Maastrichts dunkle Seite

Ein „Tor zur Hölle“ und zwei Tote im Tunnel

Unter St. Pieter verbergen sich schauerliche Geheimnisse.

Unter St. Pieter verbergen sich schauerliche Geheimnisse.

Foto: Heiko Buschmann

Maastricht.  Wer Maastricht besucht, will sich in der Regel einen schönen Tag in der Altstadt machen. Doch hier in Limburg gibt es auch dunkle Geheimnisse.

Hier sind es immer elf Grad, egal ob das Thermometer ein paar Meter weiter gerade noch Rekordwerte angezeigt hat. Willkommen im Maastrichter Untergrund! Etwa zwei Kilometer außerhalb der wunderschönen Altstadt bietet hier der St. Pietersberg mit seinen für niederländische Verhältnisse astronomische Höhe von 107 Metern eine prächtige Aussicht auf die Maas und Sehenswürdigkeiten wie die Liebfrauenbasilika sowie die direkt nebeneinander stehenden Sankt-Servatus-Basilika und die Sankt-Johannis-Kirche. Schattig und dunkel aber ist es unter der Erde – und zwar in den Grotten von St. Pieter.

„Das sind gar keine Grotten, sondern Tunnel“, bemerkt Tourführer Jos gleich beim Eintritt unter Tage. Wie zum Beispiel im deutschen Bergbau, hat auch hier in Limburg der Mensch seine Finger im Spiel. Der Grund dafür ist einfach, er sieht gelblich aus und ist hart: Steine. Vor hunderten Jahren begannen die Maastrichter, unter den St. Pieterberg ein etwa 200 Kilometer langes Labyrinth anzulegen, um den Kalkstein aus der Erde zu holen und dann für Kirchen, Schlösser oder andere Bauwerke zu verwenden.

Maastricht ist einer der ältesten Städte der Niederlande, ja es gibt sogar einen kleinen Streit mit Nimwegen, wer früher da war. Im Gelderland verweist man darauf, dass schon von mehr als 2000 Jahren die Römer da waren und in Nimwegen Siedlungen bauten. Natürlich waren die alten Römer auch in Limburg, gut sichtbar bis heute ist aus dieser Zeit eine der imposanten Brücken über die Maas. Das einstige Mosae Traiectum reklamiert für sich, seitdem durchgehend bewohnt gewesen zu sein, während Nimwegen zwischenzeitlich komplett zerstört war.

Die alte Stadtmauer rund um Maastricht ist heute nur noch in Teilen erhalten, zum Beispiel am Tor zur Hölle („Helpoort“). Das 1229 errichtete und somit älteste Stadttor der Niederlande war seinerzeit zwei Jahrhunderte lang als Verteidigungsanlage im Gebrauch, ehe später dort die Stadtmauer errichtet wurde. Auch hier und zum Beispiel beim Dominikanerkloster wurden verschiedene Steine aus der Umgebung verwendet, die robuste Grauwacke zusammen mit dem eher bröckligen Kalkstein aus dem Untergrund.

Zwei Jugendliche sterben

Dort finden heute täglich Führungen statt, auch in englischer oder deutscher Sprache. Die wichtigste Aufgabe eines jeden Tourguides: die Teilnehmer davor warnen, sich bloß nicht einen Meter von der Gruppe zu entfernen – St. Pieter kann nämlich tödlich sein. Es ist schon etwas her, als zwei Jugendlichen hier wortwörtlich das Licht ausging. Sie waren als Strafgefangene aus dem nahen Jugendgefängnis ausgebrochen und hatten die nicht sonderlich gute Idee, in der Grotte Nord abtauchen zu wollen. Früher, in Kriegszeiten, hatten hier immer wieder Menschen Zuflucht vor Gefechten gesucht. Das Problem: Es ist so dunkel, dass man erstens nicht die eigene Hand vor Augen sieht und zweitens in dem weit verzweigten Tunnelsystem ganz schnell die Orientierung verliert. Für die beiden jungen Ausbrecher wurde ihr Versteck zum Gefängnis. „Nach fünf Tagen wurden sie gefunden, nur 70 Meter vom Ausgang“, erzählt Tourguide Jos. Gruselig!

Mehr Glück hatten zwei Studenten, die da unten ein dunkles Abenteuer suchten. Statt vielleicht einer schönen Instagram-Story mit coolen Bildern durften sie später etwas von Rettung in höchster Not erzählen. Die Akkus ihrer Handys hatten nach dem Einstieg unter Tage schnell den Dienst quittiert und eine Touristengruppe war gerade auch nicht in der Nähe unterwegs. „Wir haben sie nach 24 Stunden gefunden und da raus geholt“, berichtet Jos. „Sie haben laut geschrien und zum Glück hat sie draußen jemand gehört.“

Trotz der Gefahren können Familien mit ihren Kindern problemlos die unterirdischen Gänge inspizieren, sie müssen sich eben nur im Rahmen einer geführten Tour an die Regeln halten. Ein kurzer Ausflug in die totale Dunkelheit gehört dazu, aber auch dieses spezielle Erlebnis ist nicht weiter gefährlich. Für eine Minute knipst Jos die mitgebrachten kleinen Laternen aus, nun geht es etwa 50 Meter tastend und mit Minischritten immer an der Wand entlang, bis der erfahrene Tourguide die Szenerie wieder erhellt.

Spannend! Dennoch sind alle froh, wenn sie nach einer Stunde unter St. Pieter wieder an die Oberfläche dürfen – an diesem Tag sind draußen ja auch keine 40 Grad und somit fast 30 mehr als im Tunnel.

In Maastricht gibt es schließlich noch so viel zu entdecken – zum Beispiel das Hotel Derlon, in dem die Gäste mit Blick auf Ausgrabungen aus der Römerzeit frühstücken.

Mehr Infos zum Maastrichter Untergrund und Führungen in die Grotten unter exploremaastricht.nl (auch in Deutsch).

Außerdem sehr sehenswert: „Tor zur Hölle“: besuchemaastricht.de /orte/helpoort ; Bischofsmühle mit schönem Café (Stenenbrug 3): www.bischopsmolen.nl ; Buchhandlung Dominicanen (Dominikanerstraat 1): www.boekhandeldominicanen.nl.

Die NRZ war auf Einladung des Niederländischen Büros für Tourismus und Convention (NBTC) in Maastricht.

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