßige Führung für die Dinslakener Theatermannschaft an.

Das Nibelungenlied

Die Historikerin ist ein wandelndes Nibelungen-Lexikon, doch sie war erstaunt, wie tief sich die Ensemblemitglieder bereits in die Nibelungen-Sage und den Siegfried-Mythos eingearbeitet hatten: „Sie sind mit ihren Fragen sehr ins Detail gegangen und haben sich gut in die Charaktere hineinversetzt“, erinnert sich Lyttwin. Auch die Euphorie, mit der sie sich der Nibelungen annahmen, begeisterte die Museumsleiterin.

Lyttwin zeigte den Theaterleuten zunächst das Faksimile einer der drei wertvollen Ur-Handschriften des Nibelungenliedes. Und dann berichtete sie über dessen lange Wirkungsgeschichte in Literatur und Theater, die die Dinslakener nun ja selbst fortschreiben wollten.

Siegfried, der Held, der keiner ist

Schnaegelbergers Nibelungen-Inszenierung, die gerade erfolgreich Premiere feierte und mit der die Burghofbühne nun in ganz Deutschland auf Gastspielreise unterwegs ist, basiert auf Friedrich Hebbels Version des Nibelungenliedes aus dem 19. Jahrhundert, aber Schnaegelberger hat in Zusammenarbeit mit dem Ensemble auch so manche Textstelle verändert. Vor allem aber stützt er sich auf eine neue Fassung des Oberhausener Autors und Regisseurs Matthias Spaan.

Der hatte Hebbels Stück auf das Wesentliche heruntergekürzt und modernisiert und dafür 2020 den renommierten Wiener Nestroy-Preis erhalten. Spaans Erfolgsstück war nur ein Grund, warum Burghofbühne-Intendant Mirko Schombert „Die Nibelungen“ auf den Spielplan setzte: „Außerdem ging es uns darum, mal den Mythos Held*in kritisch zu betrachten.“ Spaans komprimierter Stoff erlaube sehr gut das Hinterfragen von Siegfried als Beispiel für eine Heldenfigur, sagt Schombert – und die Premiere gab ihm Recht. Siegfried mochte zwar den Zwerg Alberich und den Drachen bezwungen haben, aber er war nicht nur Lichtgestalt, sondern auch Verräter und Vergewaltiger, so die klare Botschaft von Schnaegelbergers Version der Nibelungen-Sage.

Der Umgang mit dem Helden Siegfried in den verschiedenen Epochen war ein wichtiges Thema des Museumsbesuchs, erinnert sich Anke Lyttwin. Im 19. Jahrhundert diente er zur Unterfütterung des Nationalismus und die Nationalsozialisten haben ihn ebenfalls für ihre Zwecke missbraucht. Nach den Weltkriegen folgte dann die Abrechnung mit dem nationalistisch verklärten Siegfried: Auf den Bühnen wurde er nun meist satirisch bearbeitet.

Für David Schnaegelberger stand nach dem Besuch in Xanten erst recht fest, dass ein Held nichts weiter als eine Konstruktion ist, die man sich je nach Bedarf zunutze macht. Auch über die anderen Charaktere hat sich ihm im Gespräch mit Anke Lyttwin so manche neue Perspektive erschlossen, die in seine Regiearbeit einfloss: Hagen, den Dunklen, galt es ebenso zu hinterfragen wie den Helden, war er doch auch nur eine Konstruktion, weil man einen Erzfeind brauchte.

Hagen oder Gunther - wer war der Fieseste?

„Der Fieseste war eigentlich Gunther, weil er die anderen die Drecksarbeit machen ließ,“ das wurde Schnaegelberger nach dem Gespräch mit Lyttwin noch mal deutlich. Schauspielerin Norhild Reinicke, die die Kriemhild spielt, interessierte für ihre Interpretation von Siegfrieds Gattin die Rolle der Frau im Mittelalter. Historikerin Lyttwin konnte einiges beisteuern: Die Frauen waren damals nicht so machtlos, wie man vermuten könnte. Sie standen sehr großen Haushalten vor, was ihnen auch einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss verlieh.

Wagner und Autoreifen

Die Dinslakener Bühnen-Kriemhild ist denn auch alles andere als ein Mäuschen und maßgeblich daran beteiligt, den Helden-Gemahl ins Jenseits zu befördern. Der Museumsbesuch brachte auch für die Verwendung von Wagner-Musik in der Aufführung wertvolle Anregungen, so der Regisseur. Schnaegelberger und Bühnen- und Kostümbildner Jörg Zysik siedeln ihre Nibelungen zwischen alten Autoreifen auf einer dystopisch-futuristischen Müllhalde an und kleiden ihre Figuren in Fantasy-Rüstungen, die an Rocker-Kutten erinnern.

Wagners Bühnenbildner hatte Siegfried und Co. in römische und germanische Rüstungen gesteckt

In Xanten hatte ihnen Anke Lyttwin die Nachbildung der Kostüm-Figurinen von Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ von 1876 gezeigt: Wagners Bühnenbildner Carl Emil Doepler hatte die mittelalterlichen Gestalten in eine Mischung aus römischen und germanischen Rüstungen gesteckt, weil Archäologie damals gerade hoch im Kurs stand.

Im Mittelpunkt stehen die großen Themen der Menschheit: Liebe und Hass, Verrat und Treue

Also geisterten Siegfried & Co. künftig in Kostümen durch die Literatur, die mit der Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes genauso wenig zu tun haben wie die Dinslakener Rocker-Kutten.

Ein Beweis mehr, wie Mythen an die jeweilige Zeit angepasst werden. Was bleibt, sind die großen Themen der Menschheit: Liebe und Hass, Verrat und Loyalität. Oder der Missbrauch von Held*innen zu ideologischen Zwecken.

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