Drama in den Alpen

Dramatische Bergrettung: Überlebende sucht verlorenen Freund

Einen ihren Retter von der italienischen Bergwacht hat Ute Fischer 2018 wiedergetroffen. Aber wo ist ihr Freund, der damals die Rettung einleitete.

Einen ihren Retter von der italienischen Bergwacht hat Ute Fischer 2018 wiedergetroffen. Aber wo ist ihr Freund, der damals die Rettung einleitete.

Foto: Privat

An Rhein und Ruhr.  Ute Fischer verunglückte 1966 in den Dolomiten – mit ihrem Freund Arno Kunze. Den sucht sie jetzt. Vermutlich lebt er heute im Rheinland.

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Um ein Haar hätte Ute Fischer die Chance gehabt, gewissermaßen als Ötzi der Neuzeit in die Geschichte einzugehen. Dass es anders gekommen ist, verdankt sie der italienischen Bergrettung. Und einem Freund von damals, Arno Kunze. Den sucht Ute Fischer auch heute noch. Um sich zu bedanken, mehr als 50 Jahre nach dem sie ein zweites Mal zur Welt kam, damals am 25. September 1966, als sie Retter aus einer Gletscherspalte in den Dolomiten zogen.

Es war, man kann es kaum anders sagen, jugendlicher Leichtsinn: Die damals 18-Jährige war mit ihrem Freund Heiner, dem besagten Arno Kunze und einer weiteren jungen Dame zu einer Bergwanderung aufgebrochen. Als sie sich gegen 15.30 Uhr aufmachten zum Abstieg, wurde Heiner leichtsinnig, rutschte auf dem Hintern johlend den Gletscher an der Marmolata hinunter.

Ute Fischer tat es ihm nach, rutschte jedoch an ihm vorbei. Er packte zu, wollte sie festhalten…„Aber es gelang ihm nicht. Er warf sich über mich und wir trudelten wie ein flacher Kreisel gletscherabwärts bis zur Spalte. Ich war gerade vorne, als wir gegen die Kante der Spalte stießen; das war die Gehirnerschütterung, die mir vermutlich mildtätig den Schrecken ersparte, bewusst mitzubekommen, wie wir als Bündel Menschen rechts und links an die Spaltenwände anschlagend, in den Abgrund stürzten.“

Gehirnerschütterung und gebrochenes Bein

Das zweite Paar, Arno und seine Freundin Marianne, hatte den Unfall mit angesehen. Retten konnten sie ihre Berggefährten tief unten in der Spalte nicht. Sie stiegen ab, holten Hilfe, während Ute Fischer und ihr Freund Heiner mit Gehirnerschütterung und gebrochenem Bein in einer 48 Meter tiefen Gletscherspalte auf ihr Ende warteten.

Später schreibt sie in ihrem Buch: „Der Himmel war nur ein zentimeterbreiter Streifen. Wie ein dünnes blaues Band lag er über mir, sehr weit hoch oben. Wie ein Strich, der mein Schicksal besiegeln sollte. Wie ein Schlussstrich am Beginn meines jungen Lebens. Weißer Schnee war mein Bett. Rechts und links erhoben sich eisgraue Wände. Schillernd und glitzernd wie aus gesplittertem Glas. Sie schienen sich nach oben zur Mitte zu beugen als wollten sie sich über mir schließen wie das gotische Dach einer Kathedrale. Ich hatte meinen Liebsten bei mir. Er lag nur wenige Meter von mir entfernt. Wir redeten nicht viel. Als ahnten wir, dass dies das Ende aller Gespräche sein würde. Panik? Nein. Ich betete ein letztes Vater-Unser. Es hallte an den Wänden wieder, als würden sie mir antworten. Mir war klar, dass dies das Ende sein würde.“

Die Bergung der beiden dauert bis in die Nacht hinein

Doch es kommt anders: Die italienische Bergwacht holt das junge Paar wieder aus der Spalte. Unter großen Mühen werden die beiden Jugendlichen in der Abenddämmerung geborgen, bis in die Nacht hinein dauert es, die Verunfallten zu bergen. Es folgt ein monatelanger Klinikaufenthalt, jahrelange Alpträume und ein verkürztes Bein bei Ute Fischer. Heiner, ihren Bergfreund von damals, verliert sie aus den Augen.

Das Leben verdrängt das Gletscherdrama für viele Jahre und Jahrzehnte. Heute ist Ute Fischer im Rentnerinnenalter, lebt in Reinheim bei Darmstadt, reist und schreibt gern. Die Geschichten ihrer Reisen veröffentlicht sie im Eigenverlag. Doch bis sie sich an die persönliche Geschichte herantraute, vergingen mehr als 50 Jahre.

2018 besuchte sie die Marmolata wieder, bedankte sich bei den italienischen Bergrettern von einst, von denen zwei noch lebten. Und sie stellte fest: Heute könnte sie an gleicher Stelle nicht mehr verschwinden. Der Klimawandel hat den damals mindestens 48 Meter dicken Gletscher am Unglücksort vernichtet. Arno Kunze jedoch ist ihr verloren gegangen. Seine Ausbildung hat er damals in Wiesbaden gemacht, danach wollte er ins Rheinland. Da verliert sich seine Spur, Spalten, in denen jemand verschwinden kann, gibt es offenbar auch hier.

Ute Fischers Weihnachtswunsch: Sie würde Arno Kunze gern wieder in die Arme schließen, gemeinsam im Buch über die Marmolata blättern und an den zweiten Geburtstag denken – jenen nach dem „Vater Unser“ in der Gletscherspalte.

Wer hat im Rheinland, vermutlich im Raum Düsseldorf, etwas von Arno Kunze gehört? Er müsste heute um die 70 Jahre akt sein und hat vermutlich früher als Chemikant gearbeitet.

Hinweise: s.hermsen@nrz.de. Den Kontakt mit Ute Fischer vermittelt die NRZ dann gerne.

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