Krätze

Essener Mediziner melden rasanten Anstieg von Krätze-Fällen

Der Hautarzt Eugen Lang mit Informationsmaterial zur Krätze in seiner Praxis in Essen-Rüttenscheid.

Foto: Thuy-An Nguyen

Der Hautarzt Eugen Lang mit Informationsmaterial zur Krätze in seiner Praxis in Essen-Rüttenscheid. Foto: Thuy-An Nguyen

Essen.   Essener Ärzte und Apotheker berichten von extrem hohen Krätze-Fallzahlen und Arzneiknappheit. Zeitlicher Zusammenhang mit dem Flüchtlingszuzug.

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Mediziner und Apotheker in Essen vermelden einen rasanten Anstieg der Hautkrankheit Krätze. „Aktuell haben wir jeden Tag mehr als zehn Verdachtsfälle“, sagt Andreas Körber, Oberarzt in der Hautklinik am Universitäts-Klinikum Essen.

Der Rüttenscheider Hautarzt Eugen Lang bestätigt diesen Trend. „Wir Hautärzte sehen heute an einem Tag teilweise mehr Krätze-Patienten als früher in einem Jahr.“

Gesundheitsamt liegen keine belastbaren Zahlen vor

Eugen Lang führt die dramatische Zunahme auf die Einwanderung von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren zurück. „Seitdem haben wir ein Riesenproblem“, sagt der Spezialist. In seiner Praxis verteilt er Broschüren in den gängigen Sprachen, der Nutzen sei allerdings gering: „Ich habe das Gefühl, dass die Anleitungen und Anweisungen oft gar nicht umgesetzt werden.“ Von Kollegen kenne er ähnlich hohe Fall-Zahlen und Verhaltensweisen.

Dem Gesundheitsamt liegen keine belastbaren Zahlen vor. Denn die Krankheit ist grundsätzlich nicht meldepflichtig, lediglich wenn sie in Kitas, Schulen, oder Wohnheimen auftaucht, müssen die Einrichtungen die Amtsärzte darüber informieren. Nicht immer kämen sie dieser Verpflichtung nach.

Krätze-Medikamente waren zeitweise vergriffen

Die weite Verbreitung der Krankheit belegt auch die Tatsache, dass Präparate zur Behandlung der Krätze in Essener Apotheken zeitweise nicht mehr zu haben waren. „Der Hersteller kam mit der Produktion nicht nach“, sagt Jan Olgemöller, stellvertretender Kreisvertrauensapotheker.

„Wir fuhren bis in die Niederlande, um uns ein Medikament zu besorgen“, berichtet die Mutter eines betroffenen Mädchens. Inzwischen sei das Präparat aber wieder erhältlich.

Seit gut zwei Jahren eine steigende Nachfrage nach Medikamenten

Olgemöller, der die Wasserturm-Apotheke an der Steeler Straße betreibt, beobachtet seit gut zwei Jahren eine stetig steigende Nachfrage nach Medikamenten gegen Krätze. „Früher habe ich vielleicht 20 Packungen im Jahr verkauft. 2015 waren es 63, ein Jahr später 130 und im laufenden Jahr bereits 167.“ Der Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise ist auch für ihn naheliegend.

Eine Ursache für Krätze sei mangelnde Hygiene auf der Flucht. Wer monatelang im Freien unter derselben Decke habe schlafen müssen, sei einem größeren Risiko ausgesetzt. Den Menschen könne man dies nicht vorwerfen.

Oberarzt: Erkrankte entstammen häufig bildungsfernen Schichten

Oberarzt Andreas Körber kann einen Zusammenhang eher nicht bestätigen. Am Uni-Klinikum sei festzustellen, dass Erkrankte häufig bildungsfernen Schichten entstammen. „Wir sehen auch viele Großfamilien.“ Der Großteil der Patienten lebe schon länger hier.

Krätze macht sich dort gerne breit, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. In Kitas, in Altenheimen oder eben in Familien.

Übertragen wird die Krankheit durch engen Körperkontakt, zwei Wochen danach, bricht sie aus. „Wir empfehlen deshalb, dass sich alle Menschen, die gemeinsam in einem Haushalt leben, behandeln lassen“, betont Körber.

Milben nisten sich unter der obersten Hautschicht ein

Bei der Behandlung wird der Körper vom Kinn abwärts mit einer speziellen Creme eingeschmiert, einmal oder ein zweites Mal nach einer Woche. Denn die Milben nisten sich unter der obersten Hautschicht ein. Pro Patient sind es bis zu 40 Parasiten, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen seien.

Vier Tage nach der Behandlung ist der Patient nicht mehr ansteckend. Nach vier Wochen kehrt der Juckreiz zurück, was daran liegt, dass die Milben im Körper abgestoßen werden.

Weil Krätze-Milben sich in Bett, Sofa und Kleidung finden, ist peinlich genaue Hygiene wichtig. Bettwäsche, Handtücher und Kleidung müssen während der Krankheitsphase viel und bei hohen Temperaturen gewaschen werden.

Krätze ist sehr ansteckend, aber in der Regel ungefährlich

Bei der Krätze handelt es sich um eine lästige, aber in der Regel ungefährliche Hautkrankheit, die von Milben übertragen wird. Patienten klagen über extremen Juckreiz und Ausschlag, der sich oft, aber nicht nur zwischen den Fingern, rund um den Bauchnabel oder im Genitalbereich bildet.

Der Juckreiz entsteht vor allem abends und nachts. Denn dann sind die Krätze-Milben aktiv. Der individuelle Leidensdruck bei den Betroffenen, weiß Oberarzt Andreas Körber, sei sehr hoch.

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