Debatte

Rückendeckung für „Vielfalt“-Kunstwerk in Oberhausen

„Vielfalt ist unsere Heimat“ steht seit dem 13. Dezember auf dem Hochhaus an der Friedrich-Karl-Straße.

„Vielfalt ist unsere Heimat“ steht seit dem 13. Dezember auf dem Hochhaus an der Friedrich-Karl-Straße.

Foto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.   Nach heftiger und teils hetzerischer Kritik gibt es auch großen Zuspruch für die Künstler, die der Vielfalt in Oberhausen ein Denkmal setzen.

Für seine Schriftzüge „Glück auf“ und „Vielfalt ist unsere Heimat“ erhält das verantwortliche Künstlerkollektiv Kitev Rückendeckung aus der Stadtgesellschaft. Nachdem sowohl die Gruppe BOB im Rat als auch Oberbürgermeister Daniel Schranz sowie dessen CDU-Parteikollegin und Fraktionschefin Simone-Tatjana Stehr kritisiert hatten, in die Pläne nicht involviert gewesen zu sein, melden sich nun etliche Unterstützer zu Wort – in sozialen Medien, Leserbriefen und offiziellen Stellungnahmen. Eine Auswahl.

In einer persönlichen Stellungnahme bedankt sich etwa Lühr Koch, Fraktionsmitglied der Linken im Stadtrat, für das „schöne Geschenk“, das Kitev der Stadt gemacht habe. Zum Schriftzug „Glück auf“ schreibt er: „Zwei Worte, die ich mit meinem norddeutschen Migrationshintergrund erst lernen musste. Sie passen gut zum zweiten Teil: ,Vielfalt ist unsere Heimat’. Denn ohne Vielfalt wäre diese Erde nicht das, was sie ist. Ohne Vielfalt hätte es, lokal gesehen, keine Kohle und keine Stahlindustrie gegeben – damit auch kein Oberhausen.“

Kritik von Stadtspitze und CDU macht fassungslos

Die Nachricht über die Schriftzüge hatte zunächst auch heftige Reaktionen in sozialen Netzwerken ausgelöst, einen „vielfältigen (!) Shitstorm“, wie Lühr Koch sagt. Vielfalt sei eben nicht unsere Heimat, äußerten viele. „Offensichtlich hätten es manche lieber einfältig, auch wenn sie Worte wie ,Kultur’ in ungewohnt vielfältiger Weise schreiben. Und ich weiß sofort, aus welcher Ecke das kommt, noch bevor das erste Mal gegen ,Multi-Kulti’ gewettert und das Ende der Zivilisation beschrien wird“, meint Koch.

Die Kritik von Stadtspitze und CDU habe ihn „teilweise fassungslos“ gemacht. „Ist der CDU-Fraktionschefin nicht klar, wessen einfältigen Argumenten sie aufsitzt, wenn sie sich darüber beklagt, sie beziehungsweise die Politik seien vorher nicht informiert worden? Und unser Oberbürgermeister, den ich bestimmt nicht einfältig nennen würde, bittet die Dezernate um Auskunft zu den Abläufen? Ausgerechnet die CDU, denke ich, die doch sonst immer so für freie Ideen und Märkte kämpft, will plötzlich genau bei der Kunst, die von Freiheit und Vielfalt lebt, die Abläufe regulieren?“

„Demokratie leben“ warb 2018 schon für Vielfalt

Auch die Stadtverordnete Andrea-Cora Walther kontert die Kritik von Schranz und Stehr: „Es gibt sicherlich Vieles, von dem ich mir wünschen würde, dass die Politik ausreichend im Vorfeld informiert worden wäre, das von Verwaltung und deren Töchtern auf ,kurzen’ und für kaum jemanden nachvollziehbaren ,Dienstwegen’ einfach umgesetzt wird. Aber so wenig wie ich mir wünsche, dass alles Verwaltungshandeln des alltäglichen Lebens immer erst von der Politik entschieden werden muss, genauso wenig wünsche ich mir, dass Politik über jedes private Handeln im öffentlichen Raum erst informiert werden muss, bevor es umgesetzt werden kann.“

Walther erinnert an die stadtweit gelaufene Aktion der Initiative „Demokratie leben!“ gegen Rassismus im vergangenen Jahr: „So gelang es uns in Oberhausen in einem zum Glück völlig Politik-freien Raum, mehrere Dutzend Gruppen, Gremien, Vereine und Firmen hinter einem Banner zu vereinen, mit der höchst politischen Aussage: ,Oberhausen hat keinen Platz für Rassismus’. Und völlig Politik- und Verwaltungs-unabhängig konnten etliche dieser Transparente im öffentlichen Raum an Hausfassaden aufgehängt werden. Verantwortet und umgesetzt von ,der Stadtgesellschaft’ mit wohlwollendem Dank von der Politik. Wo also bitte ist das Problem von ,Vielfalt’?“

Kleingeistig und provinziell

André Wilger, wie auch Andrea-Cora Walther Mitglied der Oberhausener Bürgerliste, schreibt: „Kunstaktionen erreichen dann ihre volle Entfaltung, wenn sie etwas in uns auslösen. Das auf dem Hochhaus aufgestellte Leuchtkunstwerk mit dem Schriftzug ,Vielfalt ist unsere Heimat – Glück auf!’ hat dieses Ziel in herausragender Weise erreicht.“

Oberhausen gebe es nicht, wären nicht abertausende Menschen eingewandert, um Arbeit zu finden und die Stadt zu ihrer neuen Heimat werden zu lassen. „Sich nun hinzustellen, wie es die CDU, der Oberbürgermeister und Rest-BOB machen und gar von einer Überrumpelung der Stadtgesellschaft zu sprechen, ist in diesem Angesicht kleingeistig und provinziell.“

„Kunst muss etwas in uns auslösen“

Wenn die Politik den Anspruch erhebe, über den Inhalt von Kunstaktionen mitbestimmen zu müssen, „ist es mir um die Freiheit von Kunst in Oberhausen bange“, schreibt Wilger. Was sei an einem Spruch wie „Vielfalt ist unsere Heimat“ eigentlich so indiskutabel – „in einer Stadt, die Touristen aus aller Welt einlädt, die Heimat der Internationalen Kurzfilmtage ist, die mit dem Gasometer und dem Centro weltbekannte Anziehungspunkte hat.“

Kitev habe „gutes Gespür“ bewiesen. „Wenn es Absicht war, die Aktion vorher nicht den ,zuständigen’ Gremien zur Absegnung vorzulegen, dann war das ein durchaus cleverer Schachzug. Denn ansonsten wäre die Aktion schon im Vorfeld von den Bedenkenträgern in unserer Stadt zerredet und vielleicht sogar verhindert worden. Hut ab – alles richtig gemacht – Kunst soll und muss etwas in uns auslösen.“

>>> Bauantrag mit Wortlaut der Schriftzüge lag vor

Immer wieder in der Diskussion taucht auch die Frage auf, ob es für das Anbringen der Schriftzüge eine Baugenehmigung der Stadt braucht – und ob dementsprechend überhaupt ein entsprechender Antrag gestellt wurde.

C hristoph Stark, Kopf des Künstlerkollektivs Kitev, überrascht diese Frage. „Natürlich haben wir einen Antrag gestellt und natürlich haben wir auch eine Genehmigung.“ Dem Antrag habe auch eine Visualisierung der geplanten Schriftzüge beigelegen. Der Stadtverwaltung war also auch der genaue Wortlaut bekannt. Anfragen an die Stadt dazu blieben bislang unbeantwortet.

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