Pädagogik

Matsch und viel frische Luft: Zu Besuch im Waldkindergarten

Morgenkreis auf der Lichtung: Jeder Kindergartentag beginnt in einer solchen Runde.

Morgenkreis auf der Lichtung: Jeder Kindergartentag beginnt in einer solchen Runde.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Kein Spielzeug, dafür aber viel frische Luft und Natur: Jahr für Jahr steigt die Zahl der Waldkindergärten. Ein Vorreiter kommt aus Düsseldorf.

Es ist noch ziemlich kühl an diesem Septembermorgen, die Luft ist frisch, viele Vögel sind zu hören. Und viele Kinderstimmen. Hier, einige Meter von der Sportanlage des Rather Turnvereins entfernt, beginnt der Aaper Wald, den der Waldkindergarten Düsseldorf sein Zuhause nennt. Die Drei- bis Sechsjährigen quatschen fröhlich durcheinander, viele lernen sich gerade erst kennen, weil sie zum ersten Mal am Morgenkreis mitten auf einer Lichtung teilnehmen. Mit dieser Runde beginnt jeder Morgen im Waldkindergarten: Nach der Begrüßung mit einer Klangschale sprechen Kinder und Erzieherinnen über aktuelle Themen, üben die Wochentage und das Zählen und singen Lieder.

Zwei Gruppen mit je 20 Kindern gibt es in dem als Verein organisierten Kindergarten, die Baumtänzer und die Waldwichte. „Alle sind wirklich den ganzen Tag draußen“, erklärt Sebastian Kopp, erster Vorsitzender des Vereins. Es ist Teil des speziellen pädagogischen Konzepts, dass Kinder und Erzieher größtenteils in der Natur unterwegs sind und dort mit natürlichen Materialien spielen und basteln. „Für die Kinder ist das einfach toll“, ist Kopp überzeugt. „Wir merken zum Beispiel, dass sie viel weniger krank sind als andere Kinder und dazu einfach einen glücklichen Eindruck machen, weil sie auch ihren Bewegungsdrang voll ausleben können.“

Kinder lernen, was sie im Wald beachten müssen

Die Zeit dort präge die Kleinen fürs Leben. „Vor allem der Umgang mit Pflanzen und Tieren ist bei den Kindern ganz anders“, erklärt der Vorsitzende. Schließlich können die Kleinen von 8.30 Uhr bis mindestens 13 Uhr den ganzen Aaper Wald ihr Zuhause nennen.

Was giftig oder essbar ist, was man nicht anfassen darf, wie die unterschiedlichen Baumarten heißen und wo man im Wald lieber nicht hinlaufen sollte – das wissen die Kinder oft schon nach einigen Monaten. „Und sie sehen viele große und kleine Tiere, die einem beim gelegentlichen Waldspaziergang selten begegnen“, sagt Kopp. Außerdem fördere die Zeit im Wald auch die Kommunikation und Kreativität der Kinder. „Sie sehen und erleben ja sehr viel, deswegen gibt es auch immer viel zu erzählen“, so der Vorsitzende. Und weil es außer im Bauwagen kein Spielzeug gibt, gilt es mit den Betreuerinnen kreativ zu werden. Klettern, schnitzen, schaukeln und basteln stehen auf dem Programm, wenn die Kleinen nach ihrem Morgenkreis zu einem der 15 Plätze im Wald marschieren, wo sie ihr Lager aufschlagen.

Jedes Kind bringt einen eigenen Rucksack mit Frühstück und Mittagessen mit, Wasser, Tee und Brühe werden von den Erzieherinnen auf dem Bollerwagen mitgenommen. Wetterfeste Kleidung und Schuhe sowie Mützen und Handschuhe – am besten gleich zwei Paar – sind ebenfalls ein Muss. „Die Kinder lieben es, bei Regen durch den Matsch zu rennen, schlechtes Wetter ist ihnen eigentlich noch lieber als Sonnenschein“, erzählt Kopp, dessen Sohn selbst in den Waldkindergarten geht.

Bei Gewitter geht’s in den Bauwagen

Nur bei wirklich schlechtem Wetter, also bei Sturm oder Gewitter, ziehen sich alle in einen der drei Bauwagen zurück, die im Aaper Wald stehen. „Bei einer Sturmwarnung können wir einen Tag vorher einen Notraum buchen“, so Kopp. „Da so etwas aber nicht immer vorhersehbar ist, müssen Eltern und Erzieher an solchen Tagen flexibel sein.“

Seit der Kindergarten vor 21 Jahren von einer Elterninitiative gegründet wurde, spielen engagierte Eltern eine große Rolle. „Wenn die Eltern nicht hinter dem Konzept stehen und sich nicht einbringen würden, könnten wir den Waldkindergarten nicht in dieser Form aufrecht erhalten“, erklärt Kopp. Der Waldkindergarten ist einer der ältesten des Landes, ursprünglich stammt die Idee aus Skandinavien.

50 Anfragen für fünf Plätze

In diesem Jahr waren fünf neue Plätze zu vergeben, 50 Anfragen gab es. „Wir leiten daraus aber nicht direkt einen Trend ab, viele Eltern bewerben sich auch, weil ein Kita-Platz generell schwierig zu bekommen ist“, sagt Kopp. „Aber natürlich merken wir auch, dass es bei vielen Städtern eine Rückbesinnung auf die Natur gibt und sie möchten, dass ihre Kinder ihre Umwelt wieder intensiver erleben“, so der Vorsitzende.

Für Erzieherin Angie Kuschnereit, die 18 Jahre in einer normalen Kita gearbeitet hat, ist der Unterschied groß. „Die Kinder lernen so viel, ohne es zu merken“, erzählt sie. „Außerdem sind sie sehr ausgeglichen und haben eine wesentlich längere Aufmerksamkeitsspanne.“ Von der Zeit im Wald würden alle profitieren. „Es macht großen Spaß zu sehen, wie sich die Kinder hier entwickeln“, sagt Kuschnereit.

Mehr Betreuer nötig als in Regel-Kita

Aufgrund der besonderen Situation im Wald sind die Gruppen kleiner als in einer normalen Kita und es sind je Gruppe drei Erzieher nötig, die meist noch eine Weiterbildung zu Naturpädagogen erhalten. Das ist mit höheren Kosten verbunden: Der Düsseldorfer Waldkindergarten finanziert sich durch die Stadt, die auch noch eine zusätzliche Pauschale für Waldkindergärten zahlt, und die Beiträge der Eltern. Diese belaufen sich auf 25 Euro pro Kind im Monat und einen jährlichen Vereinsbeitrag pro Familie von 70 Euro. „Wir fühlen uns von der Stadt gut unterstützt“, so Kopp. Dass die finanziellen Mitteln begrenzt seien, sei schließlich in anderen Kindergärten auch immer wieder ein Problem.

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