Mauerfall

„Immer noch ein Wunder“: Essener erzählt vom Mauerfall

Basteln in der Nikolaikirche: Rüdiger Baege zeigt Familienbilder aus der Vorweihnachtszeit 1989 in Leipzig. Von der Nikolaikirche gingen die Montagsdemonstrationen aus.

Basteln in der Nikolaikirche: Rüdiger Baege zeigt Familienbilder aus der Vorweihnachtszeit 1989 in Leipzig. Von der Nikolaikirche gingen die Montagsdemonstrationen aus.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen/Leipzig.  Rüdiger Baege nahm an den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen in Leipzig teil. Nach der Wende zog er nach Essen ins Ruhrgebiet.

Die Wende geschah für Rüdiger Baege und 70.000 andere Menschen, die in Leipzig mit demonstrierten, schon am 9. Oktober 1989. „Nie werde ich vergessen, wie wir an diesem Montag mit Kerzen aus der Nikolaikirche in die Innenstadt gezogen sind, Friedenslieder gesungen und ‘Wir sind das Volk’ gerufen haben“, erinnert sich Baege. Überall wimmelte es von bewaffneten Sicherheitskräften und Stasi-Mitarbeitern, aber die Friedliche Revolution war nicht mehr aufzuhalten.

Damit trugen die Demonstranten entscheidend zum Sturz des DDR-Regimes bei – und Rüdiger Baege, der heute in Essen-Bochold lebt, war mittendrin. Die Erinnerungen bewegen den 64-Jährigen heute noch. „Dabei waren die Friedensgebete in der Nikolaikirche und die Montagsdemonstrationen anfangs ausschließlich der Wunsch nach Reformen und Öffnung“, erklärt Baege.

DDR war trotzdem Heimat für ihn und seine Familie

Seit 1982 beteten hier die Menschen für Abrüstung, Frieden und Menschenrechte, ab 1988 versammelten sich jeden Montag immer mehr Menschen auf dem Nikolaikirchhof. Bald fanden Versammlungen auch auf anderen Plätzen und in anderen Städten der DDR statt. Baege, der immer in evangelischen Gruppen aktiv war, erlebte den Wandel der Bewegung hautnah. „Wir bekamen natürlich mit, dass immer mehr Bekannte über Ungarn ausreisten, dass viele unzufrieden waren, dass Wahlbetrug nachgewiesen wurde und die westdeutschen Botschaften von Ostdeutschen besetzt wurden“, schildert er.

Die DDR sei aber trotzdem die Heimat seiner Familie gewesen, „das Land, in dem wir bleiben wollten. Wir haben keinen Ausreiseantrag gestellt.“

Stasi habe ihn anwerben wollen - Nachbarn wurden befragt

Sie hätten sich für eine demokratischere und friedlichere DDR eingesetzt. „Ich dachte, wir können ja nicht alle weglaufen, es muss hier vor Ort etwas passieren“, so Baege, der 1955 in Halle an der Saale geboren wurde und nach dem Maschinenbau-Studium in Magdeburg 1980 nach Leipzig zog. „Wir lebten in einem Unrechtsstaat, einer Diktatur und waren unfrei, aber als Familie waren wir trotzdem glücklich“, erzählt der 64-Jährige. Das zu verstehen, sei vielen Menschen aus dem Westen schwergefallen. „Das war ja auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich.“ Sein Bruder beispielsweise habe das System nicht ertragen, habe schon 1980 einen Ausreiseantrag gestellt, der auch genehmigt wurde.

Baege war klar, dass Stasi-Mitarbeiter überall waren – die Akte hat er sich zuschicken lassen. „Die Momente in meinem Leben, in denen ich besonders kritisch war, haben sie anscheinend aber gar nicht bemerkt“, sagt er und deutet auf die vielen, teilweise geschwärzten Seiten. Während seiner Pflicht-Zeit in der Volksarmee habe ihn die Stasi als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) anwerben wollen. „Das wollte ich natürlich auf keinen Fall.“ Seine Akte gibt auch preis, dass seine Nachbarn zu seinen Tätigkeiten in kirchlichen Gruppen befragt wurden.

Montagsdemonstrationen: Einer sollte bei den Kindern bleiben

Dabei, meint Baege, sei er nie ein Dissident in der ersten Reihe gewesen. „Ich hatte eine Familie mit drei kleinen Kindern, ich hatte Angst, das ist doch klar“, sagt er. „Ich hatte Mut genug, um zu den Friedensgebeten zu gehen, aber Angst, an vorderster Front zu stehen. Wir wussten ja nicht, was passieren würde.“ Nie gingen seine Frau Hiltrud und er gemeinsam zu den Montagsdemonstrationen. „Einer von uns sollte immer bei den Kindern sein.“ So auch am 9. Oktober 1989: „Es drohte ein Massaker, aber 70.000 Menschen sind hingegangen. Ich auch.“ Es seien eben die kleinen Dinge, die jeder machen könnte. „Bitte, bitte, gib auf dich acht. Ich bin in Gedanken bei dir“, schrieb Hiltrud Baege ihm auf einen Zettel, den er noch heute besitzt.

Alles blieb friedlich, einen Monat später fiel die Mauer. „Was passiert ist, ist ein Wunder. Jeder Einzelne, der seine Angst überwand, hat zum Zusammenbruch dieses Systems beigetragen“, sagt Baege. Nur danach sei einiges nicht gut gelaufen. „Ich hätte mir ein vereinigtes Deutschland gewünscht, in dem sich beide Systeme entgegengekommen wären.“ So sei die DDR der Bundesrepublik beigetreten. „Das ist vielen Ostdeutschen damals aufgestoßen und hat sie überrumpelt.“ Was man jetzt in manchen Bundesländern im Osten erlebe, sei die Folge einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit seit dem Zweiten Weltkrieg.

Familie machte sich die Entscheidung nicht leicht

„Nach der Wende habe ich im Unterschied zu manchen anderen richtig viel Glück gehabt“, sagt Baege. Eine westdeutsche Firma kaufte das Umwelttechnik-Unternehmen, in dem er arbeitete, zwar auf. Von 400 Mitarbeitern wurden nur 70 übernommen, Baege gehörte dazu. Er hatte einen unbefristeten Vertrag. So blieb er auch bei den folgenden Sparrunden immer wieder verschont, bis 1996 der Standort in Leipzig ganz dicht gemacht wurde. „Ich habe unzählige Bewerbungen geschrieben, aber Mitte der 90er war es selbst gut ausgebildet sehr, sehr schwierig im Osten Arbeit zu finden“, schildert der 64-Jährige.

Kegelclub- Vom Niederrhein ins Berlin im Ausnahmezustand Die einzige Möglichkeit: Der Firma nach Essen zu folgen, wo sich der neue Hauptsitz befand. Die Familie machte sich die Entscheidung nicht leicht, zögerte lange. „Das war für uns die wohl härteste Zeit, es sind sehr viele Tränen geflossen“, sagt Baege. Gerade um seine drei Kinder, damals alle im Teenageralter, habe er sich große Sorgen gemacht. „Die Umstellung war enorm für sie. Wir waren ja alle sehr verwurzelt in Leipzig, unsere Familien kamen beide aus Halle.“

Kinder wollten wieder zurück nach Leipzig

Zwei Jahre habe es gedauert, bis sie so richtig angekommen waren, obwohl sie sich im neuen Haus in Essen-Bochold sofort wohlfühlten. „Das Ruhrgebiet hat uns sofort willkommen geheißen, man merkt einfach, dass das ein Schmelztiegel der Kulturen ist“, erzählt er. Nie seien ihnen Vorurteile oder Diskriminierungen begegnet. „Das hat uns schon sehr geholfen und auch, dass wir sofort Anschluss in der evangelischen Gemeinde und Musikvereinen gefunden haben.“ Die drei Kinder beschlossen trotzdem: Nach der Schule gehen wir alle wieder zurück nach Leipzig.

Heute leben, studieren und arbeiten sie alle im Ruhrgebiet. „Erst wollten wir nie in den Westen. Und heute wollen wir alle nicht mehr weg“, erzählt der Essener schmunzelnd.

Freiheit ist noch immer ein großes Geschenk

Auch für ihn und seine Frau kommt eine Rückkehr nicht mehr in Frage. „Wir haben hier ein dichtes Freundesnetz aufgebaut, fahren aber immer noch gerne zu unseren Bekannten in Leipzig“, so Baege. Am liebsten erkundete Baege mit Freunden in den vergangenen Monaten das sogenannte „Grüne Band“, den fast 1400 Kilometer langen Streifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Er zieht sich von Travemünde an der Ostsee bis zum Dreiländereck bei Hof in Bayern.

Die Freiheit, die mit der Wende kam, ist für Baege trotz aller Herausforderungen immer noch ein großes Geschenk. „Manchmal, wenn wir über die Grenze nach Österreich oder in die Niederlande fahren, kommt uns das immer noch unwirklich vor, weil es so lange unvorstellbar war.“

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