Engagement

Pflege: Voerderin fühlte sich allein und macht anderen Mut

Katrin Jahns (rechts), Projektleiterin der Pflege-App "in Kontakt", und Brigitte Brzeski von der Interessenvertretung pflegender Angehörigen in NRW.

Katrin Jahns (rechts), Projektleiterin der Pflege-App "in Kontakt", und Brigitte Brzeski von der Interessenvertretung pflegender Angehörigen in NRW.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Wesel/Voerde.  Brigitte Brzeski betreute langen ihren Mann und setzt sich nun für pflegende Angehöriger ein. Am Samstag veranstaltet sie in Wesel einen Infotag.

Sieben Jahre lang pflegte Brigitte Brzeski ihren demenzkranken Ehemann, im vergangenen Jahr starb er. „Danach stand für mich aber fest, dass ich mich weiter für pflegende Angehörige engagieren will“, erzählt die 65-Jährige aus Voerde. Seit 2016 ist Brzeski Mitglied im Landesverband von „wir pflegen“. Die politische Interessensvertretung soll pflegenden Angehörigen eine Stimme geben, die Aufmerksamkeit auf die vielen Probleme rund um die Pflege zuhause richten. „Die gesellschaftliche Wertschätzung ist viel zu gering, wir kommen kaum vor“, sagt Brzeski.

Dabei gebe es in Deutschland rund fünf Millionen pflegende Angehörige, allein im Kreis Wesel seien es etwa 21.000. Fast 77 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zuhause betreut. „Neben der eigentlichen Pflege sind es meist die bürokratischen Hürden, die die Familien beschäftigen“, erklärt sie. Wo kann ich welche Anträge stellen? Welche Unterstützung gibt es? Wie lassen sich Beruf und Pflege vereinbaren? Gibt es Ersatzleistungen, wenn der Beruf aufgegeben werden muss? Das seien Fragen, bei denen sich viele alleine gelassen fühlten.

Brzeski gründete bereits drei Selbsthilfegruppen

„Als ich begonnen habe, meinen Mann zu pflegen, war ich Einzelkämpferin und wusste selten, wo die richtigen Anlaufstellen sind“, erzählt Brzeski, die in den ersten Jahren noch als Teamleiterin auf einer integrativen Wochenstation arbeitete. Das ging nach Knieproblemen nicht mehr, zudem wurde ihr Mann auf Pflegestufe 5 hochgestuft. „Durch meine Recherchen bin ich auf ‚wir pflegen‘ aufmerksam geworden, die regelmäßigen Treffen haben mir Kraft gegeben“, sagt die Voerderin.

Sie wollte andere unterstützen und gründete drei weitere Selbsthilfegruppen, die sich einmal pro Monat treffen. Zwei weitere sind in Planung. „Mir macht es Freude, meine Erfahrungen weiterzugeben und zu helfen“, so Brzeski. Das Wichtigste: „Egal, wie traurig die Gespräche manchmal sind, wir gehen trotzdem immer mit einem Lachen aus den Treffen hinaus.“

Gemeinsam mit Sylvia Pasieka, die sie durch eine der Selbsthilfegruppen kennengelernt hat, veranstaltet Brzeski am kommenden Samstag einen Informationstag in einem Weseler Hotel. Das Ziel: Pflegende Angehörige auf medizinischer, technischer und politischer Ebene informieren und alle Interessierten zum Erfahrungsaustausch zusammenbringen. „Selbstverständlich sind auch die Pflegebedürftigen herzlich eingeladen, sie sind Teil unserer Gesellschaft“, sagt Brzeski. „Wir möchten den Menschen mit dieser Veranstaltung Mut machen und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.“ Deswegen heiße die Veranstaltung auch „Liebe durchbricht alle Mauern“.

Veranstaltung soll möglichst jedes Jahr stattfinden

Dabei werden einige namhafte Redner Vorträge halten. Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung sowie für Patienten in NRW, wird über Inklusion sprechen. Professor Carsten Saft von der Ruhr-Universität Bochum referiert über die neuesten Forschungen bei der Huntington-Krankheit. Logopäden, Heilpraktiker und andere Experten sind ebenfalls vor Ort. Es gibt einen Markt der Möglichkeiten, auf dem sich Aussteller rund um die Pflege präsentieren sowie musikalische Begleitung. „Wenn viele Interessierte kommen, können wir uns vorstellen, jedes Jahr ein solches Event auf die Beine zu stellen“, sagt Brzeski.

Auf der Informationsveranstaltung, die durch Spenden finanziert wird, wird außerdem die neue App „in Kontakt“ vorgestellt. Der Bundesverband „wir pflegen“ hat diese Anfang des Jahres auf den Markt gebracht. „Sie ist als zusätzliches Angebot für pflegende Angehörige gedacht“, erklärt Projektleiterin Katrin Jahns. Da diese häufig nicht die Zeit hätten, an den Treffen von Selbsthilfegruppen teilzunehmen, könne die App sehr hilfreich sein, um sich online auszutauschen.

Eine App für pflegende Angehörige

„Selbsthilfegruppe to go“ nennt Jahns das Angebot. „Hier können Betroffene sich informieren und miteinander ins Gespräch kommen, auch indem sie eigene Gruppen für spezielle Themen gründen“, sagt die Projektleiterin. Es gibt verschiedene Bereiche, beispielsweise Recht und Finanzen, Versicherungen oder ärztliche Behandlung. „Natürlich sprechen die Nutzer aber auch über ihre eigenen Gefühle, dafür gibt es einen Einzelchat-Bereich“, so Jahns.

Es lasse sich auch filtern, ob Nutzer in der Nähe leben. „Dann ist es natürlich schön, wenn sie sich auch mal persönlich treffen können.“Die App wurde gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und dem Bundesgesundheitsministerium entwickelt, sie ist datengeschützt und steht kostenlos zum Download bereit. Derzeit gibt es rund 700 Benutzer. Neben dem Austausch steht der Wissenstransfer im Vordergrund. „Dieser Bereich wird gerade noch aufgebaut, um pflegende Angehörige durch den Pflegedschungel leiten zu können“, erklärt Jahns. Auch Podcasts und Gespräche mit Experten seien angedacht.

Veranstaltung findet am 9. November in Wesel statt

Die Veranstaltung „Liebe durchbricht alle Mauern“ findet am Samstag, 9. November, zwischen 12 und 21 Uhr im Welcome Hotel, Rheinpromenade 10, Wesel statt. Der Eintritt ist kostenlos. Eine vorherige Anmeldung unter spasieka@online.de ist von Vorteil, aber nicht zwingend erforderlich.

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