Erste Hilfe

Erste-Hilfe-Kurs: Wie man für den Notfall gut gerüstet ist

Besuch bei einem Erste Hilfe Kurs des DRK Essen.

Besuch bei einem Erste Hilfe Kurs des DRK Essen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Wenn der letzte Erste-Hilfe-Kurs lange her ist: Eine Auffrischung kann im Notfall Leben retten. Wir haben deshalb eine Schulung beim DRK besucht.

Eine zierliche Frau in gestreiftem Shirt beugt sich über die Gummipuppe. Ihr silberner Schopf setzt zur Mund-zu-Mund-Beatmung an, verdeckt dabei die leeren Augenhöhlen des Puppenkopfes. „Das reicht locker an Luft“, kommentiert DRK-Übungsleiter Walter Föst in rotem Poloshirt. Belüften sei das Stichwort. „Sie dürfen ein bisschen tiefer drücken“, heißt es weiter, als die Frau den Gummibrustkorb mit beiden Händen nach unten drückt – das gehe wahlweise im Rhythmus von „Staying alive“, „Highway to hell“ oder Helene Fischers „Atemlos“, wie der Übungsleiter vorschlägt. Und die Frequenz vorklatscht.

30 Mal drücken, zwei Mal beatmen. Dabei Kopf überstrecken und Nase zuhalten. Und so lange weitermachen, bis es wieder Lebenszeichen gibt oder die Rettungskräfte eintreffen. Wer hat diese Grundregeln der Herz-Rhythmus-Massage im Notfall noch parat? Eine gesetzliche Verpflichtung zur regelmäßigen Auffrischung wie bei betrieblichen Ersthelfern gibt es nicht. Pascal Braun vom Arbeiter Samariterbund Ruhr (ASB) beobachtet eine Verunsicherung in der Bevölkerung.

Interesse an Kursen steigt

Gleichzeitig sagt er: Die Zivilcourage ist gestiegen. Das beobachte er in Einsätzen und Erste-Hilfe-Kursen. In die Kurse kämen immer mehr freiwillig, 60 bis 70 Prozent der Teilnehmenden seien zum Kurs nicht verpflichtet. Besonders die Kurse zur Ersten Hilfe am Kind „sind proppenvoll“. Das DRK Essen bietet jeden Tag Kurse an, im Jahr kommen rund 13.000 Menschen, so Oliver Hartsch vom Essener DRK. Angst davor, etwas falsch zu machen, brauche niemand zu haben, sagt Pascal Braun. „Bessere eine schlechte Reanimation als keine.“

Wichtig: Immer die 112 absetzen, wenn man einen Notfall bemerkt. Und dann nach eigenen Möglichkeiten helfen. Zwar sei man gesetzlich zur Hilfe verpflichtet. Aber: „Wenn man kein Blut sehen kann, dann holt man jemand anderen dazu.“ Je eher Ersthelfer mit den lebensrettenden Maßnahmen beginnen, je höher die Überlebenschance, sagt auch Walter Föst. Sein Kurs in den Räumen des DRK Kreisverbandes Essen richtet sich an Fortgeschrittene – aber nicht nur.

„Man vergisst schon einiges“

Am Fenster sitzt eine ganze Fraktion aus dem Handwerk, dann sind da zwei Teilnehmende aus dem Pflegebereich, eine Frau aus einer Essener Apotheke. Die meisten sind gekommen, weil sie betriebliche Ersthelfer sind und die zweijährige Kursauffrischung ansteht. Zwei Ersthelfer einer Duisburger Firma meinen: „Das kann man gar nicht oft genug machen.“ Denn: „Man vergisst schon einiges“, sagt auch die Apothekenmitarbeiterin. Sie wurde als Ersthelferin bislang nur zu einem Autounfall vor der Apotheke hinzugeholt. Keine Schockstarre, „man ist direkt auf 180 und ruft automatisch alles ab.“

Glücklicherweise kam das Unfallopfer gut davon und die betriebliche Ersthelferin musste nur unterstützen. Die Essenerin im gestreiften Shirt und weißer Kapuzenjacke – „Jahrgang 1950“, mehr möchte sie über sich nicht verraten – übt hingegen ganz freiwillig die Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Puppe pfeift und zischt. Ihren letzten Kurs hatte die Seniorin „zum Führerschein, 1976“. Sie und ihr Partner wollen sich gegenseitig im Notfall helfen können. „Ich kenne Fälle aus dem Bekanntenkreis. Ein Mann ist im Urlaub mit seinen Kindern verstorben, weil er sich verschluckt hatte.“

Keine Angst vorm Defibrillator

Die stabile Seitenlage, Verbände, Herz-Druck-Massage – eigentlich nichts Neues für die betrieblichen Ersthelfer. Dennoch haben sie nicht immer sofort eine Antwort parat. Beim Defibrillator scheint der Respekt groß. „Zuerst die Basics, dann eine weitere Person den Defibrillator holen lassen“, rät Übungsleiter Walter Föst. „Wenn ein Gerät in der Nähe ist, benutzen Sie es.“

Warum aber keine gesetzliche Pflicht zur Auffrischung von Erste Hilfe Kursen? Hilfsdienste wie das DRK, der ASB, die Malteser und Johanniter empfehlen regelmäßige, freiwillige Wiederholungen, fordern aber keine Pflicht. „Dadurch kann auch die Hemmschwelle, bei einem Unfall anzuhalten und zu helfen, sinken“, so das DRK NRW. Eine Pflichtveranstaltung sei nicht das richtige Instrument, um die Bevölkerung für Erste Hilfe zu sensibilisieren.

Erste Hilfe in der Schule

„Der Gesetzgeber sollte sich um gute Rahmenbedingungen bemühen“, heißt es seitens der Zentrale der Malteser in Köln. „Das heißt beispielsweise, Erste Hilfe in der Schule lehren zu lassen oder festzulegen, dass die Krankenkassen die Kosten für Erste Hilfe-Ausbildung bezahlen, weil sie der Gesundheitsvorsorge dient.“ Ähnliches auch vom DRK: „Die Zahl von bundesweit 1.163.000 Schulunfällen im Jahr 2018 ist alarmierend hoch“, sagt Hans Schwarz, Präsident des Landesverbandes Nordrhein. Die Gefahr von Unfällen in Schulen sei weitaus größer als in Betrieben. Während die Unfallversicherungsträger für Betriebe eine Ersthelfer-Quote von bis zu zehn Prozent der Belegschaft vorschreiben, gibt es bislang keine verpflichtenden einheitlichen Regelungen für Schulen.

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