Gaming-Szene

Politik und Gaming beim „Next Level“-Festival auf Zollverein

Beim Gaming-Festival „Next Level“ können Besucher nicht nur zuhören, sondern selbst Teil werden.

Beim Gaming-Festival „Next Level“ können Besucher nicht nur zuhören, sondern selbst Teil werden.

Foto: André Hirtz / André Hirtz / Funke Foto Services

Essen.  Beim Gaming-Festival „Next Level“ auf Zollverein in Essen sind politische Aspekte von Games im Blick. Szene wehrt sich gegen Kurzschlüsse.

„Wir sind alles keine Killer“, sagt Nina Dreßler. Die Web-Entwicklerin ist leidenschaftliche Gamerin, spielt Renn- und Rollenspiele am Computer, manchmal auch Ego-Shooter. Als Bundesinnenminister Horst Seehofer kurz nach den antisemitischen Anschlägen von Halle fordert: „Wir müssen die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“, ist Dreßler verblüfft. „Es hat schon viele problematische Aussagen zu Gaming gegeben, aber es ist in den letzten Jahren weniger geworden. Daher hat es mich überrascht, dass es wieder so ist.“ Die Gründe seien offenkundig, sagt Dreßler: Unkenntnis, Angst und Ablehnung gegenüber Computerspielen und überhaupt dem Internet. Gaming, das große Unbekannte? Immer noch?

Ja, leider – würde Dr. Christian Esch sagen, „wir müssen unseren Blick darauf richten, dass Gaming viel mehr ist als Ballerspiele und vermeiden, die gesamte Gaming-Szene unter Verdacht zu stellen.“ Der Direktor des NRW Kultursekretariats sieht in Sachen Gaming großen Nachholbedarf bei Kunst und Kultur: „Games sind ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft und längst in der Mitte angekommen.“ Daher sei es wichtig, in diesem Bereich Kompetenzen zu erlangen und auch das künstlerische Potenzial zu erkennen, das in vielen Spielen stecke.

Spiele im Kontext von Kunst und Politik

Dabei soll das Spiele-Festival „Next Level“ helfen. Das Fest, das ausdrücklich auf Präsentationen neuer Produkte verzichtet und sich damit vom Branchenprimus „Gamescom“ abheben will, thematisiert Computerspiele im Kontext von Politik, Kultur und Kunst und setzt dabei auf die Hinterfragung und Vermittlung virtueller Welten.

„Next Level hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt von einer Konferenz zu einem Festival, wir zeigen jetzt mehr“, sagt Esch. Eine der großen Attraktionen in diesem Jahr wird der Spieleparcours „Balancing Acts“ sein, der Besucher anhand der spielerischen Erfahrung mit gesellschaftlichen Fragen von Ausgeglichenheit und der Konsequenz von Handlungen konfrontiert. „Das Festival hat“, so sagt es Martin Maruschka vom Kultursekretariat, „einen hohen Erlebnischarakter.“

Neben spielbaren Installationen, Werkstätten und Ausstellungen stehen aber vor allem Diskussionen und Vorträge im Fokus, gerade zu politischen Themen rund ums Gaming. Etwa die Frage, ob die Auswahl einer Spielfigur politisch sein kann. „Ja“, sagt Medienpsychologin Josephine Schmitt. So hätten die Figuren eine identifizierende Funktion für Spielerinnen und Spieler und besonders weibliche und nicht-weiße Charaktere seien in Spielen zu wenig vertreten.

Gerade für junge Menschen sei das Spiel ein Experimentierraum, so Schmitt: „Im Spiel kann man sich ausprobieren im eigenen Charakter und so testen, wie die anderen mich wahrnehmen.“ Darüber hinaus spiegeln sich in Mehrspielerrunden Gruppenprozesse wider, die durch die Anonymität nochmal anders ablaufen können: „Anonymität bietet Freiräume, ermöglicht es aber auch, dass sich Hass-Sprache verbreitet.“

Streamerin „OddNina“ spricht über Sexismus in der Gaming-Szene

Über Hass im Netz wird auch Nina Dreßler sprechen. Vor allem Sexismus und Frauenhass seien Themen, über die zu wenig geredet wird. Und auch rechtsextreme Äußerungen von Gamern gibt es. Dies sei aber kein explizites Problem der Gaming-Szene, sondern ein gesamt-gesellschaftliches Problem, so die Gamerin, die unter dem Namen „OddNina“ ihre Spiele live ins Internet überträgt.

„Sexismus und Rechtsradikalismus ist nichts, was man in PC-Spielen lernt. In der Gaming-Szene spiegelt sich die Gesellschaft.“ Trotzdem gebe es große Vorbehalte gegenüber der Szene, sagt Medienpsychologin Josephine Schmitt: „Gamer werden behandelt wie eine außerirdische Spezies.“ Dabei hätten Gamingelemente schon längst Einzug gehalten in Kunst und Kultur.

Umso wichtiger sei es daher, Gaming als Teil der Gesellschaft zu sehen und zu diskutieren, betont Nina Dreßler: „Wir tragen eine Verantwortung – gegenüber Älteren, aber auch Jüngeren.“ Tendenzen von Rechtsradikalen, Gaming-Welten unterschwellig zu unterwandern, müssten gestoppt werden. Hier seien nicht nur die Entwickler und Betreiber in der Pflicht, so Dreßler, auch Nutzer könnten dagegen aufstehen, auch wenn das manchmal schwierig sei und man sich ohnmächtig fühle.

>>>Welterbe Zollverein als Standort für Gaming-Festival

Das Gaming-Festival „Next Level“ läuft vom Donnerstag, 28. November (17 bis 22 Uhr) bis Sonntag, 1. Dezember (täglich 10 bis 18 Uhr) in den Hallen 12 und 6 der Zeche Zollverein in Essen. Ein Festivalpass kostet 25 Euro, ermäßigt 12 Euro. Infos: www.next-level.org

Next Level wird nach Stationen in Köln, Dortmund und Düsseldorf drei Jahre auf Zollverein gastieren. Dazu Zollverein-Vorstand Hans-Peter Noll: „Die Stiftung Zollverein freut sich sehr, diesen Raum für Begegnungen zu bieten. Und als Zukunftsstandort ist das Welterbe auch genau der richtige Ort, um über digitalen Wandel zu sprechen und das Potenzial von Games – in Diskussionen, Workshops, aber auch spielerisch – auszuloten. Zollverein ist kein konserviertes Relikt des Industriezeitalters, sondern versteht sich als Reallabor, in dem in die Zukunft geschaut wird. Hier stehen wir vor Herausforderungen, denen wir ganz sicher auch durch die Möglichkeiten der Digitalisierung begegnen werden. Ganz konkret beispielsweise in den Bereichen der touristischen Infrastruktur und der Orientierung. Von „Next Level“ und dem Dialog zum digitalen Wandel kann der Standort nur profitieren.“

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