Physiotherapeuten

Deshalb fehlen in NRW immer mehr Physiotherapeuten

In NRW dauert es sechs Monate eine Stelle zu besetzen.

In NRW dauert es sechs Monate eine Stelle zu besetzen.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  181 Tage dauert es, bis eine offene Stelle als Physiotherapeut besetzt ist. Engpässe bei der Patientenversorgung gibt es vor allem auf dem Land.

Probleme mit dem Knie, Schmerzen in der Hüfte oder im Rücken, aber kein schneller Termin beim Physiotherapeuten: In NRW stehen Patienten zu wenige Physiotherapeuten zur Verfügung. Durchschnittlich 181 Tage dauert es, bis eine Stelle in einer physiotherapeutischen Praxis oder Krankenhausstation besetzt ist. Im Jahr zuvor waren es noch 157 Tage. Nach aktuellen Angaben der Bundesagentur für Arbeit NRW entspricht dies einer Wartezeit von sechs Monaten.

„Das ist schon ein Extremwert, der zeigt, dass es für Arbeitgeber nicht einfach ist, Fachkräfte zu finden“, so ein Sprecher der Arbeitsagentur. Die Zahl der Azubis in NRW ist seit 2013 um sieben Prozent gesunken. Die offizielle Engpassanalyse der Arbeitsagentur, die im kommenden Monat veröffentlich wird, wird den Mangel noch genauer aufzeigen.

Derzeit sind 295 Fachkräfte arbeitslos gemeldet, dem gegenüber stehen zwischen Mai 2018 und April 2019 1627 Stellenangebote für Physiotherapeuten. Das seien zwar zwölf Prozent weniger als im Zeitraum davor, das liege jedoch nicht daran, dass weniger Physiotherapeuten gesucht würden. „Dem liegt eher eine gewisse Demoralisierung zugrunde, weil viele Arbeitgeber wissen, dass auf ihre Ausschreibung ohnehin keiner antwortet.“

Versorgungsengpässe auf dem Land

Der Landesverband für Physiotherapie beobachtet den Fachkräftemangel schon seit Jahren mit Sorge. „Wir hören das täglich aus den Praxen“, sagt NRW-Geschäftsführer Jürgen Querbach. „Die Lage ist in vielen Praxen dramatisch, die Mitarbeiter arbeiten teilweise weit über ihrem Limit.“ Das sei gerade auf dem Land, beispielsweise am Niederrhein, der Fall. „Dort gibt es bereits Versorgungsengpässe, was sich als erstes in längeren Wartezeiten für die Patienten niederschlägt“, so Querbach. Im städtischen Bereich käme es derzeit noch nicht so oft zu Engpässen, Hausbesuche, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, seien aber auch hier teils schwierig umsetzbar.

Dass es mittlerweile auch in Deutschland möglich sei, Physiotherapie zu studieren, und dadurch eine zunehmende Akademisierung des Berufes eintrete, sei zwar positiv fürs Image, bringe den meisten Angestellten aber nicht mehr Geld ein. „Eine spürbare Verbesserung ist durch das Terminservice- und Versorgungsgesetz ab dem 1. Juli eingetreten“, meint Querbach. Das beinhaltet unter anderem höhere Vergütungen. „Die Politik hat in den vergangenen Monaten geliefert, das lässt sich nicht anders sagen“, so der Geschäftsführer. Ein Wendepunkt sei dringend nötig gewesen, schließlich werde der Beruf dringend gebraucht und sei sehr vielfältig. Auszubildenden wird seit September 2018 70 Prozent des Schulgeldes finanziert, zuvor mussten Azubis alles selbst bezahlen. Die Neuerungen seien wichtig, aber: „Es wird mindestens drei Jahre, also einen Ausbildungsjahrgang, dauern, bis überhaupt Besserung spürbar ist.“

Praxen suchen monatelang Mitarbeiter

In den Praxen glauben viele nicht an eine schnelle Entlastung. „Es ist sehr, sehr schwierig, jemanden zu finden, obwohl es ein so spannender Job ist“, sagt Kai Becker, der in Kleve seit fünf Jahren seine Praxis hat. Seit über einem Jahr habe er eine Stelle ausgeschrieben, nun habe er Glück, dass seine Stieftochter fertig sei und mit einsteigen könne. „Sonst wäre die Stelle noch länger unbesetzt geblieben“, erzählt Becker. Auch davor habe es stets Monate gedauert, bis sich auf Ausschreibungen jemand gemeldet habe. „Jede Praxis in Kleve sucht“, sagt er. Zumal es nicht nur viele ältere Patienten, sondern aufgrund mangelnder Bewegung und Stress eben auch immer mehr jüngere Patienten gebe, so dass die Praxen voll seien.

Die höhere Vergütung, die der Physio-Verband mit den Gesetzlichen Krankenkassen in einem neuen Bundesrahmenvertrag beschließt, werde erst einmal nicht bei den Angestellten ankommen, meint Becker. „Die meisten selbstständigen Praxisbesitzer werden versuchen, Rücklagen zu bilden, was ihnen vorher meist nicht möglich war“, so der Physiotherapeut. „Es wird mindestens zehn bis zwölf Jahre dauern, bis die angestellten Therapeuten von dem Gesetz profitieren“, prognostiziert Becker. Er glaubt nicht, dass sich nun signifikant mehr junge Menschen sich für die Ausbildung entscheiden werden.

Lage ist eine „Katastrophe“

Das bestätigt auch eine Düsseldorfer Physiotherapeutin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist seit über 20 Jahren als Therapeutin tätig und bezeichnet die derzeitige Situation als „Katastrophe“. „In unserer Praxis suchen wir seit vier Monaten und finden niemanden“, erzählt sie. Auch viele andere Praxen in Düsseldorf würden suchen. So sei der Ablauf in der Praxis nicht mehr planbar. „Wir müssen neuen Patienten sagen, dass wir erst in drei bis vier Monaten einen Termin für sie haben oder sie bei der Konkurrenz fragen sollen“, so die Düsseldorferin. „Und Hausbesuche können wir gar nicht mehr machen, weil sie entsprechend länger dauern und einfach nicht lukrativ sind. Da bleiben Menschen, die nicht selbst zu uns kommen können, auf der Strecke.“

Damit sich überhaupt etwas ändere und wieder mehr Azubis an den Start gingen, müssten ihrer Meinung nach die Gehälter extrem steigen. „Wenn man in einer leitenden Position im Krankenhaus, wo der Job wesentlich langweiliger, aber besser bezahlt ist als in den Praxen, maximal 3200 Euro brutto verdienen kann, liegt der Fehler im System“, ist sie überzeugt. Auch in 30 Prozent aller Kliniken im Land fehlen laut NRW-Gesundheitsministerium Physiotherapeuten.

Viele schulen noch mal um

Die Düsseldorfer Physiotherapeutin wundert das nicht: Schließlich werde das Schulgeld erst seit Kurzem übernommen, alle anderen hätten viel Geld in ihre Ausbildung und zusätzliche Seminare und Fortbildungen gesteckt. „Es ist dann einfach sehr wenig, was trotz guter Ausbildung am Ende des Monats dabei herauskommt“, so die Physiotherapeutin. „Und das zusätzliche Geld durch die Gesetzesänderung geht zunächst einmal an die Praxisinhaber.“ Deswegen kenne sie viele Therapeuten, die noch mal umschulen würden. „Dabei ist es ein toller Beruf, sie lernen viele verschiedene Menschen kennen, können ihnen helfen und bekommen im besten Fall noch positives Feedback.“

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