Werkstatt für Behinderte

Ein Jahr danach: Der Gehaltsskandal um Rogg wirkt noch nach

Alexander Schmanke, neuer Geschäftsführer der Duisburger WfbM, schaut den Werkstatt-Mitarbeitern, wie hier Jessica Jaskulski, auch schon mal über die Schulter.

Alexander Schmanke, neuer Geschäftsführer der Duisburger WfbM, schaut den Werkstatt-Mitarbeitern, wie hier Jessica Jaskulski, auch schon mal über die Schulter.

Foto: Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Ein Jahr nach der Rogg-Affäre arbeitet der neue Chef der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung, Alexander Schmanke, die Folgen auf.

„Ja guten Morgen, Ihr beiden Urlauberinnen“, gegrüßt Alexander Schmanke die beiden Mitarbeiterinnen der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Die zwei Frauen, die in der Werkstatt am Kalkweg arbeiten und auch als Models des Erfolgslabels esthétique schon vor der Kamera standen, plaudern auf dem Weg in die Produktionsstätte am Duisburger Kalkweg munter drauf los. In Griechenland waren sie, hatten tolles Wetter und sich gut erholt.

Schmanke, seit 100 Tagen der neue Chef der WfbM, hört zu, obwohl er gerade auf dem Weg zu einem Termin ist. „Aber soviel Zeit muss sein. Die Gespräche mit den Mitarbeitern sind mir wichtig,“ sagt der 49-Jährige, der die Duisburger Werkstatt nach dem Gehaltsskandal um die vor einem Jahr fristlos gefeuerte Ex-Chefin Roselyne Rogg wieder aus den Negativ-Schlagzeilen bringen will.

Schmanke will sich auf das konzentrieren, was in einer WfbM im Vordergrund stehen sollte: Die Förderung und Beschäftigung von Menschen mit Handicap, wie er im Interview erklärt.

Herr Schmanke: Die Gehaltsaffäre um ihre Vorgängerin Roselyen Rogg, die zuletzt 375.000 Euro verdient hat, kratzte nicht nur am Image der WfBM, sondern sorgte auch für viel Unruhe in der Werkstatt. Bei Gericht ist eine Zivilklage gegen Frau Rogg auf Rückerstattung von 760.000 Euro bei Gericht eingereicht. Wie wirkt die Affäre ein Jahr später noch in die Werkstatt hinein?

Schmanke: „In einzelnen Momenten ist es immer mal wieder präsent. Aber zum Glück hat uns der Alltag eingeholt. Die Beschäftigten reagieren unterschiedlich. Ich werde von manchen angesprochen, die sagen: Schade, dass Frau Rogg weg ist, andere wollen von ihr nichts mehr sehen und hören. Der Blick geht nach vorne. Mir ist die Transparenz wichtig, nach innen und außen. Meine Tür ist für jeden Mitarbeiter und auch die Eltern der Beschäftigten immer offen.“

Wie blicken Sie auf die recht medienwirksame Arbeit ihrer Vorgängerin?

Schmanke: „Frau Rogg hat auch viel Gutes geleistet und die Werkstatt mit Projekten aus dem Dornröschenschlaf geholt. Das darf man nicht völlig vergessen. Mir ist aber wichtig, dass der Fokus nicht nur auf Prestigebereiche wie das Modelabel esthétique gerichtet ist, sondern auch nach innen. Die Arbeit, die die Menschen hier in der Werkstatt leisten, ist für uns genauso wichtig, wie die Arbeit von Mitarbeitern beispielsweise in der Fahrradwerkstatt oder in dem AV Concept-Store.“

Wie haben die Auftraggeber reagiert?

Schmanke: „Zum Glück ist keiner abgesprungen. Im Gegenteil. Wir haben Anfragen, die wir zum Teil ablehnen müssen, weil wir an Kapazitätsgrenzen stoßen. Auch bei unserem Modelabel. Mittlerweile vertreiben die Kollektionen bundesweit 20 Läden, wir haben weitere Anfragen. Mir ist aber wichtig, dass wir auch andere Arbeitgeber finden, um mehr Abwechselung für die Mitarbeiter in die Arbeit zu bekommen.“

Je erfolgreicher ein Unternehmen wird, je größer wird nicht selten der Druck auf die Mitarbeiter. Inwieweit unterscheidet sich eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung da von Firmen in der freien Wirtschaft?

Schmanke: „Es ist unsere Aufgabe, die Mitarbeiter mit einer psychischen Erkrankung oder auch mehrfach körper,- oder geistig behinderte Menschen individuell zu fördern und auch zu fordern. Dazu gehört, dass wir sie vor einer Überforderung schützen. Wichtig ist auch der Bereich der beruflichen Bildung, den wir ausbauen wollen.“

Welchen Stellenwert haben Werkstätten für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt? Sind es für Unternehmen günstige Produktionsstätten?

Wir sind ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsmarktes, bieten Menschen eine Beschäftigung, die sonst keine Chance haben, eine Arbeit zu finden. Das heißt aber nicht, dass wir zu Dumpingpreise produzieren. Wir haben auch schon Angebote von Firmen abgelehnt, weil sie zu wenig zahlen wollten.

Gibt es genügend Arbeitsplätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung?

Schmanke: Ja. Das klassische Wachstum wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten hatten, haben wir nicht mehr, auch weil es Bildungsmöglichkeiten anderer Träger gibt und das neue Bundesteilhabegesetz andere Anbieter von Beschäftigung ermöglicht. Dadurch wird ein höheres Wahlrecht für die Menschen mit Behinderung möglich, was wir begrüßen. Der Bedarf an Arbeitsplätzen für Menschen Schwerstmehrfach-Behinderung steigt allerdings. Das hat unter anderem was mit dem medizinischen Fortschritt zu tun, der es ermöglicht, dass diese Menschen älter werden können als früher. Und es auch etwas damit zu tun, dass Menschen mit Behinderung irgendwann mehr Pflege benötigen, ihre Leistungsfähigkeit abnimmt und dadurch eine besondere Betreuung brauchen.“

Widerspricht nicht eine WfbM dem Grundgedanken der Inklusion?

Schmanke: Nein. Werkstätten gehören mit zur Inklusionslandschaft. Früher gab es den Automatismus von der Förderschule in eine Werkstatt. Das ist heute nicht mehr so. Aber es wird immer Menschen geben, die den Schutzraum einer Werkstatt benötigen. NRW ist das einzige Bundesland, in dem alle Menschen mit Behinderung einen Anspruch auf einen Werkstattplatz haben. Der Leistungsdruck ist nicht so hoch, wie in einem Unternehmen. Wir haben auch Werkstatt-Mitarbeiter, die ,draußen’ in einer Firma arbeiten, aber die Absicherung der Werkstatt im Hintergrund haben.“

Stehen die Werkstätten in einer Konkurrenz zueinander?

„Nein. Es gibt eine regionale Aufteilung. Ich lege aber Wert auf eine Kooperation, habe seit meinem Dienstantritt auch schon viele Partner hier in der Region besucht. Das ist vielleicht in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Es macht Sinn, dass die Werkstätten auch ihre Schwerpunkte haben. Während wir hier zum Beispiel eine Kochwerkstatt haben, gibt es bei den Caritas-Werkstätten in Rheinhausen einen KfZ-Reinigung,- und Aufbereitung. Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter wählen können, wo sie arbeiten. Auch das ist Inklusion.“

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