Bahnunglück

Nach dem Unfall in Moers: Längs der Strecken wird’s unruhig

Propen hatte der Güterzug geladen, der kurz vor der A 40-Brücke entgleiste. Man stelle sich vor, er wäre noch 50 Meter weiter gekommen...

Propen hatte der Güterzug geladen, der kurz vor der A 40-Brücke entgleiste. Man stelle sich vor, er wäre noch 50 Meter weiter gekommen...

Foto: Christoph Reichwein (crei)

An Rhein und Ruhr.   Die Bürgerinitiative „Betuwe – so nicht!“ erneuert ihre Forderungen nach einem besseren Sicherheitskonzept entlang der Bahnstrecke.

Immerhin: Als gestern die Moerser Feuerwehr gegen kurz nach acht an der Unglücksstelle eintraf, war der Notfallmanager der Bahn schon vor Ort. „So soll das im Idealfall auch sein“, sagt der Ordnungsdezernent des Kreises Wesel, Lutz Rentmeister.

Denn ohne Notfallmanager der Bahn stehen die Feuerwehrleute zunächst mal mehr oder weniger hilflos neben einem havarierten Zug. Denn weder wissen die Wehrleute auf Anhieb, was in einem Zug ist, noch können sie mit eigenen Kräften die Oberleitung der Bahn abschalten. Und eine 15 000 Volt führende Leitung mit einem Wasserstrahl treffen – das wäre tödlich.

Jeder zweite Güterzug befördert Gefahrstoffe

Gestern jedenfalls konnten die Wehrleute sofort handeln, den sichtlich geschockten Lokführer aus der Diesellok holen und die Kesselwagen absprühen – zur Sicherheit. Die Waggons – zweiter Glücksfall – blieben dicht. Weil ein Sachschaden von mehr als zwei Millionen Euro zu erwarten ist, hat die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchungen die Ermittlungen aufgenommen – wie in solch schwerwiegenden Fällen üblich.

Der Abschlussbericht lässt oft Jahre auf sich warten. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Doch die Menschen entlang der Schienenwege an Rhein und Ruhr machen sich angesichts der Zunahme des Güterverkehrs Sorge. Vor allem die Strecke von Emmerich bis Oberhausen – die so genannte Betuwelinie – wird für den Güterverkehr ausgebaut.

Mehr als die Hälfte der bis zu 300 Güterzüge täglich wird Gefahrgut transportieren – so die Bürgerinitiative, die sich aus Zahlen aus den Niederlanden beruft. „Die ganze Rheinschiene ist doch voll mit Chemiewerken“, sagt Gert Bork. „Die transportieren ihre Fracht weitgehend über die Schiene.“

Erst jüngst, bei einem Zugunglück auf eben dieser Rheinschiene bei Unkel, kurz hinter Bonn-Beuel, dauerte es anderthalb Stunden, ehe der Notfallmanager der Bahn vor Ort war. Insgesamt 180 Notfallbezirke gibt es bei der Bahn, 900 Notfallmanager sollen Hilfe rund um die Uhr sicherstellen – innerhalb von 30 Minuten. Das Problem dabei: Der Notfallmanager quält sich per Auto über die oft verstopften Straßen im Land.

Feuerwehren müssen auf Notfallmanager warten

Währenddessen sitzen Fahrgäste in Zügen, die in einen Unfall verwickelt wurden, stehen Feuerwehren hilflos am Gleis. „Es kann nicht sein, dass wir von unseren Rettungskräften erwarten, dass sie in acht oder zwölf Minuten vor Ort sind und der Notfallmanager der Bahn dann fehlt. Da muss mehr geschehen“, fordert auch Lutz Rentmeister.http://funke-cms.abendblatt.de:8080/methode/resources/ver1-0/images/article.png

Gert Bork von der Bürgerinitiative „Betuwe – so nicht!“ fordert drei konkrete Maßnahmen: Notfallmanager müssen genauso schnell wie die Wehrleute vor Ort sein – „notfalls per Hubschrauber“. Die Helfer vor Ort müssen in der Lage sein, die Bahn stromlos zu schalten – „das ist im niederländischen Teil der Ausbaustrecke Standard“. Und die Wehrleute müssen sich mit wenigen Klicks auf dem Computer informieren können, was der Zug geladen hat. „Da geht Menschenrettung vor Datenschutz“.

Bereits nach dem Eisenbahnunglück von Meerbusch im Dezember 2017, hat sich der Landrat des Kreises Wesel gemeinsam mit dem Bürgermeister von Rees als Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Betuwe an den Landesinnenminister gewandt mit der Forderung, deutliche Verbesserungen der Sicherheitsinfrastruktur an der Ausbaustrecke zu ermöglichen. Die Antwort der Bahn auf die geforderten Stromlosschalter jedenfalls ist relativ knapp: Das in den Niederlanden verwendete System sei in Deutschland nicht zugelassen.

Die Sicherheit auf der Schiene jedenfalls ist ein Problem, das nicht nur die Menschen am Niederrhein betrifft. Lutz Rentmeister: „Innenminister Reul hat uns informiert, dass es dazu eine länderoffene Arbeitsgruppe geben wird. Erste Ergebnisse werden im Frühjahr 2019 erwartet.“ Mal sehen, wohin die Reise auf der Zeitschiene geht.

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